Mit zehn Vorderbeinen und kopflos hat die Skulptur »Polygonales Pferd II« des Künstlers Gregor Gaida im Oederaner Ortsteil Gahlenz viele irritiert, manche verärgert. Im Rückblick aber zeigt Gaidas wohlgeformte Unform ein schräges, aber wahres Beispiel für die Nachhaltigkeit der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz. Denn seit die umstrittene Skulptur Teil des Chemnitzer »Purple Path« geworden war, fanden – und finden bis heute – Besucher nicht nur den Weg zum Kunstwerk. Sie machen oft auch einen Abstecher ins wenige Meter entfernte Dorfmuseum. »Für das Museum hat sich das Kulturhauptstadtjahr schon allein deshalb gelohnt«, sagt der Autor Stefan Tschök: »So eine Einschätzung habe ich jedenfalls in Gahlenz gehört.« Tschök gehört zu den ehrenamtlichen Botschaftern der Kulturhauptstadtbewerbung und bereiste Purple-Path-Orte, um mit Vereinen, Bürgermeistern und Kulturschaffenden darüber zu diskutieren, wie die Kulturhauptstadt ihre Kommunen verändert hat. Zwei Bücher hat er über Chemnitz 2025 geschrieben. Jetzt, ein gutes halbes Jahr nach dem Kulturhauptstadtjahr, beobachtet er, dass die beeindruckenden Zahlen – weit über zwei Millionen Besucher und über 2.000 Veranstaltungen – nicht mehr im Mittelpunkt stehen, wohl aber die Frage, was geblieben ist. Da wäre zum einen das Greif- und Sichtbare wie der Purple Path mit seinen Kunstwerken, die Chemnitz und die 38 Kommunen der Kulturregion verbinden. »Zum anderen«, so Tschök, »wäre da ein Gefühl, das in Chemnitz lange gefehlt hat, nämlich gesehen zu werden!« Das Motto »C the Unseen«, wobei das »C« für Chemnitz stand, komme nun zum Tragen.

Doch das allein freilich reicht nicht. Tschök spricht von einer jetzt notwendigen »Ermöglichungskultur«. Viele Initiativen seien durchs Kulturhauptstadtjahr entstanden. Sie bräuchten nun Unterstützung und Freiräume. Nicht immer gehe es dabei um große Fördersummen. Oft reiche die Bereitschaft, Ideen nicht sofort mit Verweis auf fehlende Zuständigkeiten oder knappe Mittel abzublocken. Tschök bringt es auf den Punkt: »Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt erst jetzt.«

Ähnlich sieht es auch die Stadtspitze. Für Oberbürgermeister Sven Schulze war Chemnitz 2025 von Anfang an ein langfristiger Entwicklungsprozess, der über 2025 hinaus wirken sollte. Das sei fester Bestandteil aller Planung gewesen. »Wichtigste Errungenschaft ist das gewachsene kulturelle Selbstbewusstsein«, so Schulze. Bislang liefen Fäden und Verantwortung fürs Kulturhauptstadtjahr bei der Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025 gGmbH zusammen. Um die aus immerhin mehr als 1.300 Volunteers entstandenen Netzwerke und Projekte dauerhaft zu sichern, wird diese gemeinnützige GmbH nun in einer Nachfolgefunktion als sogenannte Legacy-Struktur weitergeführt. Genaueres hierzu – Rechtsform, Positionen und Finanzierung – ist noch im Entstehen. Schulze verweist zudem auf positive Erfahrungen, die man mit Mikroprojekten und den kleinen Anschubfinanzierungen gemacht hat. »Auch das wird weitergehen«, versichert er. Die im Kulturhauptstadtjahr aktivierten »Interventionsflächen« will er als dauerhafte kulturelle Orte weiter nutzen. 2025 hätten viele Menschen verstanden, tatsächlich etwas bewegen zu können. Dieser Effekt soll weiterhin Bestand haben. Deshalb wird – so der kulturpolitische Plan – ab 2027 eine Kulturhauptstadt-Biennale regelmäßig neue Impulse setzen. Die Idee zu einer solchen Biennale haben sich die Chemnitzer aus Leeuwarden in Holland abgeguckt. Das Konzept soll helfen, die entstandene Dynamik lebendig zu halten.

Wer aber trägt die langfristige »Bewährungsprobe« der nachhaltigen Wirkung politisch mit? 2024 bestand in der Stadt noch die Sorge, rechtsextreme Akteure könnten die Kulturhauptstadt für ihre Botschaften instrumentalisieren. Entsprechende Ankündigungen gab es, blieben jedoch aus. Rückblickend lässt sich das mit der starken Verankerung des Projekts in der Stadtgesellschaft erklären. Ein Angriff wäre als Angriff auf Chemnitz selbst verstanden worden. Dieser Schutzmantel aber dürfte künftig an Bedeutung verlieren. Ein Blick in den Stadtrat zeigt die politischen Kräfteverhältnisse: Die AfD ist mit 15 Sitzen in zwei Fraktionen vertreten, Pro Chemnitz/Freie Sachsen stellt 3 Sitze. Das bürgerliche Lager CDU/FDP kommt ebenfalls auf 15 Sitze, die übrigen Fraktionen sind deutlich kleiner. Damit bleiben kulturpolitische Entscheidungen dauerhaft aushandlungsintensiv. Pro-europäische Mehrheiten sind nicht selbstverständlich, sondern müssen jeweils neu hergestellt werden. Parallel dazu stehen die im Kulturhauptstadtjahr entstandenen städtebaulichen Projekte – vom Garagen-Campus über die Hartmannfabrik bis zum Schmidt-Rottluff-Haus – vor der Aufgabe, langfristig tragfähige Betriebs- und Nutzungskonzepte zu erhalten.

Almut Patt, kulturpolitische Sprecherin der CDU/FDP-Fraktion im Stadtrat und langjähriges Mitglied im Aufsichtsrat der Kulturhauptstadt gGmbH, ist hier aber zuversichtlich. Sie vergleicht den Kulturhauptstadtprozess mit einer Welle, die lange zuvor angestoßen wurde, 2025 ihren Höhepunkt erreichte und nun abfließe. »Die nachhaltigste Wirkung liegt darin, dass Chemnitz Selbstvertrauen gewonnen hat«, sagt Patt. Jahrzehntelang habe die Stadt sich kulturell im Schatten von Dresden und Leipzig gesehen. Jetzt aber sei viel möglich, was früher undenkbar erschienen wäre. Als Beispiel nennt sie u. a. das Internationale Festival »Theater der Welt«, das im Sommer 2026 in Chemnitz gastierte. Die Stadt hatte sich für die Austragung des Festivals beworben, nachdem sie den Zuschlag als Kulturhauptstadt erhalten hatte. »Früher hätten wir uns das vermutlich gar nicht zugetraut«, sagt Patt.

Dem neuen Selbstbewusstsein fühlte im Frühjahr auch die Diskussion »Was bleibt von Chemnitz 2025?« im soziokulturellen Zentrum Kraftwerk nach. Impulsgeber war Autor Stefan Tschök. Projektleiterin Aileen Storch beschreibt für die Veranstaltung eine überwiegend positive Grundstimmung. »Gleichzeitig gab es aber auch kritische Stimmen, etwa von Studierenden, die sich gern stärker eingebunden gefühlt hätten.« Auch von solchen Enttäuschungen, weil nicht jede Idee gefördert oder umgesetzt wurde, hört man immer wieder. Doch auch davon bleibt voraussichtlich was Gutes. Laut Oberbürgermeister hat die Stadt erkannt, dass Kulturförderung zukünftig stärker aus Sicht der Antragstellenden gedacht und transparenter gestaltet werden müsse. Es könne nicht vorausgesetzt werden, dass alle mit komplexen Verfahren und Antragsformularen vertraut seien. Insofern gilt unterm Strich: Das Kulturhauptstadtjahr hat nicht nur Projekte hinterlassen. Es hat auch einen Lernprozess in Verwaltung und Stadtgesellschaft angestoßen.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 7-8/2026