Migration prägt unsere Gesellschaft. Mehr als jede vierte Person in Deutschland hat eine Einwanderungsgeschichte. Für viele weitere Menschen gehören familiäre Migrationsgeschichten und transnationale Lebenswirklichkeiten zum Alltag. Diese Realität wirkt auch auf die Museen und ihre Aufgaben. Als Institutionen im Dienst der Gesellschaft sind sie nicht nur Orte des Sammelns, Bewahrens und Vermittelns, sondern auch Orte der Deutung: Sie prägen mit, welche Geschichten erzählt werden, welche Perspektiven sichtbar sind und was als erinnerungswürdig gilt.
Dass diese Fragen aktuell mit Dringlichkeit verhandelt werden, zeigt nicht zuletzt die diesjährige Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes unter dem Titel »Museen öffnen! Vielfalt als Chance«. Wie können Museen in einer zunehmend pluralen Gesellschaft auf berechtigte Forderungen nach Sichtbarkeit und Repräsentation reagieren? Wie können sie die plurale Gesellschaft sowohl intern in der Museumsarbeit als auch extern in ihren Angeboten angemessen abbilden? Und wie bleiben sie in Zeiten wachsender Polarisierung und populistischer Zuspitzung handlungsfähig? Museen sind heute mehr denn je gefordert, Antworten auf diese Fragen zu finden, Brücken zwischen unterschiedlichen Perspektiven zu bauen, Diskursräume zu öffnen und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.
Mit dem neuen Leitfaden »Museen in der Migrationsgesellschaft« setzt der Deutsche Museumsbund einen fachlichen Impuls für eine Debatte, die viele Häuser bereits beschäftigt und zugleich kontrovers bleibt. Denn Öffnung, Teilhabe und Diversität sind für die einen längst selbstverständlicher Teil professioneller Museumsarbeit, für andere wirken sie wie eine politische Überforderung oder wie ein Eingriff in tradierte institutionelle Selbstverständnisse. Genau hier setzt der Leitfaden an: Er formuliert keine moralische Zusatzagenda, sondern versteht Diversität, Zugänglichkeit, antirassistische Praxis und Partizipation als Qualitätsfragen zeitgemäßer Museumsarbeit. Damit rückt er nicht zusätzliche Angebote oder neue Zielgruppen in den Mittelpunkt, sondern die Institution selbst: ihre Routinen, ihre Leerstellen, ihre Perspektiven und die Frage, wie offen Museen tatsächlich sind. Der Leitfaden bietet dafür keine Patentrezepte, wohl aber Orientierung und praktische Instrumente für einen Prozess, den jedes Museum im eigenen Profil und Kontext gestalten muss – mit einer klaren Richtung: mehr Offenheit, mehr Teilhabe und mehr gesellschaftliche Relevanz.
Wie dieser Anspruch im Museumsalltag wirksam werden kann, zeigt der Blick in die Praxis. Ein wichtiger Ausgangspunkt für mehr Offenheit und bessere Zugänglichkeit von Museen ist das Erkennen von Bedürfnissen und Barrieren. Dafür benötigen Museen Blickwinkel und Kenntnisse, über die sie in der diversen Migrationsgesellschaft oft nicht aus sich heraus in ausreichendem Maß verfügen. Die Einbindung und Zusammenarbeit mit Personen und Gruppen mit internationalen Perspektiven oder Migrationserfahrungen, das Knüpfen von Allianzen und Partnerschaften oder die Einrichtung von Beiräten sind hier erprobte Wege, um Hindernisse zu erkennen, neue Zugänge zu schaffen und zu ermöglichen, dass viele verschiedene Besucherinnen und Besucher das Museum als einen einladenden Raum erleben. Mit Praxisbeispielen zeigt der Leitfaden, wie Outreach, Audience Development und Partizipation im Museumsalltag neue Zugänge für ein diverses Publikum gestalten können. Partizipatives Arbeiten spielt dabei eine Schlüsselrolle, um Multiperspektivität zu realisieren, die Vielfalt der pluralen Gesellschaft abbilden zu können und Teilhabe zu ermöglichen. Offenheit und Transparenz in Kommunikation und Handeln sind dabei genauso wichtig wie das Aushandeln von Regeln. Partizipation braucht Vertrauen, Zeit und Mut, sich auf andere einzulassen. In der Praxis werden dabei auch bestehende Strukturen, Hierarchien und Prozesse in den Museen hinterfragt und neue Arbeitsweisen und Entscheidungsprozesse erprobt.
Multiperspektivität und Partizipation funktionieren in der pluralen Migrationsgesellschaft nicht ohne einen rassismuskritischen Blick auf die eigene Praxis. Der Leitfaden versteht Rassismus nicht als individuelle Haltung, sondern als strukturell verankertes Machtverhältnis, das sich meist unbewusst in Normsetzungen, Auswahlprozessen und institutionellen Routinen auswirken kann. Die Reflexion der eigenen Praxis, ein kritischer Blick auf die Sammlungen und Ausstellungen, das Hinterfragen von stereotypisierenden Zuschreibungen oder Leerstellen sind kein Luxus, sondern gehören zu den Qualitätsstandards von Museen in der Migrationsgesellschaft.
Der Weg zu einem offenen und zugänglichen Museum, das mit rassismuskritischer Perspektive partizipativ und multiperspektivisch arbeitet, kann schon mit kleinen Schritten in der Praxis beginnen – auch ohne große Förderkulissen und zusätzliche Ressourcen. Ernst genommen, führt er aber früher oder später zum Überprüfen und Hinterfragen der eigenen, institutionellen wie persönlichen Routinen und Strukturen. Um die Perspektiven, Erfahrungen und Bedürfnisse der Menschen erkennen zu können und ihnen Rechnung zu tragen, müssen Arbeitsweisen, Haltungen und Strukturen entwickelt werden, die ausreichend Spielräume und Flexibilität ermöglichen. Der Verlauf eines solchen notwendigen Veränderungsprozesses ist in der Regel nicht gradlinig und selten ohne Überraschungen. Aber er lohnt sich – für die Museen und die Menschen.
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Regelmäßig veröffentlicht der Deutsche Museumbund Praxisleitfäden. Neu erschienen ist nun der Leitfaden »Museen in der Migrationsgesellschaft«. Er soll veranschaulichen, wie Museen mit Diversität und Migration in allen Bereichen arbeiten, und bietet praktische Hilfestellung bei der Gestaltung des Transformationsprozesses hin zu mehr Öffnung und Diversität: museumsbund.de/publikationen/museen-in-der-migrationsgesellschaft