Ich wurde 1974 in einem Dorf in Anatolien geboren. Während meine Eltern als sogenannte »Gastarbeiter« in Berlin arbeiteten, wuchs ich bei meinen Onkeln auf. Unsere Familie gehörte zu den Yörük, Nomaden und Schlichter. Zehn Jahre verbrachte ich als Hirte in Danışment – ohne Eltern, nah an Tieren und Natur. Durch Pfeifen, Geräusche und Gesang fand ich Halt und schaltete den Kopf aus.
Mein Tanz begann im Dorf während des Ramadan. Ein Poet bat mich, ihn trommelnd zu begleiten, gab mir einen Pelz und sagte: »Wenn ich trommle, tanze wie ein Bär.« Unter diesem Pelz entstand eine Welt ohne Sprache. Um den Bären zu verkörpern, musste ich mich selbst vergessen. Diese Erfahrung und die Werte der Yörük als Nomaden und Schlichter nahm ich mit nach Berlin.
Ankunft in Berlin
Mit zehn Jahren, 1984, kam ich nach Berlin-Wedding zu meinen mir fremd gewordenen Eltern. Die Stadt war grau, geprägt von Mauer, Schutt und Stille. Meine ersten deutschen Wörter waren »Brot« und »Mauer«. Zu Hause sprachen wir Türkisch, in der Koranschule lernte ich Arabisch. Die Schriftzeichen verband ich mit Graffiti – mein Einstieg in Urban Calligraphy.
Ich verstand kaum Deutsch, meine Sprache entwickelte sich langsam. In meiner Klasse tanzte ein Mitschüler mit weißen Handschuhen pantomimisch eine Scheibe. Das war für mich Zauberei, und ich wollte auch Zauberer werden. Mein Körper wurde mein Ausdruck und meine Sprache. Den Tod meines Bruders 1992 konnte ich nur durch Tanz verarbeiten – auf der Straße, ohne Worte. Hip-Hop wurde meine Schule, die Straße mein Klassenzimmer.
Migrantische Communities & Hip-Hop
Hip-Hop der 1980er – Wildstyle, Beat Street – zeigte uns, wie marginalisierte Communities der afroamerikanischen und lateinamerikanischen Jugendlichen ihre eigene Kultur erschufen. Wir als Gastarbeiterkinder erkannten uns darin wieder. Die Wut über rassistische Anschläge wie in Solingen, Mölln oder Berlin konnten wir so kanalisieren. Rap wurde unsere Stimme. Türkischsprachige Rapgruppen wie Islamic Force oder Cartel halfen mir, meine Identität zwischen Deutschland und Türkei zu verstehen. Hip-Hop war die Sprache der Sprachlosen.
Tanz als Identität
Das erste Gesetz des Hip-Hop lautet: Gib dir selbst eine Identität. Meine wurde »Amigo«. Ich lernte, die Stadt zu lesen, Spuren zu hinterlassen und Fragen zu stellen: Wer bin ich? Hip-Hop war Brutstätte für Kreativität und Widerstand. Aus Frust über Rassismus entstanden Crews, aber auch Verantwortung. Kurz nach der Wende gründete ich die Gruppe »Friends«, und 1993 wurden wir zu den »Flying Steps«. Bei der Breaking Weltmeisterschaft »Battle of the Year« lernte ich nicht nur Brüder und Schwestern aus allen Ecken der Welt kennen. Im Battle weckte ich auch den Bären aus meiner Kindheit in mir und fand den Weg über den Tanz zu mir. Als Antwort auf den Rassismus und auf die Morde an meinem Bruder und am Berliner Community Aktivist Maxim entschied ich mich, Hip-Hop für soziale Gerechtigkeit zu nutzen.
Battles & Community-Aufbau
In den 1990ern wuchs die Battle-Kultur in Jugendclubs und Straßen ganz Deutschlands. Topdance und Funk Styles wie Locking, Popping, House, Hip Hop Freestyle und New Jack Swing sowie der übermenschlich-dynamische Tanz Breaking entwickelten eigene Räume und Communities. Mit Takao Baba gründete ich das Funkin’ Stylez Festival – aus der Kultur für die Kultur. Battles wurden Orte des Austauschs, Tanz schuf Gemeinschaft über Sprache hinaus. In dem Tanzkreis der Kultur – dem Cypher – sind Deine Religion, ethnische Herkunft, oder Gender egal, solange Du die Kultur respektierst. Neue Formate wie »Me Against theMusic« öffneten Räume für Freestyle, Storytelling und Voguing. Die Auseinandersetzung mit Geschichte, Gender und Haltung vertiefte mein Verständnis von Bewegung.
Pina Bausch & Choreografie
1998 traf ich Pina Bausch. Sie sagte zu mir: »Wenn du Choreograf werden willst, fang jetzt an.« Da verstand ich: Ich will Tanz schreiben. Hip-Hop und Theater zu verbinden wurde mein Weg. So entwickelte ich das erste Theaterstück unter eigenem Namen. Aus den Recherchen kreierte ich einen eigenen Stil »Zeybreak« – eine Mischung aus der türkischen Zeybek Kultur (Zeybeks sind die Robin Hoods der Türkei) und Breaking. Tanz und Schrift waren von Anfang an unzertrennliche Geschwister. An der Berliner Mauer lernte ich Graffiti kennen und auf der Straße den Tanz, und aus der Fusion aus Wand und Boden entstand »Urban Dance Calligraphy«.
Vermittlungsarbeit & Zukunft
All diese Erfahrungen wollte ich nicht für mich behalten. Seit Jahrzehnten unterrichte ich in Jugendhäusern, gebe Workshops und bilde Tänzerinnen und Tänzer aus – nach dem Prinzip »Each one, teach one«. Projekte mit dem Goethe-Institut, mit Menschen mit Fluchterfahrung oder Inhaftierten zeigen mir: Urbaner Tanz stärkt, verbindet und gibt Perspektiven und Antworten.
Hip-Hop ist mehr als Tanz. Er ist Kultur, Haltung und Gemeinschaft. Jeder ist willkommen. Wenn Menschen ihre eigene Geschichte mit Hip-Hop verbinden, entsteht etwas Echtes. Was du nimmst, gibst du weiter.