Einstürzendes Bauwerk, knospende Pflanze, ein interessantes vis-à-vis – um den Augenblick zu konservieren genügt ein Fingerdruck auf dem Smartphone-Display, auf den Auslöser einer Spiegelreflex. Klick! Motiv eingefroren und vor dem Vergessen bewahrt. Seit digitale Fototechnik Filmrollen und Dunkelkammer überflüssig gemacht hat, ist die Fotografie in unseren Lebenswelten für jeden erschwinglich, kommt aus der Mitte der Gesellschaft, ist Spiegel täglichen Lebens. Manchmal wirkt es, als sei sie so grenzenlos verfügbar wie die Luft um uns herum. Wir schießen und konsumieren Bilder in gleicher Selbstverständlichkeit wie wir ein- und ausatmen. Dieser nonchalante Umgang mit dem Medium Fotografie hat gute, weil freie, in höchstem Maße demokratische Aspekte. Kameratechnik in die Hände aller! Freiheitliche, partizipative Perspektiven bot die Fotografie schon ganz zu Beginn. Ein Bericht über das Medium der Daguerreotypie um 1840, pries diese Technik, als »erste universelle Sprache, die sich an alle wendet, die zu sehen vermögen«. Und durch die simple Technik Gesehenes im Nu abzubilden, wirkte die ganze Umgebung im Nu zugänglicher. 

»Die Wolken sind für alle da, bis jetzt gibt es keine Steuer auf sie. Sie sind frei«, so der US-amerikanische Kunstfotograf und Galerist Alfred Stieglitz, einer der Schlüsselfiguren in einer Zeit, in der die Kameratechnik sukzessive in die Hände aller fand. Stieglitz selbst war nicht nur berühmter Fotograf, der unter anderem imposante Wolkenstudien fertigte. Er war bis Mitte des 20. Jahrhunderts auch der Gründer der ersten großen Fotogalerie und zweier wichtiger Fotozeitschriften. Unter seinem Einfluss verschmolzen in den USA die fotografischen Gesellschaften zu einem Verbund. Doch aller Anfangseuphorie zum Trotz – rund 180 Jahre später ist klar: Ein allgemein gültiger Jargon für das Gros der Fotoschaffenden wurde bislang nicht gefunden, wird wohl nie zu finden sein. Die Welt der Bilder teilt sich in unzählige Genres. Es gibt Bildermacher mit Fokus auf Sport, Mode, Natur, Menschen, Reportage, Abstraktion. In jeder Sparte gibt es bestimmte Codes, die ein Bild als gelungen oder unverständlich stempeln. Und auch innerhalb bestimmter Motivwelten gibt es mannigfaltige Ansichten zum optimalen Blickwinkel. Sicher ist: Zu ein- und demselben Bild hat jeder seine eigene Meinung. 

Vor etlichen Jahren, ich auf dem Behandlungsstuhl meines Zahnarztes, entspann sich ein freundliches Fachgespräch. Er fragte nach meinem Studium. Ich erzählte von der Schulung in Medientheorie, den ersten Versuchen mit Kamera, vagen Projektideen, Experimenten auf der Suche nach einer Bildsprache. Der Doc stieg darauf ein, er war begeisterter Amateurfotograf. In den Minuten bis das injizierte Betäubungsmittel zu wirken begann, zählte er das Arsenal seiner technischen Ausstattung auf. Ich, die mittellose Studentin auf dem Stuhl, rechnete derweilen mit. »Da könnten sich ja vier Profis daran bedienen«, murmelte ich. Jäh war das Gespräch beendet. Er, sichtlich verärgert, schmollte für den Rest der Behandlung. Offenbar hatte ich ihn in seiner Ehre gekränkt, den Spalt zwischen Hobby und Beruf(ung) aufgerissen. 

Heute weiß ich: Die Gräben verlaufen nicht nur entlang von Genregrenzen. Auch Profi und Amateur stehen bisweilen Rücken an Rücken. Im Sport sind Profis, Halbamateure und Amateure in Ligen klassifiziert; nur die Besten schaffen es ins Fernsehen und mischen international mit.  

In der Fotowelt gibt es einen Club für jede fotografische Tonlage und jeden Status als Bildermacher. 1908 wurde in Berlin der Verband Deutscher Amateurphotographen, Vorläufer des heutigen DVF, Deutscher Verband für Fotografie, gegründet. 37 Vereine gehörten ihm an. Heute gibt es in jeder größeren Stadt mindestens einen Fotoclub. Ansonsten treffen sich ambitionierte Amateure in der analogen Welt im Rahmen von Fotowettbewerben, in der Community eines Fotomagazins oder bei einem Event, einem Fotomarathon. 

Für die Fotoindustrie waren die Amateure lange Zeit wichtiger als die vermeintliche Elite der professionellen Bildermacher. Je mehr fotografiert wurde, umso mehr florierten die Unternehmen rund um Technik und Ausstattung. Diese Gleichung gilt seit der Invasion der Smartphone-Linsen nicht mehr. Mittlerweile gibt es zwar immer mehr Bilder, aber immer weniger verkaufte Kameras. Die Kompaktklasse ist davon am stärksten betroffen. Was nicht heißt, dass an der Foto-Mania nicht mehr verdient werden kann. Der Begriff von der Bilderflut ist schon rund 100 Jahre alt, geprägt hat ihn der Soziologe Siegfried Kracauer. Heutige Dimensionen hat er sich vermutlich nicht vorstellen können. Zur Jahrtausendwende rechnete Kodak vor, dass pro Jahr weltweit 80 Milliarden Fotos geschossen werden. Klang sensationell. 2010 waren es 300 Milliarden Bilder, 2015 eine Billion. Und heute? Schauen wir einmal allein auf den Fotogiganten Instagram. Dort werden 1.000 Fotos pro Sekunde hochgeladen. Das sind ungefähr 100 Millionen Fotos täglich. 

Die Schwemme an Fotodateien ist derweil vielen nicht Last, sondern Lust. Amateure, deren Bilder sich nicht wie bei den Berufsfotografen in bare Münze auszahlen müssen, geben ihren kreativen Content umsonst ein. Die Nutzerdaten sind wertvoll, die Währung ihres Lohns sind vielleicht Andy Warhols »15 minutes of fame«. Oder doch nur 15 Sekunden? Auf Instagram, dem gigantischsten weltweiten Fotoclub, in dem Amateure und Profis, Bild an Bild, Hashtag an Hashtag im selben virtuellen Raum agieren, sieht man allerdings eindrucksvoll, wie Aufmerksamkeit und Wertschätzung nicht vor dem Siegel beruflich oder privat umgesetzter Bildwelten Halt machen. Ein berühmter, erfahrener Fotograf wie Steve McCurry zählt mit 3,3 Millionen Fans zu den erfolgreichsten Kanälen klassischer Reportage-Fotografen. Aber er hat 300.000 Fans weniger als Murad Osman, ein russischer Reise-Influencer und gelernter Ingenieur, der seit 2012 seine Fans mit seiner knallbunten, stark inszenierten »Follow-me-to«-Serie begeistert und aus einer simplen visuellen Idee längt einen sehr lukrativen Lebenserwerb gemacht hat.  

Der Weg zum Foto-Olymp außerhalb der Zeichenwelt von Emojis und Herzen ist steiler. Auf dem Fotokunstmarkt herrscht auch im professionellen Sektor eine Dreiklassengesellschaft. Nicht jeder Berufsfotograf wird sofort wahrgenommen: Fotokunst schlägt Autorenfotografie schlägt Gebrauchsfotografie.  

Schaut man mit weitschweifendem Blick auf Bildikonen, Wegbereiter der Fotografie trifft man immer wieder auf Autodidakten oder Fotografen, die ihren Fotokosmos in Auftragsarbeiten und freie leidenschaftliche Arbeit teilen. Eugène Atget fotografierte Vorlagen für Gemälde, Robert Capa war Pressefotograf, Walker Evans dokumentierte im staatlichen Auftrag den Alltag im ländlichen Amerika. Und auch auf Instagram, im Kosmos der tausend Looks und Genres, für deren Präsentation es nicht das Urteil einer Jury, eines Galeristen, eines Kurators braucht, zeigt manch ein Food-, Mode- oder Portrait-Spezialist eine ganz andere Facette; verlässt er oder sie etabliertes Terrain, ist manchmal spielerisch motivierter Amateur und kundiger Profi in einer Person. 

Ob ambitionierter Laie oder Profi – jenseits von Geld und Beachtung ist es essenzielle Funktion des Fotografierens, mit dem Werkzeug Kamera in der Hand der Welt habhaft zu werden; Befriedigung zu finden in dem Ansinnen, den eigenen Blickwinkel Schuss um Schuss in eine eigene visuelle Form zu gießen. 

Gelingt dies, wird der Status Profi oder Amateur zweitrangig. Eine Bekannte, die als Töpferin sehr erfolgreich ist, als Mädchen aber von einer Skifahrerinnenkarriere träumte, formulierte das kürzlich zum eigenen Trost so: »Sowie das eine immer noch mein geliebtes Hobby ist und das andere meine tägliche Arbeit, so ist das eine einfach mit viel mehr Freiheit verbunden.« Vielleicht werde ich genau das meinem Zahnarzt sagen, wenn ich mich mit ihm noch einmal über Fotoleidenschaften unterhalten sollte. 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 03/22.