Jeder Mensch hat besondere Begabungen, das macht ihn aus. Nur selten hat ein Mensch sehr viele Begabungen, aber auch diese Begrenztheit macht den Menschen aus. Einige Menschen sind sehr sprachbegabt, das ist beneidenswert, aber es ist eben eine Begabung, die die Ressource an Begabungen mit aufbraucht. Ich habe diese Begabung nicht, leider, Fremdsprachenkenntnisse sind bei mir Fehlanzeige.
Nun erlebe ich um mich herum eine Lust, mitten in Deutschland sich am liebsten mit einer Fremdsprache, dem Englischen, zu verständigen. In meinem Berliner Kiez kann man in manchen Restaurants nur noch in Englisch bestellen.
Im akademischen Milieu ist es geradezu Mode geworden, Treffen in englischer Sprache zu veranstalten. Ich wehre mich dagegen. Einen Beirat einer großen deutschen Kultureinrichtung habe ich gerade verlassen, weil man eine Übersetzung Deutsch: Englisch und zurück, nicht anbieten wollte und nur Englisch als Arbeitssprache zulässt. Andere respektieren meinen Wunsch nach einer simultanen Übersetzung. Gerade in Zeiten, in denen diese Treffen meist im Netz stattfinden, ist das technisch weitgehend problemlos zu organisieren.
Überall, wo eine Übersetzung angeboten wird, wird sie aber nicht nur von mir, sondern von fast allen Deutsch-Muttersprachlern intensiv genutzt. Auch viele Osteuropäer sind sichtbar dankbar für meine Intervention. Dass alle gut Englisch sprechen können, ist nämlich eine Behauptung einer kleinen Sprachbegabungselite und hat mit der Realität wenig zu tun.
Vor Kurzem war ich bei einer Mitgliederversammlung. Der Verein hatte, und das finde ich sehr erfreulich, einen US-Amerikaner als neues Mitglied aufgenommen, der wie ich sprachunbegabt ist und nur seine Muttersprache spricht. Sofort wurde vom Vorstand des Vereins die Sitzungssprache auf Englisch umgestellt, ohne auch nur die Frage zu stellen, ob das für einige der anderen Mitglieder ein Problem darstellen könnte. Ich habe mir erlaubt, weiter Deutsch zu sprechen. Diese Art der akademischen Arroganz geht mir zunehmend auf die Nerven. Ich bin dafür, dass wir unsere Treffen so inklusiv wie möglich anbieten und selbstverständlich sollen Menschen, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, eine Hilfe erhalten, damit sie sich einbringen können. Aber die Arbeitssprache in Deutschland ist Deutsch. Wir ringen seit Jahren um kulturelle Vielfalt und versuchen, uns der amerikanischen digitalen Übermacht entgegenzustemmen, das sollten wir beim Thema Sprache auch machen. Das hat nichts mit Deutschtümelei zu tun, sondern mit Kultur.