Als vor fünf Jahren das Humboldt Forum nach und nach seine Türen für das Publikum öffnete, war für einige das Urteil bereits gefallen, bevor sie auch nur einen Fuß in das Haus gesetzt hatten: Außereuropäische Sammlungen hinter der Fassade eines rekonstruierten preußischen Stadtschlosses – wie soll das funktionieren? Ein unauflösbarer Widerspruch.

Mittlerweile zeigt sich: Dieser Widerspruch ist nicht das Problem des Humboldt Forums. Hier liegt seine eigentliche kulturpolitische Legitimation – in der Überlagerung von historischer Verantwortung, globalen Verflechtungen und gegenwärtigen Debatten. Restitution, koloniales Erbe und Gegenwart, kulturelle Aneignung, Erinnerungspolitik – all das verdichtet sich im Humboldt Forum.

Auch dieses Hybride wird häufig als Problem beschrieben. Verhält es sich nicht umgekehrt? Genau diese Vielschichtigkeit ist unser Handlungsraum, ist Impulsgeber für unsere Arbeit: Offenheit in alle Richtungen, Zweifel an der eigenen Position und Bereitschaft zur Abgabe von Deutungshoheit. Wie das konkret aussieht? Kürzlich zeigte der südafrikanische Performer Albert Ibokwe Khoza mit »Dear Museum!« eine Auftragsproduktion für die Stiftung Humboldt Forum. Darin beschäftigt er sich in eindrücklicher Weise kritisch mit der ethnologischen Museumspraxis. Das darf, das muss in einem Haus wie dem Humboldt Forum genau so stattfinden. Dass dabei ein Publikum in den Blick genommen wurde, das sich nicht schon seit Jahren mit diesen Diskursen befasst, zeigt den Anspruch des Hauses, für viele da zu sein. Übrigens: 3,3 Millionen Besucherinnen und Besucher waren 2025 hier.

In der kollaborativen Zusammenarbeit mit Menschen, die in einem Bezug zu den in unserem Haus gezeigten »Cultural Belongings« stehen, hat das Humboldt Forum Maßstäbe gesetzt. Ich denke an die Ausstellung »Songlines« – sie wurde erst durch das Wissen und die Kunst indigener australischer Communities möglich. Oder an »Geschichte(n) Tansanias« – gemeinsam mit dem National Museum of Tanzania und lokalen Communities werden hier koloniale Narrative aufgebrochen und Tansanias Geschichte aus afrikanischer Perspektive erzählt. Aber wir müssen gar nicht in die Ferne schauen, um uns machtkritisch zu hinterfragen: 2024 machte die Ausstellung »Hin und weg. Der Palast der Republik ist Gegenwart« Geschichte und Gegenwart des Palastes erlebbar, eines der Vorgängerbauten des Humboldt Forums. Zu sehen waren u. a. Objekte aus und zum Palast, Fotografien, Audio- und Videointerviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, ergänzt um partizipative Angebote. So entstehen neue Narrative nicht über, sondern mit denjenigen, deren Geschichte erzählt wird; es werden Stimmen hörbar, die bislang nicht vernommen wurden. Inzwischen schätzen uns Projektpartner aus der ganzen Welt als glaubwürdigen und zuverlässigen Partner. Wir nehmen hier häufig noch zu wenig wahr, wie groß und positiv die internationale Wahrnehmung und Ausstrahlung des Humboldt Forums geworden ist. Und wir erfahren, dass internationale Gäste es oft als besondere Wertschätzung wahrnehmen, dass sie mit ihren Themen oder künstlerischen Arbeiten an so einem attraktiven Ort präsent sein können. Die rekonstruierten Fassaden als Zeichen von Wahrnehmung und Anerkennung? Das ist hier manchmal schwer vorstellbar, aber es gilt eben nicht nur die hiesige Perspektive.

Diese Art der kollaborativen Arbeit stellt den klassischen kuratorischen Autoritätsanspruch infrage. Darin liegt das Potenzial eines Hauses wie dem Humboldt Forum. Die Global Cultural Assembly verankert diese kollaborative Arbeit im Humboldt Forum strukturell. Internationale Partner entscheiden hier mit über Inhalte, Präsentationsformen und Bedeutungszuweisungen. Insbesondere geht es um die Perspektiven indigener, von Kolonialismus und Rassismus betroffener und diskriminierter Gruppen. Gemeinsam mit ihnen und für sie Sichtbarkeit, Gehör und vor allem Mitspracherecht zu erlangen, ist eine unserer wesentlichen Herausforderungen für die nächsten Jahre.

Die Bedeutung des Humboldt Forums als Ort der Begegnung gilt auch für unser Publikum: In einer fragmentierten Gesellschaft, in der öffentliche Räume knapper werden, bieten wir einen Raum für Teilhabe, in dem das Aushalten und Aushandeln von unterschiedlichen Standpunkten möglich ist. Das ist die Grundlage für eine lebendige, gerechte, demokratische und zukunftsfähige Gesellschaft. Daher freut es mich besonders, dass die Zahl der Veranstaltungsbesuche im letzten Jahr gestiegen ist – 132.000 Teilnehmende nutzten die vielfältigen Angebote –, denn hier begegnen Menschen einander unmittelbar. Die hohen Besuchszahlen bei Formaten wie dem Frühlingsfest »Nouruz« mit 9.000 Besucherinnen und Besuchern an einem Samstag im März oder beim mexikanischen Totenfest »Día de Muertos« mit 10.000 Besucherinnen und Besuchern am letzten Oktoberwochenende 2025 sind kein kurzfristiger Eventerfolg, sondern ein Indikator: Der Bedarf an niedrigschwelligen, gemeinschaftsstiftenden Räumen ist enorm. Und auch diese Formate entstehen in kollaborativer Arbeit – mit Vereinen und Initiativen aus der Berliner Stadtgesellschaft.

Das Humboldt Forum bietet mit seinen Kultur-, Bildungs- und Diskursangeboten eine Form sozialer Infrastruktur. Diese Angebote bauen wir aus, z. B. durch neue Kita-Formate für die Kleinsten und eine Internationalisierung der Bildungsarbeit. Der »Ort der Wärme«, eine Kooperation mit den Berliner Johannitern, ist in der kalten Jahreszeit mittlerweile eine feste Institution in der Stadt. Mit der Begrünung des Schlossplatzes südlich des Humboldt Forums entstehen eine höhere Aufenthaltsqualität und ein Beitrag zum Klimaschutz im Stadtquartier.

Das Humboldt Forum ist und bleibt von der Auswahl seiner Formate her bewusst ein Ort für alle: für Museumsbesucherinnen und -besucher, Touristinnen und Touristen, die einfach nur einen Blick von der Dachterrasse auf Berlin werfen möchten, für Kinder und Jugendliche, die in der Akademie einen Workshop machen, für Musikliebhaberinnen und Musikliebhaber, Eltern, Kreative … – jede und jeder ist hier gleichermaßen willkommen. Es versteht sich als demokratischer Ort im besten Sinne, an dem sich verschiedene Lebensrealitäten überschneiden können, an dem Teilhabe, Aushandlung und kollektive Praxis ermöglicht werden und gesellschaftliche Vielfalt sichtbar wird.

Die Vielstimmigkeit, die das Programm ausmacht, spiegelt sich im Zusammenspiel der Akteure: Im Humboldt Forum kooperieren die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit den Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin, die Humboldt-Universität zu Berlin mit dem Humboldt Labor, das Stadtmuseum Berlin mit der Berlin-Ausstellung sowie internationale Partner und Communities – ein Geflecht, das Abstimmung verlangt und Reibung produziert. Doch genau hierin liegt seine kulturpolitische Relevanz. Denn es erprobt, was künftig für viele Kulturinstitutionen gelten wird: Autonomie wird durch Kooperation ersetzt – »Don’t talk about us without us«.

Dieser Leitsatz von uns ist auch in anderer Hinsicht relevant: Das Humboldt Forum ist ein Ort, der nach außen wirkt und Erwartungen weckt. Aktuell existieren unterschiedliche Vorstellungen davon, was künftig hier möglich sein könnte. Diese Projektionen und Wünsche zeigen, wie relevant dieser Ort für die Stadt ist. Vor diesem Hintergrund wird die aktuelle Debatte um die zukünftige Nutzung zentraler Flächen im Haus, um die Nachfolge der Ausstellung »Berlin Global«, die das Stadtmuseum Berlin zeigt, zu einer Richtungsentscheidung. Denn die Frage »Was folgt?« ist für mich eine grundsätzliche: Braucht das Humboldt Forum weiterhin große, kuratierte Setzungen – oder brauchen wir nicht vielmehr in der Mitte der Hauptstadt mehr »Forum« im Geiste der Humboldt-Brüder? Ich habe dazu eine klare Meinung: Das Humboldt Forum braucht nach »Berlin Global« keine neue große Ausstellung oder ein dominierendes Angebot nur eines Partners. Es bedarf stattdessen wechselnder Angebote, Themen und Formate, die den Besucherinnen und Besuchern mehr Möglichkeiten der Begegnung und Mitwirkung bieten, die im Herzen der Hauptstadt für mehr Zusammenhalt und Vielfalt sorgen, das städtische Umfeld beleben und große Strahlkraft haben. Es bedarf eines Ortes, der unserem Anspruch entspricht, »mehr als ein Museum« zu sein: für die Stadt, für Gäste aus aller Welt – für alle, die sich mit Leidenschaft für die wichtigen kulturellen und sozialen Themen unserer Zeit engagieren. Kurzum: Ich wünsche mir mehr Dynamik statt Verfestigung und Historisierung.

Das Humboldt Forum steht exemplarisch für eine Transformation, die weit über dieses Haus hinausweist. Kulturorte befinden sich im Übergang: von Orten gesicherten Wissens hin zu Plattformen umkämpfter Bedeutungen, an denen gesellschaftliche Debatten geführt und gemeinsam Zukunftsentwürfe entwickelt werden. Das ist aus meiner Sicht kein Verlust, sondern ein Fortschritt. Das Humboldt Forum ist ein Modell für diese neue Institutionenlogik – wenn es den Mut hat, seine eigene Form radikal und konsequent weiterzudenken.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 7-8/2026