Vor dem leckeren Essen noch kurz innehalten und ein Foodfoto zur Erinnerung oder sogar für Instagram machen – das kennen viele. Foodfotografin Sonja Hofmann inszeniert hingegen Essen ganz professionell. Politik & Kultur gibt sie Einblick in ihre Arbeit. 

Frau Hofmann, Sie sind Foodfotografin. Was macht die Arbeit in diesem Fotografiegenre besonders? 

Die Foodfotografie ist die Action-Fotografie im Still-Life-Genre, da sich die Lebensmittel ständig verändern und ein Foodfoto immer lecker aussehen soll. Besonders an der Foodfotografie ist, dass sie der Spiegel unserer Gesellschaft ist und kulinarische Einblicke in andere Kulturen gibt. Essen verbindet die Menschen weltweit. Zudem ist die Foodfotografie nicht nur geschmacklicher Trendsetter, sondern beeinflusst auch unseren Umgang und unsere Wahrnehmung von Lebensmitteln. Kein anderes Genre der Fotografie kann in einem Foto eine solche kulturelle Bandbreite darstellen wie dies auf einem einzigen Teller möglich ist. Und das macht die Foodfotografie so spannend!  

Die einzelnen Bereiche der Foodfotografie sind hingegen sehr unterschiedlich: Von der Gastronomie über redaktionelle Rezeptstrecken in Magazinen und Kochbüchern hin zu Foodfotos für die Werbung bis zum Foto auf der Produktverpackung im Supermarkt wird gänzlich anders fotografiert und am Set gearbeitet. Es ist immer wieder faszinierend, wenn das Essen ins Set gestellt und auf den Auslöser gedrückt wird. 

Ein Blick in Ihr Portfolio lässt das Wasser im Mund zusammenlaufen: Wie inszenieren Sie Essen und Trinken so appetitlich? Gibt es dabei aktuelle Trends und Tendenzen? 

Für mich zeigt ein gutes Foodfoto nicht allein das Essen, sondern erzählt durch das Zusammenspiel von Gestaltung, tollen Requisiten und Foodstyling auch immer eine kleine Geschichte, zeigt eine besondere Stimmung oder ein Thema auf eine ganz besondere Art und Weise. Das richtige Licht für das Motiv zu wählen ist dabei entscheidend, um die gewollte Stimmung im Foto zu visualisieren und das Essen maximal lecker aussehen zu lassen. Meine aktuellste Fotostrecke mit der Stylistin Pinny Daniel und dem Foodstylisten Florian Ballschuh ist gerade wegen dieses Zusammenspiels so besonders geworden. Wie auch bei einer Auftragsarbeit finden wir uns im Team zusammen, können dann jedoch bei unseren eigenen Produktionen unserer Kreativität freien Lauf lassen. Zum selbst gewählten Thema von Anfang an alles zu entwickeln bis hin zum finalen Foto macht viel Spaß und gibt uns zudem die Möglichkeit, das eigene Potenzial in besonderen Fotos zu zeigen. Zu unserem Thema Asia und Mustermix in Kombination mit teils 100 Jahre alten japanischen Porzellantellern entstand eine bunte und dennoch ruhige Strecke mit Konzentration auf das Essen im Zentrum von Licht und Gestaltung. Momentan gibt es unterschiedliche Trends in der Foodfotografie: Sie reichen von authentisch bis zum Lichtzitat der 1970er Jahre. Konzeptionell gibt es somit viele Spielräume, die ganz besondere Bildsprachen ermöglichen, die wiederum die Möglichkeit geben, eigene Stile zu entwickeln und experimenteller mit dem Genre Foodfotografie umgehen zu können. 

Inszenierte Bilder von Essen und Trinken werden immer beliebter: Wie hat sich das Genre der Foodfotografie entwickelt? Welche Bedeutung kommt ihm heute zu? 

In den sozialen Medien sind Fotos von Essen neben Katzenbildern die beliebtesten Motive. Wie nie zuvor definieren sich Menschen in Industrieländern über ihr Essen bzw. was sie nicht essen, dass sie Lebensmittel wertschätzen und anders damit umgehen als vorherige Generationen. Inhaltlich dadurch beeinflusst, eröffnen sich gestalterisch neue Bildsprachen, Möglichkeiten für Setstylings, andersartige Foodstyling-Trends und Bildinszenierungen. Von authentisch bis zur Ikonisierung von Lebensmitteln ist alles möglich. In den letzten Jahren stieg die Aufmerksamkeit für das Genre der Foodfotografie so stark an, dass sogar eigene Foodfoto-Festivals veranstaltet werden und in internationalen Fotowettbewerben für die Foodfotografie eine eigene Kategorie ausgeschrieben wird. Die Foodfotografie ist zu einem Lifestyle-Hype geworden, der auch Einfluss auf die Auftrags- und inszenierte Fotografie nimmt, die damit insgesamt modischer geworden ist und sich gestalterisch stark voran entwickelt hat.  

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 03/22.