Der Schuppen auf dem Privatgrundstück des Antisemitismusbeauftragten in Brandenburg brennt, Linksextreme kappen Strom und Heizung für 50.000 Berliner, darunter Heimbewohner und Kranke. Als »gesichert rechtsextrem« stuft der Verfassungsschutz die AfD-Landesverbände in Brandenburg, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt ein, sie lehnen demokratische Strukturen ab. Bis September 2025 zählte die Polizei deutschlandweit 27.835 politisch rechts motivierte Straftaten, darunter 991 Gewaltdelikte. Fremdenhass und Hakenkreuze in der Schule. Was Bürgerinnen und Bürger verunsichert, zahlt auf das Konto der Extremen ein, ganz gleich, ob die Linken mit wenigen großen Aktionen aufrütteln oder die Rechten mit vielen alltäglichen Aktionen die freiheitlich demokratische Ordnung von innen heraus zerstören wollen.
Wie schlägt der aktuelle demokratische Kompass aus? Zumindest zittert er im Schneesturm, Haltung zeigen ist nicht leicht, es ist ja auch viel zu kalt draußen. Aber gerade, wenn die Sofaecke der sicherste Ort der Erde zu sein scheint, muss sich Kultur bewegen, wird sie gebraucht. Der Jahresanfang 2026 fordert das geradezu heraus. Vielleicht ist die Zeit noch nicht reif für die Weiterentwicklung von Demokratie durch alle Menschen, für erfolgversprechende Bürgerinitiativen, parlamentarische Jugendforen und Bürgerräte. Solange Öl, Gas und seltene Erden das politische Geschehen bestimmen, solange »Chaos und Unsicherheit uns umgeben, Spaltung, Gewalt und Klimakollaps und die systematischen Verstöße gegen internationales Recht« (António Guterres im UN-Sicherheitsrat 2026), solange nicht alle halbe Stunde ein Bürger oder eine Bürgerin in eine demokratische Partei eintreten und sich engagieren will – solange haben wir allein mit Rudelsingen keine Chance.
Also versuchen wir, Fragen zu beantworten, die der Deutsche Kulturrat für seine Sprecherratssitzung im Dezember formulierte. Ein Anfang. Ob Einschränkungen der Kunstfreiheit oder Einschüchterungen von Kulturakteuren zu beobachten wären – aber: Kunst und Kultur sind doch frei! Freiheit stand auf den meisten Bannern der friedlichen Revolution im Herbst 1989, freie Wahlen, freie Medien, freie Meinung, Reisefreiheit, Gewaltfreiheit, »Für ein offenes Land mit freien Menschen«. Was für eine Chance! Im vergangenen November gaben mehr als die Hälfte der Menschen im Osten an, ihre Meinung nicht mehr frei äußern zu können. Das ist ein Gefühl, auch Erinnerung. Ende der 1970er Jahre schrieb in Stralsund ein Bühnenarbeiter unter das Plakat »Was ihr wollt« mit der Hand »Was ihr sollt«, er wurde tags darauf abgeholt. Umso wichtiger und wertvoller ist die Freiheit der Kunst heute, auch die Auseinandersetzung mit Zeichen und Symbolen. Die beängstigend strenge Scheitelfrisur eines etwa zweijährigen kleinen Jungen auf dem Spielplatz, ohne Frage ein Zukunftskind: nur Protest seiner Eltern oder eine eigene Ästhetik?
Im Wahlprogramm der AfD 2025 spricht sich die Partei für eine »gemeinschaftsstiftende deutsche Leitkultur« aus, geprägt durch die deutsche Sprache, das Christentum, das antike Erbe, die Aufklärung und volkstümliche Traditionen. Geschlechtersensible Sprache lehnt sie ab, eine positive Sichtweise auf Preußen und das Kaiserreich soll Nationalbewusstsein stärken, Projekte der Filmförderungen sollen sich an Markt- und Publikumsinteresse orientieren. Es fällt wirklich schwer, dem etwas auch nur ansatzweise Parteiübergreifendes abzugewinnen. Vermittlung scheint ausgeschlossen. Menschen, die gleichzeitig auf dieser Erde spazieren, müssen sich vertragen, sagte meine vierjährige Tochter. Das war nicht so und ist es auch nicht. Aber den Versuch ist es wert.
Theater »haben als kulturelle Institutionen die Aufgabe, darstellende Kunst aufzuführen und dabei einen Raum für gesellschaftliche Begegnung zu schaffen. Theater spiegeln Werte wider, Überzeugungen und Kämpfe einer Gesellschaft und ermöglichen es dem Publikum, durch die Darstellung anderer Lebenswelten die eigene alltägliche Realität zu hinterfragen«, so sieht es der Deutsche Bühnenverein. Aber was nützt es, wenn nur diejenigen demokratisch missioniert werden, die ohnehin schon missioniert sind? Die Denkmalpfleger unterscheiden sehr richtig zwischen Denkmalpflege und Gedenkkultur, unterschiedliche Sichtweisen und Methoden. Handelt es sich um Zeugnisse einer abgeschlossenen historischen Epoche mit ihren teils ganz andersartigen Wertevorstellungen oder um kulturelle Orientierung heute? Musiker sind in Sorge um die Finanzierung nichtkommerzieller Aufführungen und Experimente neuer Musik, bei denen man nicht weiß, was herauskommt. Und nicht nur Literaten denken über Worte nach, die man nicht mehr sagt, nicht mehr sagen kann, nicht mehr sagen darf. Schwarzfahrer, zwei linke Hände haben oder Indianerfilm geht nicht, aber gegen Bombenwetter, Schlachtplan, Nebenkriegsschauplatz oder das Auffahren schwerer Geschütze mit Argumenten, die wie aus der Pistole geschossen kommen – dagegen hat niemand etwas. Im Internet finden sich klare Hinweise: »Sagt stattdessen«, »besser sagst du«, »politisch korrekt ist«. Die Rubrik »Was darf man heute noch sagen« füllt ganze Seiten. Führt Übertreibung ganz einfach immer zur Ablehnung? Wird sich in einiger Zeit eine allseits angenommene Alltagssprache durchsetzen? Jetzt muss ich den Spieß umdrehen, wieso eigentlich den Spieß, den für Schweinebraten oder die historische Stichwaffe? Die Goldwaage ist nicht für Worte, sondern zum Abwiegen von Gold erfunden worden, und eigentlich wird niemand die Nadel im Heuhaufen suchen. Die deutsche Sprache steckt voller Metaphern, Redewendungen und Sprüche. Manchmal ist es nicht einfach, unmissverständlich die eigene Meinung zu Grundwerten, Diversität oder Minderheitenschutz zu artikulieren, die faktenbasierte persönliche Ansicht, das subjektive Urteil, die Wertung. Und wenn ich nun schon mal den Spieß umdrehe, dann nur, um für die freie Meinung zu plädieren und ebenso für wahrheitsgemäße Berichterstattung: wer, was, wann, wo, warum, wie, wozu.
Womit wir bei einem wichtigen Thema sind: bei der Glaubwürdigkeit des Politikers, des Medienmachers, des Kulturschaffenden und des Wissenschaftlers. Alle dürfen auch irren und richtigstellen. Der Politiker findet sich im Internet als Baby, mit verstellter Stimme, im fremden Körper, in veränderter Umgebung oder zusammen mit Menschen, die er gar nicht kennt. KI macht’s möglich. Verfremdung als künstlerisches Mittel, oder doch Beleidigung? Der öffentlich-rechtliche Rundfunk könnte den Schwur abgeben, KI redaktionell zu kennzeichnen, abgesehen von Textbausteinhilfen oder Suchläufen. Die Demokratie braucht wahrheitsgemäße Berichte und verschiedene Meinungen dazu. Auch das ist kulturelle Vielfalt.
Stellen Sie in dem von Ihnen vertretenen Bereich vermehrte Anfragen zur Arbeit bzw. Förderpolitik in Landtagen oder im Deutschen Bundestag fest? Wenn ja, welche? Die zweite Frage des Deutschen Kulturrates, wie aus einem Krankenkassenformular. Antwort: Ja. In den Landtagen stellen Oppositionsfraktionen viele Fragen zur Förderpolitik und kriegen sie auch beantwortet. Tatsächlich kann man ja jedes Kunstprojekt hinterfragen, warum nicht. Es gibt doch gute Antworten, überzeugend und geduldig ausgeführt. Wer sich nicht mehr selbst hinterfragt, ist falsch in der Kultur. Die Menge an Fragen, oft von einem Landtag zum anderen unverändert weitergereicht, legt allerdings durch den Zeitaufwand zur Beantwortung lahm – die Zusammensetzung eines Ensembles nach Herkünften, Gründe der Spielplangestaltung, Besucherzahlen. Wieso bekommen Musiker im Orchester dasselbe Gehalt, obwohl sie doch unterschiedlich viel spielen … Geschenkt.
Die dritte Kulturratsfrage betrifft die Legitimierung von Kultur. Wird Kultur-Arbeit infrage gestellt, wird sie gebraucht, gehört Kultur zur kritischen Infrastruktur? In der Ukraine, in Gaza und Israel geht es um Leben und Tod, der Katastrophenschutz in Deutschland wird hochgefahren, und die Kultur verstummt. Als zum ersten Mal der Begriff »Remigration« aufkam, erschraken alle. Jetzt gehört er zum Sprachgebrauch und löst keinen Schreck mehr aus, obwohl doch Remigration nur mit Staatsgewalt möglich wäre. Extremisten okkupieren Begriffe wie Heimat, Vaterland, Deutschsein, Familie. Muss man jetzt einen Bogen machen um Eichendorffs »Mondnacht« von 1830 mit Heimatverbundenheit, Sehnsucht nach Freiheit der Seele? Natürlich nicht.
Kultur entsteht auf einem verzweigten Förderbaum, von dem einzelne Äste abgebrochen werden, fällt gar nicht auf, niemand schreit. Aber Kulturmenschen sind doch Profis auf ihrem jeweiligen Gebiet, können sich künstlerisch ausdrücken, Gedanken-Gemeinschaft anbieten. Dazu braucht es ungewöhnliche Ideen und Orte, interaktive Formen für alle. Ausgrenzung macht Menschen stark. Hinter jedem direkt gewählten Abgeordneten steht eine große Anzahl an Wählerinnen und Wählern, die nicht rechtsextrem ist. Wir brauchen die Abgrenzung für unverhandelbare Werte der Demokratie, Verfassungsinhalte, Migration, Klimaschutz, aber nicht die Ausgrenzung. Es ist schon tragisch, dass rechtsextreme Politik genau diejenigen im Mark trifft, denen es nicht so gut geht – durch weniger Bürgergeld, Ablehnung von Gewerkschaften und Tarifsystem, Abbau von Schutz und Fördermöglichkeiten u.v.m. Also müssen wir alles stärken, was die Meinungsfreiheit stärkt, ganz besonders Schulen, den Kunst- und Musikunterricht, Literatur, Geschichte. »Deutschland first« passt nicht in die europäische Vision.
Und zum Schluss: Kürzlich verbrachte ich ein paar Tage im Spreewald und ließ mich bei einer zauberhaften Fahrt vom Kahnführer unterhalten. Er legte Wert auf seine Berufsbezeichnung als Führer, nicht falsch, Jakob und Wilhelm Grimm verzeichnen den Kahnführer in ihrem deutschen Wörterbuch 1864. Es war auch tatsächlich ein Kahnführer und keine Kahnführerin, Diversität ausgeschlossen. Er schimpfte auf die Politik in Berlin, man müsse alle dort austauschen. Schon winkte er ab, über Politik nachzudenken würde ihm schlechte Laune bereiten. Aber es sind doch alle gerade ausgetauscht worden, dachte ich. Aus SPD, FDP und Grünen wurde CDU und SPD. Und weil die vorzeitig abgewählte Regierung nicht alles zu Ende bringen konnte, musste die neue an manchen Stellen anknüpfen. Woher sollten überhaupt diejenigen kommen, die in Berlin ersatzweise regieren sollten? Auf der Spree schwammen einzelne Eisklumpen, Äste mit roten Schneeballbeeren ragten in das Wasser hinein, und die Nutrias gingen unbehelligt von Wetter und Kähnen ihren Alltagsgeschäften nach. Das war’s mit der Politik. Ich habe ihm nicht widersprochen, dem Kahnführer. Hätte ich machen müssen. Oder mich wenigstens dafür auf ein Bier verabreden.
Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 2/2026