Filmkritik ist ein wichtiger Teil des kulturkritischen Diskurses. Doch ihre Arbeitsbedingungen sind zunehmend prekär, das zeigt eine aktuelle Mitgliederumfrage des Verbands der deutschen Filmkritik (VdFk). Die Geschäftsführerin Anne Küper erklärt, warum professionelle Filmkritik dringend mehr Anerkennung und Unterstützung braucht.

 

Was sagen die Ergebnisse über den Zustand der Filmkritik in Deutschland aus?

Mit alarmierenden Zahlen belegen die Ergebnisse der Umfrage, wie sich die Bedingungen von filmkritischer Arbeit in den letzten Jahren deutlich verschlechtert haben. Das durchschnittliche Jahreseinkommen der befragten Mitglieder unseres Verbands beträgt 16.000 Euro brutto. Wer freischaffend tätig ist – und das sind fast 90 Prozent der Befragten –, verdient im Schnitt sogar nur 13.300 Euro jährlich mit Filmkritik. Fast alle Befragten gehen weiteren beruflichen Tätigkeiten nach, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Folglich steht die freie Filmkritik in Deutschland als Beruf vor dem Aus. Gleichzeitig wächst auch für Festangestellte der ökonomische Druck, wenn Redaktionen weniger Aufträge vergeben und Dienstreisen einstellen. Abseits von Cannes oder Venedig ist die Berichterstattung über nationale wie internationale Filmfestivals massiv bedroht. Weil die Arbeitsbedingungen dermaßen prekär sind, zwingen sie selbst erfahrene Kolleginnen und Kollegen zur Aufgabe des Berufs. Mangels professioneller Perspektiven bleibt eine neue Generation aus. Diese besorgniserregenden Entwicklungen, die unsere Umfrage dokumentiert, werden sich fortsetzen, wenn kein Umdenken stattfindet und keine Maßnahmen ergriffen werden, um ihnen schleunigst entgegenzuwirken.

 

Filmkritik ist mehr als die Bewertung einzelner Filme. Welche Bedeutung hat sie für Filmkultur, kulturelle Bildung und den öffentlichen Diskurs über Kino und audiovisuelle Kunst?

Filmkritik heißt immer auch Gesellschaftskritik, so pointiert fasste es Siegfried Kracauer 1932 zusammen. Nach ihm ist ein alljährlich durch unseren Verband vergebener Preis benannt, der filmkritische Leistungen im deutschsprachigen Raum würdigt. Was Filme über die Welt aussagen, die wir miteinander teilen, wird durch Kritik überhaupt erst besprechbar. Indem historische, ästhetische und politische Einordnungen von Werken vorgenommen, Bezüge zu medialen Konventionen hergestellt oder gegenwärtige Trends analysiert werden, schafft Filmkritik Zugänge und Orientierungen. Sie fordert uns dazu auf, die eigene Perspektive zu reflektieren und Inszenierungsstrategien zu hinterfragen – sie fördert Kompetenzen, die weit über den Kinosaal hinausreichen. In erheblichem Maße organisiert Filmkritik Orte für Austausch: Neben dem Verfassen von Texten, der redaktionellen Tätigkeit sowie der Produktion von Audio- und Videobeiträgen umfasst das filmkritische Arbeitsspektrum, wie es unserer Umfrage zugrunde lag, ebenso die Moderation, Kuration und Filmvermittlung. Wenn sich eine Gesellschaft all diese Formen des öffentlichen Nachdenkens über Kunst und Kultur nicht leisten will, kommt das einer Zerstörung von sozialer Infrastruktur gleich. Mit der Filmkritik steht eine kulturelle Praxis auf dem Spiel, die Verständigung ermöglicht und Erinnerungen lebendig hält. Sie ist ein unverzichtbarer Teil des demokratischen Diskurses.

 

Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, damit professionelle Filmkritik auch künftig möglich bleibt – bei Medienhäusern, Förderinstitutionen und in der Kulturpolitik?

Die Heterogenität filmkritischer Arbeit macht konkrete Forderungen zwar schwieriger, aber nicht unmöglich. Der Einsatz für unabhängigen, kritischen und vielfältigen Journalismus ist wichtiger denn je. Statt auf Klickzahlen und Beschleunigung zu setzen, braucht es faire Honorare, verlässliche Arbeitsbedingungen und ausreichend Zeit für Recherche, damit die inhaltliche Qualität gewährleistet bleibt. Nicht nur die Produktion von Filmen, sondern auch die Auseinandersetzung mit ihnen müsste gezielt gefördert werden, sofern sie als Bestandteil der kulturellen Öffentlichkeit ernst genommen wird. Dabei könnten Förderinstitutionen eine entscheidende Rolle übernehmen, etwa durch die finanzielle Unterstützung von Publikationsprojekten, Formatentwicklungen und Nachwuchsprogrammen. Auf kulturpolitischer Ebene wären langfristige Fördermodelle notwendig, die Filmkritik im Sinne einer demokratiestärkenden Kulturarbeit begreifen. Bestehen wird professionelle Filmkritik allerdings nur, wenn sie die gesellschaftliche Anerkennung erfährt, die ihr als Seismograf für kollektive Sehnsüchte und politische Verhältnisse zusteht.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 7-8/2026