Die deutschen Stadt-, Staats- und Landestheater, die den Tanz als feste Sparte führen, schätzen diese moderne, ausdrucksstarke und vielfältige Kunstform. Sie prägt und gestaltet mit großer Wirksamkeit das breite Angebot der Theaterlandschaft in Deutschland maßgeblich. Heute verstehen wir unter dem weit gefassten Überbegriff »Tanz« eine immense stilistische Bandbreite. Diese reicht von den klassischen Disziplinen wie Ballett und Modern Dance über urbane Stile wie Hip-Hop bis hin zu körperbetonten Kunstformen, die Elemente aus Kampfsport oder Tai Chi integrieren und so die Grenzen der Genres erweitern.
Historisch betrachtet war die Tanzsparte, insbesondere das Ballett, über viele Jahrzehnte hinweg organisatorisch und künstlerisch dem Musiktheater (Oper, Operette, Musical) zugeordnet. Ihre Funktion ähnelte der eines Opernchores: Sie war in erster Linie dazu da, die Produktionen der musikalischen Sparte zu »bedienen« – sei es durch Tanz-Einlagen in Opern oder als Teil opulenter Musiktheaterinszenierungen. Die unabhängige Entwicklung choreografischer Produktionen hatte an den Häusern keine oder wenig Eigenständigkeit.
Doch bereits in den 1960er Jahren setzte ein bedeutender Emanzipationsprozess ein. Pionierinnen und Pioniere der Szene begannen, sich von dieser rein dienenden Funktion zu lösen und den Tanz als autonome, gleichberechtigte Kunstform zu etablieren. International strahlende Größen wie John Cranko und später John Neumeier ebneten den Weg, gefolgt von revolutionären Choreografinnen und Choreografen wie Pina Bausch und William Forsythe, die mit ihren radikalen neuen Ästhetiken und Narrativen den Tanz weltweit neu definierten. Sie schufen eigenständige Compagnien und Werke, die den Tanz endgültig aus dem Schatten der dienenden und nur schmückenden Funktion führten.
Trotz dieser bahnbrechenden Entwicklungen ist die Situation an der Mehrzahl der fest institutionalisierten Stadt-, Staats- und Landestheater heute noch immer von einer gewissen Ambivalenz geprägt. Zwar ist die künstlerische Emanzipation der Sparte in weiten Teilen vorangetrieben und auch vollzogen worden, unabhängig in der künstlerischen Ausrichtung sind sie oft nicht. Das Publikum nimmt das Angebot eigenständiger Tanzproduktionen an den Häusern, gerade aufgrund seiner Modernität, innovativen Kraft und wegweisenden ästhetischen Strukturen sehr positiv und interessiert auf. Zeitgenössischer Tanz hat inzwischen festen Einzug in nahezu alle entsprechenden Spielpläne gefunden und begeistert ein stetig wachsendes Publikum. Die professionellen Compagnien in Deutschland haben in den letzten Jahren ihre künstlerische Qualität kontinuierlich gesteigert und beweisen sich mit überzeugenden Auslastungszahlen sowie spannenden, gesellschaftsrelevanten Impulsen als vitaler Teil der Kulturszene.
Organisatorisch und in der Spielplangestaltung jedoch sind viele Ballett- und Tanzensembles an diesen Theatern noch immer nicht vollständig unabhängig. Oft werden sie weiterhin der Musiktheaterdirektion untergeordnet und müssen – trotz eines eigenen, anspruchsvollen Spielplans – verpflichtend weiterhin in Produktionen des Musiktheaters mitwirken. Diese Doppelbelastung bindet wichtige personelle und probenzeitliche Ressourcen. Ein gravierendes Problem ist die nach wie vor eingeschränkte künstlerische Autonomie: Viel zu oft können die Ensembles und ihre Leitungen nicht eigenverantwortlich Schwerpunkte setzen oder ihr Repertoire nach rein tanzspezifischen Gesichtspunkten entwickeln. Stattdessen werden von der Theaterleitung oder der Musiktheatersparte Stücktitel »angewiesen«, die dann vom Tanzensemble umgesetzt werden müssen. Dies hemmt die künstlerische Profilbildung und die notwendige kontinuierliche Arbeit an einer eigenen choreografischen Handschrift.
Aktuell sehen sich die Ballette und Tanzcompagnien vor enormen strukturellen und finanziellen Herausforderungen. Zwar haben die Häuser die pandemiebedingten Einbrüche bei den Besucherzahlen weitgehend überwunden, doch nun treten andere, langfristig bedrohlichere Probleme in den Vordergrund. Im Zuge der allgegenwärtigen Sparzwänge in den öffentlichen Haushalten werden im Personalsektor freiwerdende Stellen oft nicht mehr nachbesetzt. Die Ensembles müssen folglich mit einer stetig schrumpfenden Personaldecke auskommen. Gleichzeitig werden die Produktionszahlen und der umfangreiche Spielplan nicht im gleichen Maße angepasst. Dies führt zu einer enormen Verdichtung der Arbeitsbelastung für die verbleibenden Tanzenden, Tänzerinnen und Tänzer, Ballettmeisterinnen und -meister und Mitarbeitende. Für die Tänzer/innen erhöht es das Verletzungsrisiko und gefährdet auf lange Sicht die künstlerische Qualität.
Hinzu kommt ein finanzielles Grunddilemma: Die in den letzten Jahren durch Gewerkschaften und Interessenvertretungen erkämpften und absolut gerechtfertigten Lohnsteigerungen für Tänzerinnen und Tänzer wurden von den zuständigen Rechtsträgern oft nicht durch entsprechende Budgetanpassungen aufgefangen. Die Etats der Tanzsparten sind in vielen Fällen statisch geblieben oder sogar gekürzt worden. In der Konsequenz entsteht eine fatale Lücke: Der gestiegene Personalaufwand lässt weniger Mittel für die eigentliche künstlerische Arbeit, für Gastchoreografinnen und -choreografen, Produktionskosten oder Tourneen übrig.
Um diese Lücke notdürftig schließen und den laufenden Spielplan aufrechterhalten zu können, greifen immer mehr Theater auf sogenannte Internship- oder Volontariatsprogramme zurück. Anstatt ausreichend fest angestellte, vollwertig bezahlte Tänzerinnen und Tänzer zu engagieren, wird vermehrt mit Nachwuchskräften gearbeitet, die nur unzureichend vergütet werden. Dies mag kurzfristig das personelle Loch stopfen, untergräbt aber mittelfristig die tariflichen Standards, die so hart erkämpft wurden, und führt zu prekären Arbeitsverhältnissen in einer ohnehin körperlich fordernden Profession. Der Bedarf an strukturierten und fair finanzierten Förderprogrammen für professionellen Nachwuchs, der angemessen entlohnt wird, ist daher größer denn je.
Zusammenfassend lässt sich festhalten: Der Tanz in Deutschland steht künstlerisch auf höchstem Niveau und ist beim Publikum erfolgreich verankert. Um diese positive Entwicklung nicht nur nachhaltig zu sichern und weiter auszubauen, braucht die Sparte dringend mehr Eigenständigkeit in der künstlerischen Planung und vor allem klare, verlässliche und angemessene Budgetstrukturen in einer verbesserten Infrastruktur, die der künstlerischen Bedeutung der Sparte gerecht wird. Nur mit einer von der Musiktheatersparte unabhängigen Leitung und auskömmlichen Finanzmitteln in Eigenverantwortung, die die realen Kosten für angemessene Gehälter, angemessene Ensemblegrößen und qualitative Produktionen abdecken, kann sich der Tanz an den Theatern weiterentwickeln und seine vitale, unverzichtbare Rolle im Kulturleben auch in Zukunft erfüllen. Es geht darum, die bereits vollzogene künstlerische Emanzipation endlich auch in den administrativen und finanziellen Strukturen der Theaterhäuser abzubilden.