Wenn in kulturpolitischen Debatten über Tanz gesprochen wird, geht es meist um Stadt- und Staatsballette, freie Compagnien oder Festivals. Showtanz auf einer Revuebühne kommt darin selten vor. Und doch begegnen im Berliner Friedrichstadt-Palast Jahr für Jahr Hunderttausende Menschen dem Tanz – oft zum ersten Mal überhaupt in einem Theater. Für uns ist das nicht »nur« Unterhaltung, sondern eine öffentliche Aufgabe.
Pina Bauschs Satz »Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren« begleitet die Tanzwelt seit Jahrzehnten. Übertragen auf unser Haus könnte er heißen: »Dance, dance – the show must goon«. Denn unser Ballett tritt bis zu acht Mal pro Woche auf – zwei Jahre Laufzeit einer Grand Show, ensuite. Kaum ein klassisches Ballett wird so gefordert. Vormittags wird trainiert, geprobt, verbessert, abends stehen dieselben Tänzerinnen und Tänzer wieder im gleißenden Licht. Die scheinbare Leichtigkeit einer Grand Show ist Ergebnis harter, disziplinierter Arbeit.
Unsere Company besteht aus 60 Tänzerinnen und Tänzern aus 28 Nationen. Die gemeinsame Sprache auf der größten Theaterbühne der Welt ist eine solide klassische Ballettausbildung. Auf diesem Fundament entsteht eine Melange aus Showtanz, Jazz, Modern, Contemporary, Neoklassik, Urban Dance und Akrobatik. In aller Bescheidenheit: Es gibt weltweit keine zweite Company, die allabendlich ein derart vielfältiges Bouquet an Tanzstilen präsentiert. Was uns auszeichnet, ist nicht nur Präzision, Synchronität und die berühmte Kickline, sondern vor allem die Vielfalt der biografischen und künstlerischen Hintergründe. Sie prägt den künstlerischen Ausdruck ebenso wie das Miteinander im Probensaal.
Gerade diese Vielfalt verlangt nach Rahmenbedingungen. Wer aus São Paulo, Seoul oder Kyjiw nach Berlin kommt, bringt nicht nur andere Trainingsbiografien mit, sondern auch unterschiedliche Erwartungen an Hierarchien, Kommunikation, Arbeitszeiten. Wir erleben täglich, wie sehr es sich lohnt, diese Differenzen auszuhalten und produktiv zu machen – in gemeinsamen Ritualen, transparenten Probenstrukturen und einer Leitung, die zuhört, aber auch klare Entscheidungen trifft.
Im Palast ist der Star nicht die oder der Einzelne, sondern das Ensemble. Die Energie der Gruppe, das gemeinsame Atmen und Zählen, die Verlässlichkeit aufeinander – das macht den Kern eines Showballetts aus. Die renommierten Choreografinnen und Choreografen, mit denen wir arbeiten, kommen aus aller Welt und bringen ihre höchst unterschiedlichen – tänzerischen – Sprachen mit ans Haus. So entsteht eine Grand Show, in der Tanz nicht Illustration ist, sondern treibende Kraft der Erzählung.
Diese Arbeitsweise spiegelt sich auf der Bühne. Showtanz am Palast ist kein Nummernprogramm, das nur Effekte aneinanderreiht. Er erzählt in starken Bildern von Sehnsüchten und Konflikten, von Nähe und Distanz, von Gemeinschaft und Ausgrenzung. Gerade weil wir mit populären Bildern arbeiten, erreicht diese Form des Tanzes ein sehr diverses Publikum: Berlinerinnen, Touristen aus aller Welt, Schulklassen, Reisegruppen, Theaterfans und Menschen, die sich selbst eher nicht als »Kulturpublikum« beschreiben würden.
Internationalität erleben wir nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Zuschauerraum. Die Publikumsstruktur reicht von der Nachbarschaft bis zu Gästen aus allen Kontinenten. Unser Ensemble spiegelt diese Vielfalt. Unterschiedliche Tanzkulturen, Körperbilder, religiöse und soziale Hintergründe treffen aufeinander – und müssen im Alltag in Einklang gebracht werden. Das gelingt nur mit einer klaren Haltung, die wir unter den Leitgedanken »Respecteach other« gestellt haben.
Dieser Appell ist für uns kein Werbeslogan, sondern Arbeitsprinzip. Respekt bedeutet, dass alle dieselbe künstlerische Exzellenz schulden – unabhängig von Pass, Herkunft oder sexueller Identität. Er bedeutet auch, dass wir Diskriminierung auf und hinter der Bühne keinen Raum geben. Wenn 1.900 Menschen Abend für Abend sehen, wie selbstverständlich ein diverses Ensemble gemeinsam tanzt, entsteht eine stille, aber wirksame Botschaft: Vielfalt ist keine Bedrohung, sondern Voraussetzung für künstlerische Kraft.
In kulturpolitischen Diskussionen geht es oft um die Frage, ob sich große Ensembles noch »leisten« lassen. Unsere Erfahrung ist eine andere: Gerade ein festes Ensemble schafft Kontinuität, Wissenstransfer und Sicherheit – die Voraussetzungen dafür, dass sich Tänzerinnen und Tänzer radikal verausgaben können, ohne sich selbst zu gefährden. In Zeiten, in denen Algorithmen Aufmerksamkeit fragmentieren, setzt der Anblick von 60 Menschen, die synchron und zugleich individuell auf der Bühne stehen, ein starkes Zeichen für die Kraft des Analogen.
Als landeseigenes Haus mit hoher Eigenfinanzierungsquote bewegen wir uns kulturpolitisch in einem Spannungsfeld: Wir müssen ökonomisch bestehen und zugleich unserem Auftrag gerecht werden, einem breiten Publikum Kunst und Tanz zugänglich zu machen. Showtanz am Palast ist deshalb mehr als glitzerndes Entertainment. Er ist ein Labor dafür, wie künstlerische Exzellenz, wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung zusammengehen können – Abend für Abend, Takt für Takt.