Deutschland versteht sich als das Land der Dichter und Denker. Ein Land, im ständigen Ringen um bessere Werte bei der PISA-Studie, vor allem in den MINT-Fächern. Ein Land, in dem Kanzlerin und Kanzler ausgesprochen nüchtern Politik gestalten und zugleich die Wahrnehmung von Politik vor allem durch kontroverse Debatten, hitzige Reden und Streit geprägt wird, in immer neuen Versuchen, den politischen Gegner mit Argumenten und Anfeindungen niederzuringen. Dabei haben zum Beispiel die Abgeordneten im Bundestag zumindest im Sommer ein Bild vor Augen, wie es anders gehen kann. Allabendlich versammeln sich dann Tangotänzerinnen und -tänzer gegenüber dem Reichstagsgebäude an der Spree – eine Gesellschaft in Bewegung, eine Gemeinschaft voller Empathie und Taktgefühl.
Deutschland ist auch Tanzland, Tanz ist Teil unseres kulturellen Lebens. Jährlich besuchen rund zwei Millionen Menschen Ballett- und Tanzaufführungen, rund vier Millionen Menschen lernen tanzen – sei es in Gesellschaftstanzschulen, in Schulen für den künstlerischen Tanz oder im Tanzsport. Tanz verbindet Menschen – unabhängig von Herkunft, sozialer Situation oder religiöser Einstellung. Im Tanz entstehen Räume für respektvolle Begegnungen, gemeinsames Kulturerleben und demokratisches Miteinander.
An den Stadt-, Landes- und Staatstheatern arbeiten 60 Ballett- und Tanztheaterensembles. In der freien Szene gibt es rund 1.000 Choreografinnen und Choreografen, Projektgruppen und Kollektive. Jährlich entstehen rund 2.000 neue Choreografien, die in Theaterhäusern, freien Spielstätten und Kulturzentren ihr Publikum finden. Aber auch in Opern, Musicals und Shows sind Ballett und Tanz präsent. Auf den Bühnen und in den rund 5.000 Tanzschulen bundesweit wirken 15.000 professionelle Tanzschaffende.
Tanz auf der Bühne verhandelt die Zwischentöne unseres Zusammenlebens, zeigt, was nicht gesagt, aber in Bewegung und Bildern erkundet, befragt und gefühlt werden kann. Tanz lässt die Worte pausieren und transformiert die Brüche unserer Gesellschaft in die Körper der Tänzerinnen und Tänzer. Tanz erfindet Bewegungen für das Ringen um Selbstbestimmung, Konflikte, Konfrontation, Dialog und Gemeinschaft. Tanz spiegelt unsere Gesellschaft, befreit vom Wortgetöse. Tanz schafft – wie die Musik – Zugänge ohne Sprachbarriere, kommt damit ohne Anspruch auf literarisches Vorwissen und differenziertes Sprachverständnis auf das Publikum zu. In einem Land, das stetig von Einwanderung und kultureller Vielfalt geprägt wird, erhalten Tanz und Ballett immer größeren Zuspruch.
Aber wie sieht die soziale Lage der Tanzschaffenden aus? Laut Statistik des deutschen Bühnenvereins für die Saison 2022/23 arbeiteten 1.334 Tänzerinnen und Tänzer an den Stadt- und Staatstheatern. Diese werden zumeist nach Tarifvertrag bezahlt und haben damit ein gesichertes Einkommen. Zugleich sind ihre Verträge befristet, und die Zahl der Tänzerinnen und Tänzer hat sich im Vergleich zur Vorsaison um rund 60 Stellen reduziert. Auch die Verträge der Ballett- und Tanztheater-Direktorinnen und -Direktoren sind befristet. Die Gestaltung von Programm, Personal und Budget entsteht im Dialog mit den Intendantinnen und Intendanten der Häuser. Nur in wenigen Fällen bestehen Ballett-Intendanzen, die auf Augenhöhe mit den anderen Sparten verhandeln können.
In der freien Tanzszene bestimmt die Projektförderung das Bild, der immer wiederkehrende Kreislauf von Antrag, Bewilligung, Proben und Aufführungen. Wobei letztere oft den kleinsten Teil des Projekts ausmachen. Zumeist fehlen Spielstätten, die langfristig ein Tanzpublikum aufbauen können, auch reichen die Förderungen nur bis zur Premiere. Vereinzelt wird dies durch Wiederaufnahme- und Gastspielförderungen ausgeglichen. Honoraruntergrenzen sind etabliert, führen aber nicht zu mehr Einkommen, denn die Kulturhaushalte der Länder und Kommunen sind nicht gewachsen. Im Gegenteil, Kürzungsdebatten und Sparhaushalte wirken sich in hohem Maße auch auf die freie Tanzszene aus.
Noch einmal prekärer stellt sich die Situation für die Künstlerinnen und Künstler des urbanen Tanzes, der Ballroom-Communities und anderer Tanzkulturen dar. Ihnen fehlen oftmals die Zugänge zur Projektförderung, das Wissen (»Antragsfitness«) und die Anerkennung ihrer künstlerischen Arbeit durch die Fördergeber. Nur punktuell öffnen sich die Theaterhäuser für diese Szenen, und in der Hochschul-Ausbildung fehlen die entsprechenden Studiengänge.
Dabei wendet sich die Tanzszene der Gesellschaft zu, schafft kulturelle Teilhabe und räumt Barrieren ab. Tanz für junges Publikum ist ein künstlerisches Arbeitsfeld geworden, in dem Kinder und Jugendliche in die Entwicklung der Choreografien einbezogen werden. Neue Zugänge zum Tanz entstehen mit Klassenzimmer-Stücken und unaufwändigen Pop-Up-Formaten. Das Bundesjugendballett bringt den klassischen Tanz in Kulturzentren, in Museen und Konzertsäle, aber auch in Kirchen, Gefängnisräume und soziale Einrichtungen. Das Dance On Ensemble für Tänzerinnen und Tänzer über 40 macht die künstlerische Kraft jahrzehntelanger Erfahrung sichtbar und eröffnet damit neue Perspektiven auf das Alter.
Es gibt in der Tanzszene ein hohes Augenmerk auf inklusives Arbeiten. In zahlreichen Compagnien und Projekten wirken Künstlerinnen und Künstler mit Behinderung mit. Auch die Hochschul-Tanzausbildung öffnet sich Menschen mit anderen körperlichen Potenzialen.
Bei vielen freien Tanzschaffenden steht neben der künstlerischen Produktion die tanzpädagogische und tanzvermittelnde Arbeit. Sie geben Kurse und Workshops, unterrichten in den Tanzschulen und engagieren sich bei »Tanz in Schule«-Projekten. »ChanceTanz«, das Tanzförderprogramm im Rahmen von »Kultur macht stark!«, hat in den letzten Jahren über 300 Projekte im ganzen Bundesgebiet gefördert. Die Künstlerinnen und Künstler des Hip-Hopund der urbanen Tanzszene erreichen mit ihren Schulen und »academies« Tausende Kinder und Jugendliche, insbesondere aus migrantischen Communities.
Die Schulen für Gesellschaftstanz öffnen sich allen Generationen und allen tänzerischen Fähigkeiten. Mögen die Standardtänze manchen noch als Inbegriff von Steifheit und formalen Zwängen gelten, tatsächlich geben sie die Chance, sich schon mit einem Grundwissen von Musik und Schritten im Tanz begegnen zu können.
Wiederkehrend zeigen Studien, dass Menschen, die im Alter aktiv tanzen, sich um 10 bis 15 Jahre jünger fühlen. Gesundheitsprävention und Tanztherapie sind Arbeitsfelder für Tanzschaffende, beispielgebend auch in der Arbeit mit Parkinson- oder Demenzkranken.
Diese außerkünstlerischen Arbeitsfelder haben ihren ökonomischen Hintergrund, und zugleich wirken sie auf die künstlerischen Positionen zurück, indem soziale Erfahrungen die tänzerische Arbeit beeinflussen. Wobei das Körperwissen, das in diesen künstlerischen und sozialen Praktiken erworben wird, auch mit den Akteurinnen und Akteuren verloren gehen kann. Hier jedoch wirkt schon seit Langem ein Bewusstsein in der Szene, dass die ephemere Kunstform Tanz bewahrt werden muss.
Der Bewahrung des Wissens der Künstlerinnen und Künstler, den Beschreibungen des Tanzes in ästhetischen und gesellschaftlichen Kontexten widmen sich Tanzarchive und Tanzsammlungen, Tanzwissenschaftlerinnen und Tanzpublizisten. Und sie inspirieren Tanzschaffende zur Reflexion ihrer künstlerischen Praxis.
Im Ökosystem aus Tanzkunst, Pädagogik, Tanzwissen, Ausbildung und kulturellem Erbe wachsen die Verbindungen über verschiedene Ästhetiken und Produktionsformen hinweg. Es wächst das Bewusstsein von der Eigenständigkeit dieser Kunstform. In Landesverbänden, Tanznetzwerken und Tanzbüros formuliert sich immer stärker der Bedarf an nachhaltigen Strukturen für den Tanz: Tanzhäuser, die mit kontinuierlichem Programm das Publikum der diversen Stadtgesellschaft ansprechen; Produktionsräume, die mit Blick auf Boden, Licht und Deckenhöhe choreografische Arbeit ermöglichen; Tanzförderung, die Ensemblearbeit, künstlerische Qualität und soziale Sicherheit bietet; eine Förderung, die Tanzentwicklung in all der oben genannten Vernetzung ermöglicht, zwischen den Künstlerinnen und Künstlern in den Institutionen und der freien Szene, zwischen Tanzkunst und Tanzvermittlung, zwischen Kunst und Wissenschaft, zwischen kulturellem Erbe und Digitalität.
Vor 30 Jahren haben sich die ersten Ansätze einer bundesweiten Tanzförderung entwickelt, mit dem Produzentenpreis für Choreografie, dem Nationalen Performance Netz und dem Fonds Darstellende Künste. Die Kulturstiftung des Bundes hat mit dem Tanzplan Deutschland (2005-2010) einen großen Entwicklungsschub ermöglicht. Der Tanzpakt Stadt-Land-Bund baut seit 2017 Schritt für Schritt, im Schulterschluss mit Ländern und Kommunen Strukturen für den Tanz auf.
Jetzt will die Tanzszene mehr erreichen. In diesem Jahr bietet sich die Gelegenheit, intensiv über die Eigenständigkeit der Kunstform zu diskutieren – beim Deutschen Tanzpreis im Februar in Essen, bei der Tanzplattform Deutschland im März in Dresden und bei der Tanztriennale im Juni in Hamburg.