Als Gerda König 1995 in Köln die DIN A 13 tanzcompany gründete, war kaum absehbar, dass daraus eine der international prägendsten Compagnien für mixed-abled Tanz entstehen würde. Damals galt die Arbeit mit Tänzerinnen und Tänzern mit Behinderung noch als Randphänomen, bestenfalls als soziales Projekt. Heute, drei Jahrzehnte später, steht DIN A 13 für eine künstlerische Praxis, die die Parameter zeitgenössischer Tanzkunst nachhaltig verändert hat und ästhetische Innovation, gesellschaftliche Verantwortung und kulturpolitische Wirkung untrennbar miteinander verbindet. 

Von Beginn an ging es der künstlerischen Leiterin Gerda König nicht um Integration oder Anpassung, sondern um eine radikale Erweiterung der Tanzsprache. Die Bewegungsqualität »anderer Körper« wurde nicht korrigiert, sondern zum choreografischen Ausgangspunkt. Sehgewohnheiten wurden irritiert, Norm-Ideale hinterfragt, das scheinbar Abweichende als künstlerische Ressource ernst genommen. Das Unerwartete wurde zur Erfahrung, Differenz zur Qualität. So verschob DIN A 13 die Nahtstellen des etablierten Tanzkanons – und erweiterte ihn um neue Maßstäbe von Virtuosität und Tanzästhetik. Prägend hierfür ist auch die langjährige künstlerische Zusammenarbeit mit der Choreografin Gitta Roser. 

Diese Haltung trug DIN A 13 früh über nationale Grenzen hinaus. Seit 2004 entstand ihre Arbeit zunehmend in internationalen Kontexten, insbesondere in enger Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut. In Koproduktionen in Afrika, Südamerika, Asien und dem Nahen Osten suchte die Compagnie keinen kulturellen Export, sondern den Dialog. Politische Umbrüche, gesellschaftliche Konflikte, Machtverhältnisse oder Traumata wurden gemeinsam mit lokalen Künstlerinnen und Künstlern erforscht und choreografisch übersetzt. Tanz wurde so zu einem Medium transkultureller Verständigung – und zu einer künstlerischen Form politischer Praxis. 

Ob in frühen internationalen Projekten wie »Dance meets differences« oder in späteren Arbeiten wie der Trilogie »Umbruch« – stets verbindet DIN A 13 choreografische Forschung mit gesellschaftlicher Realität. Die Stücke entstehen aus den biografischen Erfahrungen der Tänzerinnen und Tänzer, und gerade diese persönliche Nähe verleiht den Produktionen ihre Intensität und ihre politische Relevanz: Kunst stellt Fragen, wo einfache Antworten versagen. 

Diese Arbeitsweise setzte sich in den vergangenen Jahren in mehrjährigen Konzeptionen fort: Die Tanzinstallation »techNOlimits« untersuchte das Verhältnis von Körper und Technologie, »bodyREALITIES« und »inbetweenPOWER« verhandelten Körper, Macht und soziale Spannungsfelder in unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Mit der aktuellen Arbeit »MYspace SAFEspace NOspace« rücken Fragen von Schutz, Ausschluss und Zugehörigkeit in den Fokus – ausgehend von den Erfahrungen von Tänzerinnen und Tänzern mit Behinderung sowie aus der Ballroom- und LGBTQ-Community. 

Diese konsequente künstlerische Haltung blieb nicht ohne kulturpolitische Wirkung. Spätestens mit der Koproduktion »Perfectly unperfect« (2015) mit dem Ballett Hagen – der ersten Zusammenarbeit eines deutschen Stadttheaters mit einer mixed-abled Compagnie – wurde sichtbar, dass DIN A 13 nicht nur ästhetische, sondern auch institutionelle Grenzen verschiebt. 

Doch DIN A 13 denkt weiter. Seit einigen Jahren rückt verstärkt die Frage der Ausbildung in den Fokus. Noch immer sind staatliche Tanzausbildungen für Menschen mit Behinderung weitgehend verschlossen. Mit dem bundesweit ersten professionellen Weiterbildungsprogramm M.A.D.E. (Mixed-Abled Dance Education) und dem Projekt UNIque@dance setzt die Compagnie hier gezielt an. Die inhaltliche Konzeption beider Programme wurde von Gerda König und Gitta Roser gemeinsam initiiert und durchgeführt. Es geht hier um nichts weniger als um den Abbau ableistischer Strukturen und die Öffnung von Hochschulen, Curricula und Räumen – damit zukünftig tänzerisches und künstlerisches Potenzial nicht länger an Körpernormen scheitert. 

Ermöglicht wird diese komplexe Arbeit auch durch eine professionelle Struktur: Die Spitzenförderung Tanz des Landes NRW sichert seit 2021 diese Strukturen weiter und macht es möglich, mit Anastasia Olfert, John Herman und Andrea Hoffmann ein langjähriges erfahrenes Team zu etablieren, das die besonderen organisatorischen und internationalen Anforderungen dieser Arbeit trägt. 

30 Jahre DIN A 13 tanzcompany sind somit weit mehr als eine Erfolgsgeschichte im Tanz. Sie erzählen von Beharrlichkeit, von künstlerischem Mut und von der Überzeugung, dass Kunst gesellschaftliche Wirklichkeit nicht nur abbildet, sondern verändern kann. In einer Zeit zunehmender Polarisierung erinnert diese Arbeit daran, dass Vielfalt keine Herausforderung ist – sondern eine ästhetische, politische und menschliche Chance. Zum 30-jährigen Jubiläum wird diese Entwicklung nun auch filmisch reflektiert. Der künstlerische Dokumentarfilm »Movement Unbound« von Gerhard Schick und Miriam Jacobs feierte am 15. Januar im NRW Filmforum Premiere. Der Film macht sichtbar, wie sehr sich durch die Arbeit der DIN A 13 tanzcompany nicht nur Körperbilder, sondern auch das Verständnis von Tanzkunst verändert haben – und weiter verändern. 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 2/2026