Wenn die US-Regierung Museen auffordert, bestimmte Kunstwerke nicht mehr auszustellen, um so ein »patriotisches Narrativ« zu befördern, wenn ein italienischer Kulturminister alle Opern- und Symphonieorchester des Landes einer »künstlerischen Überprüfung« unterzieht, oder sein polnischer Amtskollege ins kuratorische Konzept eingreift und eine fertige Ausstellung ändern lässt, ist allen sofort klar: Hier geht es um staatliche Einflussnahme auf die Kultur und ihre Institutionen. Die Kunstfreiheit steht auf dem Spiel. Diese Fälle erfahren weltweit viel Aufmerksamkeit. Durch sie allein lässt sich aber der Druck nicht beschreiben, den derzeit Leiterinnen und Leiter von Kulturinstitutionen in Deutschland und international spüren und formulieren.

2025 veröffentlichte der niederländische Rat für Kultur eine Studie unter dem Titel »Schaffen ohne/unter Druck? – Künstlerische Freiheit als demokratisches Fundament«. Ausgangspunkt der Studie war die Beobachtung, dass gesellschaftliche Konflikte und digitale Empörungsdynamiken den Druck auf kulturelle und erinnerungspolitische Institutionen ebenso stark verändert haben wie geopolitische Krisen.

Diese Veränderung versucht die Studie anhand von Beispielen zu analysieren und kommt zu einer Unterscheidung von zwei Kategorien: dem vertikalen und dem horizontalen Druck. Der vertikale Druck wird sichtbar in direkten wie indirekten staatlichen Eingriffen in kulturelle Institutionen, etwa durch Entlassungen von Leitungspersonal, Überprüfung von Ausstellungen oder Entfernung künstlerischer oder historischer Inhalte. Beispiele dafür findet die niederländische Studie – nicht überraschend – vor allem im Ausland: in den USA, Belarus und Russland, der Slowakei oder Orbáns Ungarn. Die zweite Art von Druck, der horizontale, entsteht laut der Studie aus der Gesellschaft heraus durch Proteste, Kampagnen, auch in den sozialen Medien, oder innerhalb der Kulturinstitution selbst. Er manifestiert sich z. B. dann, wenn ein Theater sich entscheidet, ein Stück vom Spielplan zu nehmen, weil Teile des Publikums protestiert haben. Oder wenn eine Bibliothek aufgrund der Beschwerden von Besuchern Bücher aus den Regalen entfernt. Ja, er kann sogar sichtbar werden, wenn die Mitarbeitenden eines Konzerthauses sich dagegen wehren, eine bestimmte Künstlerin oder ein bestimmtes Werk zu programmieren.

Man kann kritisch zur Studie anmerken: Der horizontale Druck ist kein neues Phänomen. Proteste gegen Kunst gibt es, seit es Kunst gibt. Trotzdem benennt die Studie einen interessanten aktuellen Befund: Zunehmend geht es nämlich nicht mehr um unterschiedliche Meinungen oder ästhetische Urteile, sondern um moralische Lagerbildung, emotionale Ablehnung der Andersdenkenden und eine sinkende Ambiguitätstoleranz in Teilen der Gesellschaft. Veranstalter und Kuratorinnen sehen sich immer öfter mit der Frage konfrontiert, welche Produktionen sie noch zeigen könnten, ohne massive öffentliche Konflikte auszulösen. Das zeigt etwa der Fall eines Theaters in Amsterdam, das einen israelischen Comedian aufgrund des enormen Drucks einer pro-palästinensischen Boykottkampagne ausgeladen hatte, um dann für diese Ausladung in Kritik pro-israelischer Gruppen zu geraten. In so einer Situation übernimmt eine Kulturinstitution die Rolle eines Konfliktmanagers gesellschaftlicher Polarisierung. Das bindet enorme Ressourcen und bedarf neuer Kompetenzen für Sicherheitsmanagement, Krisenkommunikation und Konfliktmoderation.

Die Studie beschreibt nicht, was es für die Kulturfreiheit bedeutet, wenn der horizontale Druck sich auf den vertikalen überträgt und die Empörungsdynamiken politische Reaktionen in Form von Einflussnahme auf die Kultureinrichtungen nach sich ziehen. Kulturfreiheit ist für eine demokratische Gesellschaft fundamental, denn sie umfasst institutionelle Eigenständigkeit kultureller Einrichtungen als Grundlage der Kunstfreiheit. Es braucht gar nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, wie ein solches Zusammenspiel von vertikalem und horizontalem Druck künftig auch in Deutschland noch mehr an Dynamik gewinnen könnte. Nicht jede gesellschaftliche Zuspitzung ist bereits eine Gefährdung demokratischer Öffentlichkeit. Demokratie lebt vom Konflikt. Die entscheidende Frage lautet eher, ob wir noch Räume schaffen können, in denen harte Auseinandersetzungen nicht sofort zu moralischen Feindbildern führen. Wir brauchen eine Debatte darüber, welche Kompetenzen und welche Unterstützung die Kultureinrichtungen benötigen, von der Politik, von ihren Förderern und untereinander, damit sie weiterhin Orte produktiver gesellschaftlicher Reibung bleiben können.

Zweite Lesart

Ab sofort beleuchtet Katarzyna Wielga-Skolimowska in ihrer Kolumne »Zweite Lesart« aktuelle nationale und internationale Kulturthemen in Politik & Kultur.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 7-8/2026