Über die Urfunktion des Bauens herrscht in der klassischen Architekturlehre von Vitruv bis Gottfried Semper die Auffassung, dass das Haus der Hüter des Herdes ist und die Versammlung der Menschen um das Feuer sichert. Allerdings lassen sich Feuer auch unter freiem Himmel entfachen, während eine andere anthropologische Vitalfunktion auf definierte räumliche Hüllen nicht verzichten kann: das Schlafen.
Die Schaffung von Schlafimmunität, um die Wehrlosigkeit Schlafender in ihrem verletzbarsten Zustand räumlich zu schützen, ist als Kernaufgabe der Architektur nahezu in Vergessenheit geraten. Die entnächtigte moderne Zivilisation befindet sich längst in einem 24/7-Dauerbetrieb, so dass Wohnungen und Häuser rund um die Uhr bespielte Bühnen sind. Wenn Architektinnen und Architekten sich heute der Entwurfsaufgabe von Schlafräumen widmen, kommen meist nur Normgrundrisse und Minimalzuschnitte heraus, wie sie in der Moderne entwickelt wurden.
Zwar haben große Entwerfer schlichte, schöne oder gar spektakuläre Schlafräume gestaltet. So schuf Karl Friedrich Schinkel für Königin Luise ein bewohnbares Himmelszelt, Emil Fahrenkamp bettete seine Tochter in einer antikisierenden Wiege unter Empire-Baldachin, Adolf Loos verwandelte den Schlafraum seiner Frau in eine Lustgrotte mit flauschigem Langhaarteppich, und auch Gio Ponti, Adalberto Libera und Le Corbusier schufen betörende Beispiele.
Dennoch bleiben Schlafzimmer ein Dorado nur für Dekorateure und Designer. Sie sind die fleißigsten Beschützer der menschlichen Weltlosigkeit und haben von den Wandmalereien der Villa dei Misteri in Pompej bis zu den erotisierenden James-Bond-Interieurs von Arthur Elrod versucht, ein Stück der nächtlichen Rauschzustände ins Interieur zurückzuholen.
Einer der großen Schlaf-Verfechter der Gegenwart ist der Philosoph Peter Sloterdijk. Er kritisiert das überkommunikative Menschenbild der Totalvernetzung und fordert die Architekten auf, auch an den Isolierungsleistungen von Räumen und Gebäuden zwecks gelegentlicher Nicht-Kommunikation zu arbeiten. Sloterdijk thematisiert die in der Architektur vernachlässigte Eigenschaft der Menschen, dass sie nicht nur herstellen, handeln, kommunizieren und sich vermehren, sondern dass sie auch schlafen und dafür einen besonderen Raum benötigen.
Denn Menschen leisten keinen 24-Stunden-Wach-Dienst an der Realität, sie entwickeln nur eine brüchige, geteilte Loyalität gegenüber der Wachwelt. Sloterdijk nennt den Menschen einen »homo nocturnus«, der in einem natürlichen Rhythmus so etwas wie Weltabwesenheit brauche, also in einen a-kosmischen Zustand gerate. Deswegen solle man den Menschen vom Schlaf her verstehen, also vom Schutzbedürfnis seines schwächsten Augenblicks her.
Doch die Wohnwirklichkeit sieht anders aus. Zwar ist das Schlafzimmer der meistgenutzte Raum in jeder Wohnung, aber es wird wie ein Abstellraum behandelt, der tagsüber nutzlos ist und in der Nacht keinen Gestaltungsaufwand lohnt. Seit fast einem Jahrhundert gelten die Mindestanforderungen der 1936 erschienenen »Bauentwurfslehre« von Ernst Neufert, die bis heute die Leitlinien für den öffentlichen Wohnungsbau definiert. Danach soll das kleinste Schlafzimmer für zwei Personen acht Quadratmeter Grundfläche aufweisen, der Zugang zum Bett mindestens siebzig Zentimeter breit und der Luftraum darüber nicht niedriger als neunzig Zentimeter hoch sein. Angesichts der Vielzahl der von Neufert vorgeschlagenen Klapp-, Schrank-, Roll-, Hoch- und Sofabettentypen fühlt man sich eher an die Outdoor-Ausrüstung für Wohnmobile und Campingplätze denn an das Herzstück des Habitats erinnert. Diese Mobilmachung mit immer leichteren Patentbetten führte zum deprimierten Resümee von T. W. Adorno 1951: »Der moderne Mensch wünscht nahe am Boden zu schlafen wie ein Tier, hat (…) mit dem Bett die Schwelle von Wachen und Traum abgeschafft. Die Übernächtigen sind allezeit verfügbar und widerstandslos zu allem bereit, alert und bewußtlos zugleich.« Heute wird dieser permanente Bereitschaftszustand – temporäre Deaktivierung mit reduziertem Energieverbrauch – bei technischen Geräten »Schlafmodus« genannt.
Das Bett als Mittelpunkt des Schlafambientes hat einen langen Gestalt- und Bedeutungswandel. Ob als Wiege, Kline, Alkoven, Lager oder Récamière vereint es – zumindest im westlichen Kulturkreis – zwei Eigenschaften: Es ist ein Postament oder zumindest ein Gestell über dem Boden, und es bildet eine klar konturierte Eigenräumlichkeit durch Rahmen, Pfosten oder Überdachungen aus – wie ein kleines rudimentäres Haus.
In seinem Aufsatz »Heavenly Mansions. An Interpretation of Gothic« prägte der Architekturhistoriker John Summerson den Begriff des kleinen Hauses, den er mit dem Spiel von Kindern verband, sich unter Tischen einzurichten und einen Bereich zu schaffen, wo sie sich geborgen fühlen. Diese kleinen Häuser (lat. aediculae) führte er auf Miniaturtempel für zeremonielle Zwecke zurück, die zu den frühesten architektonischen Entdeckungen der Menschheit gehören. Auch der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr hat dieses Architekturelement beschrieben und »Baldachin« oder »Wölbgestell« genannt.
Über die Bauform der Aedikula – seit alters auch als Himmelbett verbreitet – hinaus bewegt sich die Suche nach einer zeitgenössischen Raumform des Schlafzimmers zwischen zwei Extrempolen: zwischen strengen Raumkompositionen mit materieller Masse und atmosphärisch aufgeladenen Interieurs im Sinne einer Ästhetik des Beweglichen und Offenen.
So hatte der Architekt Louis Kahn eine große Vorliebe für normannische Burgen mit ihren zentralen Wohnhallen und den ringsum in die mächtigen Umfassungsmauern geschnittenen Neben- und Rückzugsräumen mit Außenfenstern. In zahlreichen Entwürfen legte Kahn seine Schlafzimmer tangential als Satelliten rund um das Wohnzentrum an, wodurch die Schlafräume nicht in Nebengelasse abgeschoben wurden. Angesichts der oft nur schießschartengroßen Fenster dieser Burgen entwickelte Kahn seinen Gedanken, dass Schlafzimmer stets reduzierte Fenster brauchen, die aber trotzdem »die Stimmungen des Tages und der Jahreszeiten durch die Wände hindurch lassen.« Ein Schlafzimmer solle den Bewohnern nicht nur das Gefühl von Privatheit wie ein »Haus im Haus« geben. Vor allem wünschte Kahn, dass jeder, der morgens aufsteht, »das Gefühl hat, dass der Raum ihn umarmt.«
Das Gegenmodell zu dieser Einhausung in feste Raumgrenzen ist die Ausweitung der Vitalsphäre in flexible Raumhüllen. So entwickelten die Wiener Aktionsarchitekten Coop Himmelb(l)au zusammen mit dem Institut für Umwelthygiene der Universität Wien 1976 »Wohnungen, die den Bewohnern höchstmögliches körperliches und seelisches Wohlbefinden (…) und Erholung gewährleisten«.
Sie entwarfen einen runden »Intensiv-Entspannungsraum« und platzierten darin ein »Aqua-Bett aus wassergefüllter PVC-Folie, das von einem integrierten 10-Hz-Vibrator in Schwingungen versetzt wird«. Als Körperhaltung empfahlen sie das »Astronauten-Liegeprofil: Füße hochgelagert, Herz in horizontaler Achse des Kreislaufs zwecks Entlastung«. Der zylindrische Raum war mit Schiebewänden verschließbar, von Trance-Musik beschallt und mit einer transparenten Hartplastikkuppel überwölbt. Die Architekten waren überzeugt, »dass sich runde, transparente Raumformen positiv auf die Entspannung auswirken«. Dass dieser Labor-Entwurf unrealisiert blieb, macht ihn nicht weniger bedeutend als die Idee gebliebene Arbeit von Bruno Taut, der aus seiner Vorliebe für das »Rund des Ruheraumes« 1923 ein zylindrisches Schlafzimmer entwarf, das einem Cockpit für die nächtliche Himmelfahrt gleichkommt.
Zwischen den Extremen normannischer Burgmauern und psychedelisch inspirierter Raumkapseln gibt es ein weites Feld für die Gestaltung von Ruhezonen. Gemeinsam ist allen Varianten aber das, was Peter Sloterdijk die Idealform einer »a-kosmischen Zwiebel« nennt: eine sich erweiternde Struktur, die vom Haut-Ich über das Bett-Ich über das Zimmer-Ich zum Haus-Ich reicht. Für solche »Nestbildungen im kleinen Haus« brauche der menschliche Schlaf weder Pyramiden noch Kathedralen, sondern nur »jene einfache technische Schlafhilfe, die mehr als alles übrige zur Humanisierung der Nächte beigetragen hat« – das Bett. Die Suche nach dem idealen Himmelbett geht also weiter.