Ein nasskalter Tag im Februar. Ich bin unterwegs zum Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Goethe-Universität Frankfurt. Meine Anspannung wächst, als ich den Seminarraum betrete. Tobias Almasi, ehemaliger Tänzer, steht vorne am Pult und verteidigt seine Doktorarbeit in Medizin. Er besteht mit magna cum laude. Alle Anwesenden gratulieren herzlich und stoßen an. Ein paar Stunden später ist Dr. Tobias Almasi wieder unterwegs nach Berlin zum Nachtdienst in der Unfallklinik, wo ihn die nächsten Unfallpatienteninnen und -patienten erwarten. Und ich bin wieder in Chemnitz, wo ich als Ballettdirektorin jeden Tag von Neuem die Karriere von Tänzern und Tänzerinnen begleite.  

Viele junge Menschen träumen davon, Tänzerin oder Tänzer zu werden. Der Weg auf die Bühne ist lang und erfordert hartes Training und viel Disziplin. Bei aller Hingabe und Begeisterungsfähigkeit, Teamgeist und physischer und mentaler Höchstleistung ist irgendwann ein Ende absehbar. Die Gründe sind verschiedenster Natur: Verletzung, Familiengründung, Alter, Arbeitslosigkeit, finanzielle Gründe oder auch Perspektivlosigkeit. Jedoch ist der Tanz nicht irgendein Beruf. Tanz ist Berufung und Leidenschaft, die man nicht einfach beiseitelegen kann. Tanzen ist ein Teil von uns und definiert unsere Identität, den Alltag sowie die Gemeinschaft der Tänzerinnen und Tänzer. Doch das nahende Ende der Karriere wirft viele Fragen und Unsicherheiten auf, wobei leider oft auch Verdrängung den Alltag bestimmt.  

Vor inzwischen 16 Jahren, am 17.12.2009, gründeten Inka Atassi und ich die Stiftung TANZ – Transition Zentrum Deutschland. Wir waren beide gemeinsam als Tänzerinnen am Opernhaus in Halle an der Saale Anfang der 1990er Jahre engagiert – wo auch Tobias Almasi später getanzt hat –, und wir wollten nach unserer aktiven Bühnenlaufbahn etwas für den Tanz tun und engagierten uns dafür, dass der Tanzberuf mehr Akzeptanz findet und gesellschaftlich relevant ist.  

Inzwischen kann die Stiftung TANZ eine erfolgreiche Bilanz vorweisen. Über 2.000 Tänzer und Tänzerinnen aus allen Tanzbereichen und Tanzstilen haben vom kostenlosen Angebot der Stiftung profitieren können. Das Angebot umfasst Beratung zu allen Transition-relevanten Fragen, persönliches Coaching, Vorträge in Compagnien und Tanzzentren/Tanzbüros, Weiterbildungsangebote z. B. von künstlerisch Aktiven im Tanz zu leitenden Funktionen, Konferenzen wie das Jahrestreffen der International Organization for the Transition of theProfessional Dancers (IOTPD) sowie finanzielle Unterstützung in Form von Stipendien. Zurzeit stehen Eilika Leibold, Fabian Obermeier und Virginia Eckleben, alle mit einem Masterabschluss in Klinischer Psychologie, teils auch in Sportpsychologie, für Beratung und persönliches Coaching zur Verfügung. Sie kommen aus unterschiedlichen Berufsfeldern, wobei Virginia Eckleben als ehemalige Tänzerin das Stipendiaten-Programm der Stiftung TANZ durchlaufen hat. Stipendien zur Unterstützung der persönlichen Weiterbildung werden drei Mal pro Jahr vergeben und können vorerst zehn Mal beantragt werden, wobei Ausnahmen die Regel bestätigen. So bei Tobias Almasi, den wir seit 2015 durch sein gesamtes Medizinstudium hindurch unterstützen können.  

Im Jubiläumsjahr 2025 konnte die Stiftung TANZ über 200 Stipendien im Wert von über 100.000 Euro vergeben. Das ist ein absoluter Rekord, eine Steigerung von über 100 Prozent im Vergleich zu 2019. Wir sehen darin deutlich Folgen der COVID-19-Pandemie: die Sensibilisierung der gesamten Tanzszene für das Thema Berufswechsel, Transition und die Suche nach mehr Stabilität. Die aktuellen Kürzungen in der Kulturförderung spiegeln sich in den Motivationsschreiben der Tänzer und Tänzerinnen für die Antragsstellung auf Unterstützung.  

Das Feld der Weiterbildungen und Studienrichtungen der Tänzer und Tänzerinnen ist weit gefächert. Wer sein halbes Leben auf der Bühne stand, arbeitet gerne weiterhin mit Menschen, etwa in therapeutischen Berufen. Beliebt sind Physiotherapie, verschiedene Bewegungs- und Schmerztherapien, Osteopathie, Theater- und Musikwissenschaft, Kulturmanagement, Kunstwissenschaft, Krisenmanagement oder ziviler Friedensdienst, Professional Arts Practice, Gesundheitswissenschaften, Lehramt und vieles mehr. Die Bandbreite reicht von Juristen über Medizinerinnen, Physiker, Finanzberaterinnen zu IT-Expertinnen und -experten. Die Hälfte der Tänzer und Tänzerinnen hat inzwischen Abitur als Schulabschluss. Damit nehmen viele gerne ein Studium auf. Allgemein hat sich die Bildungssituation der Tanzschaffenden verbessert. Die Bachelor-Abschlüsse im Bereich Tanz nehmen zu, was wiederum das Weiterkommen erleichtert. Auch die Bereitschaft zum Wechsel in andere Berufe ist inzwischen wesentlich höher als noch vor 20 Jahren. Wichtig ist, dass sich jeder einzelne in seiner Transitionsphase Zeit für sich selbst nimmt, reflektiert und sich seiner vielen Fähigkeiten und Interessen bewusst wird. Und dafür ist es gut, einen Ansprechpartner außerhalb des täglichen Umfeldes zu haben. 

Die Stiftung TANZ finanziert sich über das Stiftungsvermögen, Spenden und Nachlässe sowie eine Förderung durch die Kulturstiftung der Länder für die Geschäftsstelle. Benefizgalas und -Werkstätten helfen beim Fundraising, welches rund zwei Drittel der Einnahmen ausmacht Das Thema ist sehr persönlich; am Anfang steht meist ein persönlicher Bezug zum Tanz, welcher Förderer veranlasst, die Stiftung zu unterstützen. Die Stiftung TANZ wirbt um Bildungspaten und -patinnen und bietet die Möglichkeit, über Zustiftungen und Testamentsspende ein Namenstipendium zu vergeben. Und so schaue ich zuversichtlich in die Zukunft und träume von ehemaligen Tänzern und Tänzerinnen in strategisch relevanten Positionen in Kultur, Gesundheit, Gesellschaft und Politik für eine spannende, couragierte und inspirierte Zukunft.  

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 2/2026