Eine Anzeige für eine freifinanzierte Wohnung, Berliner Innenstadtlage: »Etwa 59 Quadratmeter«, sehr offener Grundriss, der kaum zu zweit und schon gar nicht mit Kindern zu beleben ist, ein Schlafzimmer, Wohnzimmer mit offener Küchenzeile und Herdblock, Bad, Parkettboden, kein Balkon, aber »Stararchitekt«. Für 890.000 Euro zu kaufen. Stand Sommer 2025. Dazu die Makler- und sonstigen Gebühren macht um die 19.000 Euro pro Quadratmeter. Der obszöne Preis für die Edel-Butze ist, wenn man sich die Immobilienanzeigen ansieht, in Hamburg billig. Ganz zu schweigen von München.
Die Werbefotos für solche Etablissements zeigen als Einrichtung fast immer das, was die Anbieter als modernen, gehobenen Mittelstands-Geschmack vermuteten. Sie orientieren sich dabei an besseren Möbelgeschäften in Hamburg, München, Düsseldorf oder Berlin, vor allem aber an Zeitschriften wie »Schöner Wohnen«. Die erscheint seit 1960, ist nach eigener Angabe größte Einrichtungszeitschrift Europas. Die aktuelle Redaktion von »Schöner Wohnen« hat anlässlich des 65. Geburtstags einige – leider nicht alle – Titelblätter seit 1960 online gestellt. Die Auswahl demonstriert: Über Jahrzehnte dominant ist die Orientierung am skandinavischen und italienischen Avantgardedesign der Nachkriegszeit. Daneben immer wieder eindeutig als gefühlvoll charakterisierte Ausflüge aufs Land, in Bauerngärten und bunte Bauernküchen. Nur keine totalitäre Doktrin von »dem« Schönen verkünden, das gehört zu den bundesrepublikanischen Lehren aus der Nazizeit.
Ein Boomer-Blatt reinsten Wassers: ganze Generationen, für die Frieden, sozialer Aufstieg und Liberalität sowie stetig wachsender Wohlstand selbstverständlich zu sein schienen. »Schöner Wohnen« spiegelte und prägte wie etwa »Brigitte«, die Zeitschriften der Baugesellschaften oder der 2020 ruchlos dem Profit geopferte Ikea-Katalog den Geschmack des Mittelstands in West- und indirekt auch in Ostdeutschland vom Weihnachtsbaumanhänger bis zu Kücheneinrichtungen: Arbeitsplatten aus Stein, Keramik, Terrazzo oder Holz, Fronten historisierend oder modern, natur oder farbig? Derzeit ist mattfarbig gestrichenes oder Natur-Holz mit Leiste wieder »in«, die vor einigen Jahren beliebten, hart schwarz-bunten Farben und Metalloberflächen werden selten.
Sehen wir uns die Ausgaben von »Schöner Wohnen« aus den vergangenen zwei Jahren an, um die Grenzen des eigenen Geschmacks methodisch zu überspringen (Danke an die Redaktion für die Zur-Verfügungstellung): Selbstverständlich gibt es Luxus-Wohnräume mit Ausblick aufs Meer, die Berge oder die Dächer der Weltstädte, Schlafzimmer, aus denen der Blick auf wehendem Terrassenbambus schweift, »begehbare Schänke« in Wohnzimmergröße. »Schöner Wohnen« soll Träume und damit den Konsum anregen, nicht die harte Realität des Wohnens von Einwanderern in Neukölln abbilden.
Aber es sind auch eher durchschnittliche Dreizimmerwohnungen zu sehen, winklige, licht ausgebaute Dachgeschosse, Minimalbäder. Zarte Möbel scheinen die schon aus Klimaschutzgründen absehbare Bescheidenheit zu antizipieren, hier ein Sofa mit abgespreizten Beinchen und ein Tischchen, eine innen sanft golden schimmernde Standlampe, ein knappes Sideboard, dort ein knapp gerundeter Sessel. Die einst so beliebten massiven Sofalandschaften und breit ausholenden Sessel werden offenbar für den Luxusbereich reserviert.
Und dann ein Artikel über die Tiny Homes-Bewegung. So bunt, individuell, sozial schienen sie zunächst. Schnell aber wird klar gemacht: Spätestens, wenn die Kinder mit Malbögen anfangen, scheitert die Raum-Selbstkasteiung der Erwachsenen. Städtebaulich, sozial und ökologisch lohnen sich die kleinen Rollheime nur, wenn sie auf dem Dach einer Hochgarage stehen, dicht an dicht. Auch dann ist die Aufstockung energetisch viel ökonomischer.
Immerhin hat diese Mode klar gemacht: Ein zentrales Problem des aktuellen Wohnens in Deutschland und allen Industrieländern (übrigens relativ gesehen inzwischen auch in China) ist der Platzverbrauch pro Person. 1970, als in Westdeutschland der Wiederaufbau in den Wohlstandsausbau überging, wurden pro Person etwa 20 Quadratmeter Wohnfläche als mittelbürgerlich-angemessen betrachtet. Pro Zimmer eine erwachsene Person, plus Küche, Bad und möglichst Balkon. Auch das war schon fast doppelt so viel Platz wie in den Reformsiedlungen der Berliner, Frankfurter, Hamburger Moderne in den 1920er Jahren vorgesehen. 1990 waren es schon 30 Quadratmeter pro Person, in der untergehenden DDR allerdings nur 18. Heute sind es durchschnittlich fast 50 Quadratmeter, jede Person bewohnt inzwischen statistisch 1,7 Zimmer. Anders gesagt: Eine Wohnung, die um 1980 für vier Personen geplant wurde, reicht heute für zwei. Zwar wird die Statistik etwas verzerrt durch Einfamilienhäuser sowie die stetig steigende Zahl von Einpersonenhaushalten. In Hamburg oder Berlin etwa liegt der statistische Flächenverbrauch seit fast 20 Jahren bei etwa 38 Quadratmetern pro Person. Aber auch das ist fast doppelt so viel Platz wie 1970.
Die kommerziellen Großanbieter auf dem Wohnungsmarkt fordern, um die Wohnungsnot zu lösen, »bauen, bauen, bauen«. Die Politik reagierte darauf mit dem in Fachkreisen weithin abgelehnten »Bauturbo«-Gesetz. Es bestimmt keine Minimaldichten oder -anteile für preiswerte Wohnungen, will einfach nur Bauland an den Siedlungsrändern ohne Bebauungsplan freigeben. Wenn denn die Gemeinden bereit sind, dafür alle Beteiligungsrechte aufzugeben. Keine Rede davon, kleine Anbieter, Genossenschaften oder kommunale Wohnungsbaugesellschaften zu bevorzugen. Dabei sind sie es, die nach allen Statistiken den Bestand besser pflegen, weit mehr als die Großanbieter für energetische Erneuerung ausgeben, Umzüge im Bestand zulassen, ohne die Mieten zu treiben, die soziale Umgebung stabilisieren.
Sie verlangen wieder Platzgebrauch wie um 1990, in Neubauprojekten sind Holzkonstruktionen und Balkone selbstverständlich, gemeinschaftliche Hofgärten, energetische Autarkie mit Erdwärme und Solarpanelen. Nicht die von Investoren geliebten Wohnküchen, sondern offene Küchen mit flexiblen Raumnutzungen daneben und sonst eher kleinere Zimmer prägen die Grundrisse, knappe Bäder, oft nur mit Duschen. Hier wird vorgeschlagen, das klassische Badehaus zu reaktivieren, vielleicht gar Wannenbäder neben der Sauna auf dem Dachgarten, und statt der Platzverschwendung für eigene Waschmaschinen gibt es nach Schweizer Vorbild die Gemeinschaftswaschräume.
Auch das ist Zukunft: Der Forscher Daniel Furhop plädiert schon seit Jahren für einen Neubaustopp, die Republik habe genug Baumasse, diese sei nur falsch genutzt und müsse umgebaut werden. Selbst die Bundesarchitektenkammer plädiert für einen Abrissstopp, für den Um- und Ausbau des Bestands. Auch in »Schöner Wohnen« gibt es keine Ausgabe mehr ohne Um- und Weiterbau. Der Nachhaltigkeit, des Klimas wegen.
Viele helle Hölzer, gebleichte Eiche, weiche Birke, harte Buche, Esche und astfreie Nadelgehölze sind heute das Modell, Textilien aus Wolle, Leinen, kräftig in der Struktur und »natürlich«. Nur eindeutig alte Möbel dürfen auch aus Teak, gar Palisander, Mahagoni sein, sanft poliert. Botschaft: Wir wissen um das Öko-Problem der Tropenhölzer, der Kolonialgeschichte, der Ausbeutung – aber diese Möbel sind doch von Oma. Neue Ausstattungen aus Tropenhölzern dagegen sind inzwischen im Mittelstandsgeschmack etwa so akzeptabel wie ein Eisbärenfell auf dem Boden. Es sei denn, das Holz stammt ausweislich sofort beim Besuch oder als Bildunterschrift erzähltem FSC-Verkaufszettel aus »nachhaltig« geführten Plantagen. Dass auch eine gut geführte Plantage den Platz von Regenwald oder Savannen einnimmt, Bauern und ganze Völker oft vertrieben werden, der Düngemittel- und Wasserverbrauch erheblich sind – das Leben steckt voller Kompromisse.
Also herrschen sanfte, als konfliktbereinigend geltende Naturtöne, zwischen hellstem Milchkaffee und zartem Dunkelblau und -grün. Die kraftvollen Farben und Formen der Pop-Kunst der 1970er sind erträglich allenfalls als Bettwäsche, als aufweckendes Accessoire. Auch hier spiegeln die Wohneinrichtungsvorschläge eine sich selbst ungewiss gewordene Gesellschaft, der klar ist, dass die einstige Sicherheit nicht wiederkommen wird, die weiß, dass der Platzverbrauch alle Maße sprengt, die aber mit den multiplen Krisen noch nicht umzugehen gelernt hat. Die Wohnung zeigt sich hier als sanfter, konfliktbefreiter Rückzugsort. Wer will schon wissen, dass von den allein in Deutschland jährlich verbrauchten etwa acht Millionen Matratzen und unzählbaren Polstern allenfalls zehn Prozent recycelt werden? Diese herrliche Sofalandschaft in mattem Hellgrau (glattes schwarzes Leder ist sehr, sehr out) – besteht aus fossilen Rohstoffen, die mit immensem Energie-, Material- und Wassergebrauch kunstvoll und schier untrennbar in Polstern und Matratzen verflochten und verklebt werden. Ein wortwörtlich massives Müll-Problem. Andererseits: Eine moderne Matratze kann perfekt auf Größe und Gewicht der Person abgestimmt werden. Das fördert die Gesundheit, also die Arbeitskraft. Die Moderne ist nicht konfliktfrei zu haben