Kultur ist für uns Menschen existenziell: Sie erweitert unseren individuellen und gesellschaftlichen Horizont, sie verschiebt immer wieder die Grenzen dessen, was wir denken, schaffen und erreichen können. Sprache, Kunst und Wissenschaft sind Zeugnisse dieser uns eigenen »zweiten Natur«. Der Philosoph Ernst Cassirer hat Kultur als einen »Prozess der fortschreitenden Selbstbefreiung des Menschen« charakterisiert – und auch unsere freiheitliche Demokratie ist eine der großen Errungenschaften dieses zivilisatorischen Weges.

Gerade wir Deutschen wissen, dass dieser Weg auch Rückschläge kennt und eine Demokratie immer nur so stark und stabil ist, wie das kulturelle Fundament, das sie stützt. Sie steht und fällt mit dem Respekt für ihre Werte, Grundsätze und Institutionen, aber auch mit den Freiräumen für Widerspruch und öffentliche Debatte, die sie eröffnet. Sie braucht den Austausch, der vom respektvollen Streit lebt, der überzeugen und nicht überwältigen will, in dem am Ende das bessere Argument zählt. An diese Notwendigkeit hat uns der im März verstorbene Jürgen Habermas immer wieder erinnert.

Wie in keiner anderen Staats- und Gesellschaftsform gehört es zum Wesenskern der liberalen Demokratie, den Rahmen zu setzen, dass Gedanken frei sind, dass Vielfalt in Freiheit und offen gelebt werden kann. Sie bietet Platz für Neues und Streitbares: Sei es in Forschung und Lehre, sei es in Fragen von Glauben und Weltanschauung, in der Freiheit des Wortes und der Kunst. Es ist kein Zufall, dass unser Grundgesetz diese Freiheiten ausdrücklich schützt. Demokratie lebt von Ideenreichtum, von Debatte und Vielfalt – und sie braucht Menschen, die mitmachen und sich beteiligen.

In diesem Jahr feiert unser Grundgesetz seinen 77. Geburtstag; zum 36. Mal begehen wir dieses Jubiläum in einem vereinten Land. Gleichzeitig sehen wir auch in unserem Land, dass die rasch aufeinander folgenden Krisen und Konflikte Spuren in unserem Zusammenleben hinterlassen. Das Verbindende scheint zu schwinden, über Trennendes wird unerbittlich gestritten, befeuert durch die sogenannten sozialen Netzwerke, in denen Häme, Hass und Hetze in Bruchteilen von Sekunden verbreitet werden. Das Zuhören, das Abwägen, der Kompromiss, der auf Vernunft gründet, all das droht dabei verloren zu gehen. Die Oberhand behalten allzu oft jene, die unsere Gesellschaft spalten, Menschen gegeneinander aufhetzen und das Vertrauen in unsere Demokratie und ihre Institutionen untergraben wollen.

Mir als Bundespräsident ist es sehr wichtig, dass wir dagegenhalten und für unser freiheitliches Gemeinwesen aktiv werden: Indem wir dafür sorgen, dass sich Menschen begegnen, miteinander ins Gespräch und ins gemeinsame Handeln kommen. Ich freue mich sehr, Sie mit Ihrem Aktionstag »Zusammenhalt in Vielfalt« dabei an meiner Seite zu wissen.

Anlässlich des UNESCO-Welttags der kulturellen Vielfalt am 21. Mai rufen Sie dazu auf, mit kreativen Beiträgen Zeichen für den Zusammenhalt in unserer freien und vielfältigen Gesellschaft zu setzen – im Rahmen der Initiative kulturelle Integration (IKI). Sie wurde 2016 vom Deutschen Kulturrat mitbegründet und hat in den vergangenen zehn Jahren immer wieder Ideen entwickelt, um diesen Zusammenhalt zu festigen. Ich bin Ihnen und allen, die sich an dieser Initiative beteiligen, dankbar für Ihre wertvolle Arbeit und wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrem Aktionstag!

Mir als Bundespräsidenten war es ein Herzensanliegen, den ersten bundesweiten »Ehrentag« zu initiieren. Rund um den Geburtstag des Grundgesetzes am 23. Mai sind Menschen in ganz Deutschland eingeladen, sich an Mitmach-Aktionen zu beteiligen und sich einzubringen – im Sportverein, im Betrieb, in Kunst und Kultur, in der Nachbarschaft. Unter dem Motto »Für Dich. Für uns. Für alle« geht es ums Miteinandersein und Füreinander-da-sein – und das darf bitte auch Spaß machen. Gemeinsam packen alle für ein paar Stunden mit an, um unser Land ein bisschen besser zu machen, das ist die Idee dahinter. Im Mittelpunkt steht die Erfahrung, mit vielen Ideen und Beiträgen im Kleinen und auch im Großen Gutes zu bewirken – ob mit einer Aufräumaktion vor der eigenen Haustür, einer Lesung im nahe gelegenen Seniorenheim oder indem man ein Mitmachkonzert in der örtlichen Konzerthalle organisiert.

Zugleich soll der Tag ehrenamtliches Engagement sichtbar machen und würdigen: Wer noch nicht aktiv ist, hat beim Ehrentag die Chance, sich auszuprobieren und herauszufinden, wie vielfältig die Möglichkeiten sind, sich einzubringen. Für alle, die sich bereits engagieren, bietet der Tag Gelegenheit, ihre wertvolle Arbeit in einen größeren Zusammenhang zu stellen, sich zu vernetzen und neue Mitstreiter zu gewinnen. Ich freue mich sehr, dass der Ehrentag bereits viele Unterstützerinnen und Unterstützer aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gewonnen hat und es in Kommunen im ganzen Land ein buntes Mosaik an Mitmach-Aktionen geben wird.

Beide Aktionstage verbindet, dass sie dann ein Erfolg werden, wenn sich möglichst viele unterschiedliche Menschen an ihnen beteiligen. Dazu lade ich herzlich ein! Stärken wir gemeinsam, was uns verbindet! Denn das ist es, was den Geist unserer Verfassung ausmacht: Das Miteinander in Freiheit und Vielfalt. Die Demokratie braucht uns alle.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 5-6/2026