Unsere Umwelt befindet sich in stetigem Wandel und durchläuft Transformationsprozesse – so auch die Kunstform Tanz. Die Palucca Hochschule für Tanz Dresden blickt auf eine hundertjährige Geschichte zurück, in der sie Krieg, gesellschaftliche Katastrophen, politische Krisen und diverse Systeme erlebt hat. Mit ihrer Geschichte ist sie ein Beispiel dafür, wie sich Veränderungen und Rahmenbedingungen auf das künstlerische Schaffen auswirken.
In unserem kürzlich publizierten Buch MUT PALUCCA wurde diese Besonderheit unseres Profils sichtbar gemacht, denn hier entstehen eigenständige und kreative Tanzschaffende. Engagierte Alumni aus verschiedenen Generationen teilen ihre Geschichten und ihr Wirken in der Gesellschaft. Ebenso sind aktuelle kritische Reflexionen unserer Studierenden darüber präsent, was Mut in der Gesellschaft und im Tanz heute für sie bedeutet. Die Bandbreite reicht von politisch provokanter Performancekunst in der DDR-Zeit und künstlerischem Aufbruch in und nach der Wende über engagierte Projekte für Menschen mit Migrationshintergrund und Traumata bis hin zu Inklusion im Tanz und dem Engagement für das Empowerment von Frauen. Dieses Buchprojekt ist sozusagen ein Symbol für unser Ankommen im 21. Jahrhundert, und wir sind dankbar, ein Ort gelebter Demokratie und kultureller Vielfalt zu sein.
Auf der sozialen Ebene wirken gleichzeitig demografische Aspekte, geopolitische Herausforderungen und digitale Entwicklungen auf uns ein. Diese beeinflussen auch die junge Generation. Um sie in diesem Gefüge der eigenen Orientierung und menschlichen Auseinandersetzung als Partner zu begleiten, braucht es Sensibilität und Empathie. Natürlich sind tanztechnische Fähigkeiten, die Kunst des Performens und das Erlernen kreativer Tools wichtige Faktoren für die Exzellenz künstlerischer Persönlichkeiten. Doch auch soziale Kompetenzen und Soft Skills sind Teil der heutigen Ausbildung. Wertschätzende Kommunikation auf Augenhöhe, kritische Reflexion, professionelles Feedback in der Gruppe und teamorientiertes Arbeiten sind unverzichtbare Fähigkeiten in den Arbeitsweisen am Theater und in freien Produktionen. Die aktive Teilhabe der Studierenden an der Hochschule ist Teil der Ausbildung und trägt zu ihrer Selbstständigkeit und Selbstbestimmung bei. Mit denselben Werten möchten wir auch durch die Masterstudiengänge Tanzpädagogik und Choreografie aktiv zu einer positiven Weiterentwicklung im Tanz beitragen. Denn diese Werte spiegeln sich heute in allen Berufsfeldern des Tanzes wider, beispielsweise bei Tänzern, Tanzvermittlern, Pädagogen, Probenleitungen und Choreografen.
Kooperationen für die künstlerische Praxis mit Partnern wie dem Semperoper Ballett und der Company DFDC sowie choreografische Prozesse mit internationalen Choreografen werden zu Fallbeispielen und tragen zur Entwicklung der Tänzer und Pädagogen bei. Somit können sie bereits während ihrer Ausbildung Berufserfahrung im Tanzsaal und auf der Bühne mit einem professionellen Team sammeln. In dieser Spielzeit sind unsere Tanzstudierenden sogar in fünf Produktionen der Semperoper aktiv. Von zeitgenössischem Tanz in der Produktion »Colossus« der australischen Choreografin Stephanie Lake über »Nussknacker«, »Hänsel und Gretel« und »Dornröschen« bis hin zu John Neumeiers »Nijinsky«. Alle Altersgruppen der Tanzausbildung sind in die verschiedenen Produktionen involviert und wachsen durch diese Erfahrungen. Wie auch im Leistungssport sind jedoch die Vorstellungen und das tägliche Training im Tanz eine körperliche und mentale Herausforderung. Ein hauseigenes Health-Team begleitet die Studierenden auf diesem Weg. Gemeinsam identifizieren wir Bedarfe und neue Entwicklungen und versuchen, diese in einer stetigen Evaluierung in die umfangreiche Betreuung miteinzubeziehen.
Selbstvertrauen wächst jedoch auch durch Experimentieren und künstlerische Freiheit. An der Palucca ist interdisziplinäres Arbeiten seit 100 Jahren eine Selbstverständlichkeit. Neben dem Klassischen und Zeitgenössischen Tanz ist die Improvisation fest in der Hochschule verankert. Ein besonderes Beispiel hierfür ist die jährlich stattfindende Palucca-Tanzwoche auf der Insel Hiddensee. Innerhalb einer Woche probieren sich die Tanzstudierenden in verschiedenen ortsspezifischen Performance-Situationen aus. Sie setzen sich mit komplett neuen Kontexten auseinander, finden Möglichkeiten für ihre eigenen kreativen Ideen, erleben immersive und durationale Performance-Formate und kommen dem Publikum, ganz anders als auf der Opernbühne, nah. Dieser räumliche Perspektivwechsel in der Natur auf Hiddensee findet sich auch in den Studiengängen des Masterstudiengangs Choreografie und der Künstlerischen Meisterklasse wieder. Interdisziplinäre Seminare zusammen mit Studierenden aus anderen Fachbereichen wie beispielsweise der Architektur geben Raum, neue Reflexions- und Kreationsansätze zu finden. In diesem Jahr hatten wir den japanischen Stararchitekten Tsuyoshi Tane zu Gast. Wir interpretierten seine Methode der »Archäologie der Zukunft« im Rahmen von Performancekonzepten neu. Denn die Zukunft braucht immer eine Reflexion mit der Geschichte – so auch die Kunstform Tanz.