Tanz ist bekanntlich eine alte Ausdruckform, gehegt und gepflegt als fester Bestandteil jeder Gesellschaft und deren künstlerischen Schaffens. Auch wenn Stilistiken und Techniken, Funktion und Interpretationen, Aufmachung und Inhalte variieren, zeichnet sich die Kunstgattung Tanz durch etwas Grundlegendes aus. Als eine fundamentale Form des Ausdrucks bleibt Tanz eine dynamische Kunstgattung, die sich stets in Veränderung befindet. Auch bei althergebrachten Tanzpraktiken ist Tanz kein statisches Museumsrelikt. Diese verkörperte Kunst passt sich an soziale, historische, politische, religiöse und andere Begebenheiten oder auch immer neue Verkörperungen an. Mit der Wanderung der Menschen wandern auch ihre Tanzpraktiken, bekommen und suchen regelrecht neue Ausdrucksformen und Betätigungsfelder. 

Diese Ausgangsgedanken über die Dynamik des Tanzes bilden die Grundlage für diesen Text mit dem Anliegen, über Tanz in seiner Vielfalt auch in Deutschland zu berichten. Welche Tanzkulturen und Tanzformen anderer Länder in Deutschland gelehrt und praktiziert werden, lässt sich hier nicht in Gänze darstellen. Ein differenziertes Bild lässt sich aber anhand vieler Praktiken und deren Dynamiken zeichnen. Die Pallette reicht von Tanzformen aus dem asiatischen Raum wie indischen, balinesischen, philippinischen Tanz, über orientalische, türkische, verschiedene afrikanische und auch hawaiianische Formen bis hin zu südamerikanischen Gesellschaftstanzformen wie Tango, um nur einige zu nennen. Die Eingebundenheit einiger dieser Formen in die hiesige Gesellschaft ermöglicht es, deren tänzerische Vielfalt differenziert zu verstehen. Damit wird auch ersichtlich, wo, für wen, von wem und wie diese gelehrt und gezeigt werden, und welchen Stellenwert die Auseinandersetzung mit vielfältigen Tanzkulturen künstlerisch wie gesellschaftlich haben kann.  

Wenn man in die Praxis schaut, lassen sich zwei unterschiedliche Herangehensweisen beobachten. Die eine ist die Arbeit mit Tanz in so genannten Communities. Die andere ist die Arbeit der Tänzer und Tänzerinnen selbst. Erstere sind die Gemeinschaften, die zugewanderte Menschen aus verschiedenen Ländern bilden, häufig als Sprach- und Kulturgemeinschaften. Gerade in den großen oder alteingesessenen Communities der Arbeits- und Fachkräfte sind feste Strukturen in Form von Vereinen, Tanz- und Musikschulen erkennbar. Tanz fungiert hier als Erhalt der kulturellen Identität und Eigenart, eine wichtige stärkende Komponente, auch wenn man sonst gut integriert ist. Kulturspezifische Tanzformen werden hier auf unterschiedlichem Niveau vermittelt, praktiziert und oft bei den Community-Veranstaltungen wie kulturellen Festen und Feiertagen gezeigt. Außerhalb der Communities bestehen für diese Gruppen Möglichkeiten bei Schulfesten, interkulturellen Veranstaltungen, Straßenfesten, usw.  

Aber nicht jede Community ist groß, und ein Kulturraum kann mehrere Arten von Tanzpraktiken haben, vom Gesellschaftstanz bis hin zur Bühnenkunst. In langeingesessenen großen Communities wie der koreanischen Community oder der türkischen mit z. B. ihrem Konservatorium für türkische Musik in Berlin, findet man große Tanzgruppen. Sie bringen eigene professionelle Strukturen hervor und haben dafür ihr Publikum. Hierdurch bekommen auch ausgebildete Tanzschaffende Möglichkeiten für eine professionelle Umsetzung ihrer Kunst. Diese Tendenz beobachtet man auch in der zwischenzeitlich groß angewachsenen indischen Community, wie in Bayern oder Berlin. Aber gerade an diesem Beispiel erkennt man, dass Community-interne Möglichkeiten kein ausreichendes Wirkungsfeld für die künstlerische Entfaltung einer ausgefeilten Bühnenkunst darstellen. Tanz könnte im Sinne von sichtbarer tänzerischer Vielfalt auch in Deutschland wirksam werden, wenn die ausgebildeten Tanzprofis Anbindung an professionellere Strukturen, Fördermöglichkeiten und an die Mainstream-Tanzszene erhalten würden. Eine »Leuchtturm-Figur« wie Akram Khan reicht nicht aus! 

Für eine differenzierte Perspektive auf tänzerische Vielfalt und deren Mehrwert wäre es daher wichtig, die Arbeit der Tanzprofis, die aus diversen Tanzpraktiken kommen, zu betrachten. Viele dieser Tanzschaffenden wurden in ihrer Heimat ausgebildet und leben heute in Deutschland. Andere haben durch Auslandsaufenthalte bzw. in Deutschland lebende Lehrmeister in langjährigem Training eine Tanzausbildung erhalten. Oft kommen die hier Ausgebildeten nicht unbedingt aus dem Kulturraum des erlernten Tanzes. In dem sie bemüht sind, ihre Tanzkunst vielseitig einzusetzen, und in erweiterten Betätigungsfeldern agieren, ermöglichen diese Tanzprofis ein besonderes Wirkungsfeld für eine künstlerisch-tänzerische Vielfalt.  

Schon seit Jahrzehnten bauen profilierte Tanzschaffende eigene kulturübergreifende Nischen für sich auf. Die Verfasserin selbst hat über vier Jahrzehnten den Mehrwert einer solchen Arbeit tänzerisch wie auch gesellschaftlich erfahren. Ein diversifiziertes Tanzwissen mit seinen Besonderheiten und Praktiken an die breitere Öffentlichkeit zu vermitteln und den Tanz in seiner Vielfalt an verschiedene Zuschauer und auch unterschiedliche Tänzerinnen und Tänzer zu bringen, hat viele Vorteile. Ein reichhaltiges Tanzvokabular sorgt z. B. für neue Sichtweisen und Perspektiven jenseits von Empfindungen über »Anderssein«. Abgesehen von neuen Impulsen für das Gehirn sorgen das gemeinsame Erkunden und Schwitzen oder die Auseinandersetzung über diverse verkörperte Herangehensweisen nebenbei für Dialog, Austausch und das viel gepriesene Crosstraining! Als Performer, Pädagogen und Therapeuten stärken und schaffen manche Tanzschaffende auch Selbstwertgefühl und Zusammenhalt.  

Aus ihrer Arbeit entstanden u. a. Schulprojekte, Kollaborationen mit diversen Tanz- und Kunstschaffenden, und kultur- und genreübergreifende Bühnenproduktionen. Für ihre Sichtbarkeit müssen sie allerdings oft selbst sorgen. Denn etablierte Bühnen stehen für sie immer noch nicht zur Verfügung. Meist vermitteln sie ihre Tanzkunst in eigenen Tanzschulen und Akademien. Nicht selten werden Zuschauer zu Lernenden und umgekehrt. Sie lernen auf praktische Weise die tänzerische Vielfalt zu schätzen oder erleben Bereicherung in Form eines erhöhten Tanz- und Kulturverständnisses. 

Diese kurze Skizze lässt erkennen, welche verbindende Rolle divers aufgestellte Tanzschaffende durch ihre Tanzpraktiken zwischen Communities, Gesellschaft, Tanzszene und Kultur bereits spielen. Aus diesen verschiedenen Gründen kann Vielfalt in Tanzpraktiken, Tanzwissen und Tanzvokabular für die Tanzkunst und auch für die Gesellschaft nur Mehrwert bringen. Dennoch bleibt das Potenzial für tänzerische Vielfalt, auch wenn bereits lange vorhanden, als tanzrelevante Praxis unsichtbar. Die Gründe sind vielfältig. Oft wird Internationalität in Ensembles als Merkmal für Vielfalt definiert. Tanzschaffende aus den diversen Tanzpraktiken erkennen hier aber nicht die in der Gesellschaft bereits vorhandene tänzerische Vielfalt. Ein anderer erwähnenswerter Grund liegt im fehlenden Zugang. Durch den Wegfall bzw. die Umorientierung von zentralen, lange beispielhaft agierenden Häusernwie etwa die Werkstatt der Kulturen oder das Haus der Kulturen der Welt in Berlin, sind auch die wenigen unterstützenden Plattformen für divers aufgestellte Tanzschaffende nicht mehr vorhanden. Die Werkstatt der Kulturen war einmalig in ihrer Wirksamkeit. Hier fanden nicht nur Communities Räume für ihre Arbeit, sondern auch professionelle Tanzschaffende aus den verschiedensten Teilen der Welt, die aber, und das ist betonenswert, hier in Deutschland leben. Denn nur solche verstehen es, in und mit der Gesellschaft in der sie leben, mitzuwirken. Jenseits von Schlagwörtern wie Diversität bringen sie Zusammenhalt in Vielfalt als gelebte Wirklichkeit, auch wenn oft nur in ihren Nischen, die nicht nur Communities sind.  

In diesem Sinne täte es gut, unterschiedliches Tanzvokabular und Tanzwissen wie auch die Arbeit der Praktizierenden als wichtigen Teil des Tanzgeschehens zu erkennen, wertzuschätzen, zu stärken und beim Schopfe zu packen, ob als Bühnenarbeit, Tanzausbildung oder Wissenschaft. 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 2/2026