VdO (Vereinigung deutscher Opern- und Tanzensembles) und GDBA (Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger) sind Gewerkschaften, in denen sich Tänzerinnen und Tänzer in Deutschland organisieren können. Mit den Tanz-Verantwortlichen der beiden Organisationen sprach Barbara Haack.
Ihr vertretet in den Künstlergewerkschaften VdO und GDBA jeweils Tänzerinnen und Tänzer. Wie hoch ist dort der Organisationsgrad?
Jörg Löwer: Der nimmt zu. Aber ich könnte keine Prozentzahl sagen. Es ist unübersichtlich. Seit 1991 verzeichnet die Theaterstatistik vom Deutschen Bühnenverein eine starke Abnahme der festen Stellen. Es gibt aber neben den festen und leicht erfassbaren Stellen in den Ensembles auch Tänzerinnen und Tänzer in der freien Szene. Viele machen eigene Projekte, denken vielleicht auch gar nicht an die Gewerkschaft. Wir vertreten jedenfalls Festangestellte und Freischaffende gleichermaßen.
Der Organisationsgrad ist auf jeden Fall geringer als im Opern- oder Orchesterbereiche. Woran liegt das?
Löwer: Es ist ein bisschen komplizierter, weil die Sprachbarrieren größer sind. Und Tänzerinnen und Tänzer sind sehr jung, wenn sie auf die Bühne gehen und haben eine sehr kurze Karriere. Wenn andere anfangen, sich für Gewerkschaftsarbeit zu interessieren, sind Tanzschaffende schon fast fertig mit dem Beruf. Sie begeistern sich für Gewerkschaftsarbeit und hören dann schnell wieder auf, weil sie den Beruf wechseln und rausgehen aus dem Tanzbereich.
Paul Hess: Man kann nicht davon ausgehen, dass Tänzerinnen und Tänzer ausschließlich in Deutschland arbeiten, sie müssen sich also nicht nur auf das eine System, auf die Regeln, die Tarifverträge und die gewerkschaftliche Arbeit in Deutschland einstellen. Es kann sein, dass sie zwei Jahre hier sind, dann nach Frankreich wechseln, dann nach Brasilien und sich immer wieder in ein neues System einarbeiten müssen, bis sie überhaupt an den Punkt kommen, sich gewerkschaftlich zu engagieren. Trotzdem hat sich die Mitgliedszahl von Tänzerinnen und Tänzern in der GDBA in den letzten fünf Jahren verdreifacht.
Welches sind spezielle Tanz-Themen in der Gewerkschaft? Also solche, die andere Künstlerinnen und Künstler nicht haben?
Hess: Ein besonderes Thema für Tänzerinnen und Tänzer ist die Transition. Es ist für sie absolut notwendig, noch einen zweiten Beruf zu erlernen oder sich zumindest beruflich weiterzuentwickeln. Es gibt inzwischen an einigen wenigen Häusern Modelle, wo das unterstützt wird, wo den Tänzerinnen und Tänzern ermöglicht wird, in anderen Abteilungen oder Sparten Praktika zu machen, um zu gucken, wie sie sich weiterentwickeln können. Auch im Tarifvertrag steht inzwischen etwas dazu, aber das ist absolut nicht ausreichend. Da besteht ein großer Nachholbedarf.
Ein weiteres Thema ist der komplette Gesundheitsaspekt, also Prävention usw. Dieser Bereich ist bisher noch gar nicht tarifiert.
Ein dritter Punkt ist der Themenkomplex Nichtverlängerung. Nur wenn die Tänzerinnen und Tänzer nicht das dauerhafte Damoklesschwert der möglichen Nichtverlängerung über dem Kopf spüren, können sie auch mal Probleme ansprechen, gegebenenfalls mal in einen Konflikt gehen.
Was genau ist die Nichtverlängerung?
Hess: In der Regel ist es so, dass an festen Häusern Tänzerinnen für ein Jahr beschäftigt werden, und dieser Jahresvertrag verlängert sich um ein weiteres Jahr, wenn nicht im Oktober – oder, wenn das Engagement schon länger als acht Jahre besteht – im Juli die Nichtverlängerung ausgesprochen wird. Im Fall der beabsichtigten Nichtverlängerung durch das Theater gibt es dann ein Anhörungsverfahren, und in dieser Anhörung müssen Gründe genannt werden, in der Regel sind es künstlerische Gründe. Die müssen aber nicht überprüft werden. Das ist oft entwürdigend. Und es sorgt dafür, dass die Tänzerin, der Tänzer bei jedem Fehlverhalten, bei jeder Kritik, die sie gerne äußern würden, konstant die mögliche Nichtverlängerung im Nacken haben.
Löwer: Eine Sache, die tarifvertraglich ein Problem war, das wir jetzt hoffentlich gelöst haben, ist die bessere Planbarkeit für die Probenpläne. Wir wollen Integration, und wir haben gerade im Tanzbereich Leute, die gerne einen Deutschkurs absolvieren möchten. Aber es war bisher unvorhersehbar, wie die Probenpläne aussahen. Darum wollten wir mehr Planbarkeit im Tarifvertrag haben.
Können bei den Themen, die Ihr genannt habt, die Gewerkschaften die Tänzerinnen und Tänzer unterstützen?
Hess: Ja, beim Thema Planbarkeit sind wir schon einen großen Schritt weitergekommen. Und in anderen Bereichen liegen die Forderungen auf dem Tisch. Die Gewerkschaften tragen sich im Übrigen ganz stark durch ehrenamtliche Tätigkeiten. Das heißt, genau in diesen Gremien, auch in der Tarifarbeit, können Tänzerinnen und Tänzer, die Interesse haben, sich einbringen und ihre Themen mitbringen.
Wie schätzt Ihr das Standing des Tanzbereichs in den Stadt- und Staatstheatern ein? Wenn gekürzt werden muss, dann trifft es offenbar oft als erstes die Ballett- oder Tanzsparte.
Löwer: Es gibt immer wieder die Diskussion in Compagnien darüber, dass sie im Opern- oder Musicalbereich mitmachen müssen – an vielen vor allem kleineren Theatern in Deutschland ist das der Fall. Oft ist das Tanzensemble allerdings nur noch existent, weil es eine Spielverpflichtung in den anderen Sparten hat. Viele lehnen diese Spielverpflichtung ab. Das sollen dann Gäste machen. Das kann sich ein kleines Theater allerdings häufig nicht leisten. Der Tanz ist in vielen Augen das, was am ehesten verzichtbar ist. Da hat der Tanz die kleinere Lobby im Vergleich zu Musiktheater und Schauspiel.
Hess: Das hat auch damit zu tun, dass zumindest in den Mehrspartenhäusern Intendanzen primär mit Menschen aus den Bereichen Oper oder Schauspiel besetzt werden. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen mit einem Tanzhintergrund Intendanzen der Mehrspartenhäuser übernehmen.
Zur Frage der Spielverpflichtung: Mein Eindruck aus den Gesprächen ist, dass es eher darum geht, ob Tänzerinnen und Tänzer, wenn sie im Bereich Schauspiel und Musiktheater eingesetzt werden, reine Staffage sind. Oder, ob sie einen Anteil an der Inszenierung, eine eigene Sichtbarkeit haben. Das gebe ich allen Schauspiel- und Musiktheater-Direktorinnen und -Direktoren mit: Nehmt die Tänzerinnen und Tänzer als Künstlerinnen und Künstler in diesen Produktionen ernst, und alle werden davon profitieren.
Wie bewertet Ihr die soziale Lage von Tanzschaffenden in der freien Szene? Ist diese durchgehend prekär?
Hess: Das kann man nicht über einen Kamm scheren. Aber generell sehe ich die Tendenz schon eher in dieser Richtung. Gut ist, dass für Hybrid Arbeitende für ihre Gast-Engagements der TV Gast gilt und, dass jetzt zumindest auf Bundesebene die Mindesthonorare des Bundesverbands Freie Darstellende Künste (BFDK) in die Förderstrukturen integriert wurden. Manche Landesförderungen übernehmen das auch.
Löwer: Für Freischaffende müssen außerdem unbedingt die Bedingungen der freiwilligen Arbeitslosenversicherung verbessert werden.
Noch ein Thema: Man spricht, gerade auch in politischen Kreisen, oft von den Stadt- und Staatstheatern als unflexiblen Tankern, die so viel Geld kosten. Das ärgert mich immer maßlos. Wir sollten über künstlerisch hervorragende Ensembles mit festen Stellen froh sein. Wir haben in Deutschland das große Geschenk, dass wir öffentlich finanzierte Häuser haben, die Tanzschaffenden eine gewisse soziale Absicherung bieten. Es ist ärgerlich, wenn die Politik das nur als Belastung und nicht als Errungenschaft wahrnimmt.