Selfies haben einen schlechten Ruf. Sie stehen im Verdacht, unschöne Charaktereigenschaften zu zeigen und gar noch zu fördern. Mit ihnen assoziiert man Eitelkeit, Narzissmus und Oberflächlichkeit. Und selbst stilsichere Menschen können versagen, sobald sie ein Selfie machen. Unvergessen ist etwa die Szene, als US-Präsident Barack Obama 2013 während der Trauerfeier für Nelson Mandela für ein Selfie mit dem britischen Premierminister David Cameron und der dänischen Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt jovial in das Smartphone grinste. Und wie groß ist nicht immer wieder das Entsetzen, wenn Touristen in Auschwitz oder beim Holocaust-Denkmal fröhliche, gar lustige Selfies machen, so als wären sie gerade am Strand oder auf einer Party? 

Dabei zeugen solche Bilder keineswegs pauschal von einem Mangel an Empathie. Vielmehr wird an ihnen nur besonders deutlich, dass es sich bei Selfies immer um Bilder handelt, die adressiert sind. Sich mit ihnen an andere Menschen zu wenden, ist das primäre, oft sogar das alleinige Anliegen, und daher präsentiert man sich selbst dann gut gelaunt und mit einem Lächeln, wenn die Umstände, in denen das Selfie entsteht, etwas anderes erwarten ließen. In solchen Fällen kollidieren also die Ansprüche von zwei unterschiedlichen sozialen Räumen: Der reale Raum, in dem das Selfie gemacht wird, verlangt ein anderes Verhalten als der Raum in den sozialen Medien, wo es sichtbar wird. Der digitale Raum aber ist zunehmend relevanter. In ihm wird auf das Gepostete reagiert, hier gibt es Likes, Kommentare, Reposts, ja hier entscheidet sich, wie viel Aufmerksamkeit und soziales Kapital jemand bekommen kann, wie gut vernetzt er oder sie ist. Die Zahl der Follower aber ist ein Machtfaktor – für Politiker und Influencer genauso wie für Künstler oder Schauspieler.  

Ein Selfie lässt sich sogar als Tauschobjekt begreifen. Man bietet damit ein bisschen Infotainment oder Überraschung, exponiert sich mutig, verzieht das Gesicht zur grotesken Grimasse oder bearbeitet das Bild mit einem originellen Filter, um möglichst viel zurückzubekommen. Denn je mehr man in Vorleistung geht, desto eher fühlen sich die Adressaten zu Gegenleistungen auf- und herausgefordert. So entsteht nicht selten ein Überbietungswettbewerb, ein expressiver Potlatsch, bei dem die Gesichter diverse künstliche Überformungen erfahren und immer neuen ästhetischen Experimenten unterzogen werden.  

Mögen Selfies so jung sein wie die gesamten sozialen Medien, also erst eine rund 15-jährige Geschichte aufweisen, so haben sie doch schon etliche Phasen hinter sich gebracht. Dominierten anfangs mimische Extravaganzen wie das Duckface, so vergnügte man sich etwas später mit meist ziemlich simplen digitalen Maskierungen, durch die das Gesicht zum Gag verfremdet wurde. Mittlerweile gibt es ein viel breiteres Spektrum an Filtern, aber beliebt ist nicht nur digitale Kosmetik, sondern ebenso analoges Make-up, mit dem zudem oft politische Signale gesendet werden. Feministische, antirassistische oder queere Bewegungen artikulieren sich über spezifische Weisen des Sich-Schminkens. Damit aber fungieren Make-up-Artists, Performance-Künstler oder Dragqueens, die lange zu kleinen, randständigen Szenen des Kunstbetriebs gehörten, auf einmal als Vorbilder für sehr viele Menschen, die mit Selfies Farbe bekennen wollen. Jeder neue Entwurf einer Maskierung wird rege rezipiert. Follower und Fans greifen ihn auf, variieren ihn und erfüllen so stetig wachsende Ansprüche auf Inszenierung. Gerade für Angehörige von Minderheiten sind Selfies aber auch deshalb wichtig, weil sie im digitalen öffentlichen Raum zumindest ein wenig sicherer für ihre Anliegen demonstrieren können als sonst. Zwar drohen ihnen auch hier Hasskommentare und Shitstorms, aber sie können sich besser vernetzen und als Mitglieder einer Community wechselseitig schützen und in ihrem Selbstbewusstsein gegenseitig stärken. Tatsächlich ist Empowerment erst im digitalen öffentlichen Raum zu einem erfolgreichen Konzept geworden. Selfies fungieren hier geradezu als Symbol einer Kultur der Selbstbestimmung; für viele sind sie allein deshalb eine emanzipatorische Angelegenheit, weil sie, statt nur dem Blick anderer unterworfen zu sein, erstmals die Möglichkeit haben, selbst zu entscheiden, wann und wie sie sichtbar werden wollen.  

Da Abbildungen von Personen, und damit gerade auch Selfies im Internet, zugleich jedoch immer leistungsfähigeren Techniken der Identifizierung und Überwachung ausgesetzt sind, erleben Filter und diverse Arten von Maskierung erst recht einen Boom. Je mehr man damit rechnen muss, dass jedes online publizierte Selfie in Programme eingespeist wird, die es mit Millionen anderer Selfies und Porträts abgleichen, nach unterschiedlichen Kriterien vermessen und klassifizieren, je mehr damit auch die Gefahr wächst, dass Daten in falsche Hände geraten, desto größer wird das Bedürfnis, sich mithilfe von Bildbearbeitungs-Apps gleichsam zu verstecken. Formen von Maskierung und Selbstinszenierung, die schon im analogen öffentlichen Raum wichtig waren, um die eigene soziale Rolle entweder sichtbarer zu machen und klarer zu definieren oder aber zu camouflieren, sind also im digitalen öffentlichen Raum und für Selfies existenziell geworden. 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 03/22.