Natürlich ist das Internet voller Fakefotos. Die Digitalisierung der Bilderwelt hat die Manipulation aber nur erleichtert. Heute kann jeder Schnösel sein Bildbearbeitungsprogramm strapazieren, um Freundinnen und Follower zu beeindrucken. Dumme Bilder. Mit privat-freundschaftlichem Hintergrund kann dem mit einem müden Lächeln begegnet werden.  

Problematisch wird es, wenn propagandistische Interessen ins Spiel kommen. In kommerziellem, politischem und sozialem Rahmen geht es schnell um Betrug, Lüge, Stimmungsanheizung oder Diskriminierung. Längst gibt es dafür kostenlose Manipulationsprogramme, die Bearbeitung stehender Fotos ist dabei nur der Anfang. An der Spitze dürfte derzeit eine Technologie stehen, die das Sprechen und die Mundbewegung eines beliebigen Akteurs auf ein bekanntes Gesicht überträgt, das dann sagt, was der dazugehörige Mensch nie gesagt hat … Naiv zu glauben, eine gute Fälschung erkennen zu wollen, zumal in einer verkleinerten Reproduktion. 

Kein Bild darf als unmittelbares Analogon einer vorgegebenen Wirklichkeit angesehen werden. Die Fotografensprache ist da sehr klar. Man macht eine Einstellung, bevor eine Aufnahme entsteht. Und diese technische Einstellung folgt der mentalen des Bildproduzenten. Die Fotografin wählt einen räumlichen Ausschnitt, der ihrer Bildvorstellung entspricht. Dazu gibt es den Spruch von Robert Capa, einem der prominentesten Reportagefotografen: »Wenn deine Bilder nicht gut sind, warst Du nicht nah genug dran.« Der Ausschnitt kann aber auch zu eng sein, sodass situationsentscheidende Momente nicht miterfasst werden. Im Übrigen wartet die Fotografin auf den ihrer Wahrnehmung des Gegenstands oder der Situation angemessenen Auslösemoment, sie setzt einen zeitlichen Ausschnitt. Hinzu kommen gestalterische Elemente wie Perspektive – Auf- oder Untersicht, Schrägansicht, die, kombiniert mit Tele- beziehungsweise Weitwinkelobjektiv, einen Raum verkürzen und weiten –, Licht, Bildhelligkeit – straight, high oder low key –, Kontrast, Verhältnis von Figur und Grund … All diese Momente beeinflussen die Bildwirkung und legen die Basis zu einem kulturellen Faktor der Fotografie – lange bevor digitale Veränderungen greifen.  

Damit nicht genug. Jetzt kommen die Bildverwerter, die das fertige Bild in ihrem Sinne benutzen – soweit der Fotograf es zulässt. Je nach Reputation und Möglichkeiten des Mediums können die Bildergebnisse mehr oder weniger nachbearbeitet werden. In Ausstellungen, in seriösen Bildagenturen und Premiummedien wird sich die Bearbeitung zur Wirkungsoptimierung auf die Bildauswahl und die Eliminierung medial-technischer Übertragungsschwächen beschränken – digitale Fotos sind in der Regel zu kontrastarm und unscharf; vielleicht sind für Architekturfotos die Vertikalen zu parallelisieren. Bei Büchern, im Internet oder in Boulevardmedien ist mit stärkeren Beeinflussungen zu rechnen. Da beschneidet ein Grafiker die Seitenränder eines Querformats, weil er gerade ein Hochformat benötigt. Da verändert ein Bildbearbeiter den Gesichtsausdruck, die Haltung oder den Hintergrund und schafft eine möglicherweise völlig andere Situation. Da erhöht ein Redakteur den Kontrast oder verengt den Bildausschnitt, um das Bild reißerischer zu machen oder sogar eine im Foto nicht angelegte Aussage zu treffen …  

Capas angeschossener Soldat im spanischen Bürgerkrieg ist ein ergreifendes Foto über die Brutalität des Krieges. Das Umfeld des Negativs offenbarte jedoch, dass es während einer Übung entstand. Wo beginnt die Manipulation? Was ist noch legitim? Im Fotojournalismus gibt es inzwischen ein Compliance-Reglement, nach dem allenfalls Farbanpassungen vorgenommen, aber keinerlei Bildelemente retuschiert werden dürfen. Um den Anfängen zu wehren, ist das sinnvoll. Wenn es um bildstörende Kleinigkeiten geht, die nichts an der Bildaussage verändern, ist das lächerlich.  

Wir müssen uns daran gewöhnen, in Fotografien nicht nur einen wiedererkennbaren Ausschnitt der Welt zu sehen, sondern vor allem eine – wie bewusst auch immer gemachte – kulturell bedingte Stellungnahme zu erkennen. Und diese knüpft an ein zu erwartendes Empfinden und Vorwissen des Bildbetrachters. In diesem Spiel zwischen visueller Information und kultureller Teilhabe werden Plausibilitäten angeboten. Denn eines ist doch klar: Die Bilder lügen nicht. Das können nur Menschen. Also lautet die Frage: Wem schenke ich mein Vertrauen?  

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 03/22.