Die digitale Transformation des Kulturerbesektors ist seit 20 Jahren ein zentrales kulturpolitisches Ziel der Europäischen Union. Im Mittelpunkt dieser Bemühungen steht die Europeana: eine der bedeutendsten europäischen Initiativen für das digitale Kulturerbe. In dieser Zeit hat sie sich parallel zu den kultur- und digitalpolitischen Ambitionen der EU weiterentwickelt – unterstützt von der Europäischen Kommission, den Mitgliedstaaten und Kulturerbeeinrichtungen in ganz Europa.

Was als europäisches Vorhaben zum Aufbau einer digitalen Bibliothek begann, ist heute Europas zentrale öffentliche Infrastruktur für Kulturerbedaten. Die Europeana unterstützt die digitale Transformation und Innovation des Kulturerbesektors sowie Europas Ambitionen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (KI). Seit 2022 ist sie zudem die Verwalterin des gemeinsamen europäischen Datenraums für das Kulturerbe, eines zentralen Leuchtturmprojektes der Europäischen Datenstrategie.

Deutschland war auf diesem Weg stets eine treibende Kraft. Über die Deutsche Digitale Bibliothek (DDB) und ihre langjährige Partnerschaft mit der Europeana hat Deutschland dazu beigetragen, Europas Infrastruktur für das digitale Kulturerbe mitzugestalten und eine gemeinsame europäische Vision in die Praxis umzusetzen.

Rückblick auf mehr als ein Jahrzehnt Partnerschaft

Deutschland gehört seit der Gründung der Europeana zu ihren stärksten Unterstützern. 2005 forderte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder gemeinsam mit anderen Staats- und Regierungschefs die Europäische Kommission auf, eine öffentlich finanzierte europäische digitale Bibliothek zu schaffen, um das gemeinsame kulturelle Erbe zu bewahren und online zugänglich zu machen. Die Initiative kam zu einem entscheidenden Zeitpunkt. Als groß angelegte kommerzielle Digitalisierungsprojekte wie Google Books an Bedeutung gewannen, entschied sich Europa für eine öffentliche Infrastruktur, um Digitalisierung und Zugang an den europäischen Werten und am öffentlichen Interesse auszurichten. Aus diesem politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Anspruch entstand die Europeana.

Die Entwicklung hin zum Datenraum im Jahr 2022 spiegelt einen umfassenderen politischen Wandel wider. Im Mittelpunkt steht nicht mehr allein die Digitalisierung und Bereitstellung des Zugangs zum Kulturerbe, sondern auch die Ermöglichung seiner Weiterverwendung und die Anerkennung seines strategischen Werts in einer datengetriebenen Gesellschaft. Angesichts der Bedeutung von KI als leistungsfähiger Technologie, und Europas Bestrebungen nach größerer digitaler Souveränität, sind Kulturerbedaten zu einer strategischen Ressource geworden – einer Ressource, die Innovation und Wettbewerbsfähigkeit fördert und neue Möglichkeiten für vertrauenswürdige KI eröffnet.

Heute vereint der europäische Datenraum für das Kulturerbe mehr als 3.200 beitragende Institutionen und über 62 Millionen Objekte, von denen rund 80 Prozent weiterverwendet werden können, etwa in Bildung, Forschung, Webanwendungen, Videospielen, der Verarbeitung natürlicher Sprache und zunehmend auch für KI. Neben der Bereitstellung hochwertiger und vertrauenswürdiger Kulturerbedaten unterstützt der Datenraum die digitale Transformation in den EU-Mitgliedstaaten und Kulturerbeeinrichtungen durch Kapazitätsaufbau, politische Unterstützung und Vernetzung. Er fördert die verantwortungsvolle Nutzung neuer Technologien, sichert die Datenhoheit der Einrichtungen und stärkt die internationale Zusammenarbeit.

Die DDB spielt bei dieser Entwicklung eine Schlüsselrolle. Die Einführung der öffentlichen Betaversion des DDB-Portals im Jahr 2012 und seine Anerkennung von der Europeana als nationales Aggregationsportal für Deutschland markierten einen wichtigen Meilenstein. Dank der DDB sind die Sammlungen Deutschlands nun auch europaweit zugänglich und können somit von einem breiteren Publikum erkundet und auf vielfältige Weise genutzt werden. Gleichzeitig wurden deutsche Institutionen so Teil einer europäischen Fachgemeinschaft, die gemeinsam Ansätze für Interoperabilität, Barrierefreiheit und Zusammenarbeit erarbeitet.

Deutschland zählt heute quantitativ und qualitativ zu den wichtigsten Lieferanten der Europeana und des Datenraums: Über die DDB stellen mehr als 310 Institutionen über acht Millionen Objekte bereit, ein Drittel davon unter offener Lizenz. Zugleich engagieren sich mehr als 350 deutsche Mitglieder in der Europeana Network Association und tragen zum fachlichen Austausch und Wandel bei. Neue Technologien wie KI bringen kontinuierlich neue Herausforderungen mit, und die Umsetzung gemeinsamer Rahmenbedingungen und Standards für Digitalisierung und Datenaustausch in Europa variiert nach wie vor. Doch dieser Prozess hat in Deutschland und anderen Mitgliedstaaten die Grundlage für eine wahrhaft paneuropäische Infrastruktur, Fachgemeinschaft und Öffentlichkeit geschaffen.

Im Zeitalter der KI gewinnt die europäische Dimension weiter an Bedeutung. Dank vernetzter, mehrsprachiger und vertrauenswürdiger Kulturerbedaten können das Wissen, die kulturellen Perspektiven, die sprachliche Vielfalt und die gemeinsamen Werte Europas in den digitalen Technologien verankert werden, die unsere Gesellschaften zunehmend prägen.

Blick in die Zukunft: gemeinsame Chancen und Herausforderungen

Heute steht Europa erneut an einem entscheidenden Wendepunkt – ähnlich jenem, der 2005 zur Gründung der Europeana führte. KI verändert rasant, wie Wissen, Kultur und Geschichte geschaffen, abgerufen, interpretiert und weiterverwendet werden. Für den Kulturerbesektor, der seit Langem als vertrauenswürdiger Hüter des öffentlichen Wissens und der Kultur fungiert, bringt dies sowohl bedeutende Chancen als auch komplexe Herausforderungen mit sich.

Im vergangenen Jahr hat sich im Kulturerbesektor ein wachsender Konsens abgezeichnet: Kulturerbe wird nicht nur von KI beeinflusst, sondern kann auch aktiv zu ihrer Entwicklung beitragen. Durch vertrauenswürdige, mehrsprachige und gut dokumentierte Daten sowie durch Erfahrung in der verantwortungsvollen Bewahrung und Vermittlung von Wissen kann der Sektor dazu beitragen, dass KI vertrauenswürdiger und öffentlich rechenschaftspflichtiger wird. Zugleich werfen KI-Systeme Fragen nach den zugrunde liegenden Wissensbeständen, Werten und Interessen auf und verdeutlichen die Notwendigkeit europäischer Investitionen in vertrauenswürdige öffentliche Infrastrukturen, die die technologische Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit stärken.

Europa fängt hier nicht bei null an. Durch die Europeana und den Datenraum existiert bereits eine vertrauenswürdige, mehrsprachige und interoperable öffentliche Infrastruktur. Auf dieser Grundlage hat die EU die Chance, einen eigenständigen europäischen Ansatz für KI voranzutreiben, bei dem das öffentliche Interesse im Mittelpunkt steht. Diese Vision wird im kürzlich im Datenraum veröffentlichten Paper »The Case for Public AI: Making it Happen with Cultural Heritage« weiter ausgeführt. Eine Analogie zu öffentlich-rechtlichen Medien ist hier aufschlussreich: So wie öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten gegründet wurden, um sicherzustellen, dass der Zugang zu Informationen nicht allein kommerziellen Interessen überlassen bleibt, zielt Public AI darauf ab, sicherzustellen, dass der Zugang zu Wissen und Kultur nicht ausschließlich von KI-Systemen geprägt wird, die auf private Interessen ausgerichtet sind. Diese Vision bringt jedoch auch Herausforderungen mit sich. So müssen noch wichtige politische Fragen geklärt werden: von der Ausweitung der Digitalisierung und der Verbesserung der Datenqualität über die Aufarbeitung historischer Verzerrungen in den Sammlungen bis hin zur Verringerung der Umweltauswirkungen von KI. Der Datenraum der Europeana unterstützt den Sektor bei der Bewältigung dieser Herausforderungen, indem er Wissen und Expertise bündelt, die Zusammenarbeit fördert und praktische Kapazitäten aufbaut. Der Erfolg des Datenraums hängt vom kontinuierlichen Engagement der Mitgliedstaaten ab. Daher fordert die Empfehlung der Europäischen Kommission von 2021 sie auf, ihre Digitalisierungsbemühungen zu verstärken, mehr hochwertige Inhalte über den Datenraum zugänglich zu machen und nationale Strategien zur Nutzung von KI und anderen fortschrittlichen Technologien zu entwickeln. Zudem sollen Daten aus öffentlich finanzierten Digitalisierungsprojekten über den Datenraum bereitgestellt werden, um seine Rolle als gemeinsame europäische Infrastruktur im Zeitalter der KI zu stärken.

Bereits vor 20 Jahren hat Europa gemeinsam auf die Herausforderungen der Digitalisierung und des Zugangs reagiert. Heute erfordert KI dieselbe Ambition, eine gemeinsame Vision und einen starken europäischen Kooperationsgeist. Die Partnerschaft zwischen der Europeana und der DDB zeigt, wie langfristige europäische Zusammenarbeit, politische Führung und eine gemeinsame Agenda vertrauenswürdige und leistungsfähige öffentliche Infrastrukturen schaffen können. Diese sind erforderlich, um unser kulturelles Erbe nicht nur zu bewahren und zugänglich zu machen, sondern auch seinen künftigen gesellschaftlichen Nutzen zu sichern.

Angesichts der mit KI verbundenen Herausforderungen und Chancen bleibt die enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland unter Federführung der DDB, der Europeana und dem gemeinsamen europäischen Datenraum für das Kulturerbe sowie den EU-Mitgliedstaaten und Initiativen von zentraler Bedeutung. KI ist keine nationale, sondern eine europäische und globale Herausforderung. Ihr zu begegnen, ist nicht nur eine Frage technologischer Anpassung, sondern auch demokratischer Verantwortung und der langfristigen Wahrung der kulturellen Souveränität Europas.

Aus dem Englischen übersetzt mit DeepL Translator und von Sophia Blochowitz redaktionell bearbeitet. Zum englischen Original: tinyurl.com/puk-europeana-en

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 9-10/2026