Angeregt durch allgemeine Emanzipationsbestrebungen werden Fragen des Geschlechts heute auch im Berufsfeld der Fotografie häufiger und drängender gestellt und sie werden dabei mit der klaren Forderung nach einer vermehrten »Gender Equality« verbunden. Im Gegensatz zur historischen Geschlechterforschung, in der Studien zur Fotografie und vor allem zur Situation von Fotografinnen heute ein breites Spektrum an Erkenntnissen liefern, sind Forschungen zur aktuellen Berufs- und Lebenssituation von Fotografinnen und Fotografen jedoch noch eher selten. Dieser Befund veranlasste den Berufsverband der Fotografinnen und Fotografen FREELENS e.V. dazu, eine Studie zu initiieren, in die neben Expertinnen- und Experten-Gesprächen vor allem 30 Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern der professionellen Fotografie selbst einflossen. 

Die fotohistorische Geschlechterforschung kann dabei auch für die heutige Situation zunächst einmal wichtige und durchaus interessante Erkenntnisse beisteuern. Denn zahlreiche Arbeiten belegen heute sehr eindrücklich, dass Fotografinnen als Pionierinnen seit der Erfindung der Fotografie im Jahr 1839 an der Weiterentwicklung und Etablierung des neuen Mediums einen bedeutenden Anteil hatten. Bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts herum lassen sich »über ein Dutzend weltweit bekannter Fotografinnen« gemäß Köffler/ Sojer 2017 nachweisen, wobei sich zunächst vor allem die Stadt Wien als ein »Zentrum der weiblichen Fotografie« herauskristallisierte. Schnell wuchs die Zahl der Fotografinnen auch in anderen europäischen Städten, wo sie Fotostudios eröffnen, sich und auch ihren Familien mit der Fotografie ein Einkommen sicherten und mit Ausstellungen und Auszeichnungen öffentliche Anerkennung erlangten. Zumindest zu Beginn scheint die Fotografie »prinzipiell allen Interessierten offen« gestanden zu haben, »Männern wie Frauen gleichermaßen«, so Matzer 2018. Und Frauen haben diese Offenheit erfolgreich genutzt. Gleichzeitig ist in historischer Perspektive aber auch nicht zu übersehen, dass Frauen in der professionellen Fotografie seit ihren Anfängen auch um ihre Akzeptanz kämpfen mussten. Im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen hatten sie sich nicht nur den Herausforderungen der neuen Technik zu stellen, sondern ihnen wurden daneben immer wieder geschlechtsspezifische Hürden in den Weg gestellt, die es zu überwinden galt. 

Denn die Erfindung der Fotografie fiel in Europa in eine Zeit rasanten gesellschaftlichen Wandels, in dessen Kontext die bürgerliche Zweigeschlechterordnung mit ihren stereotypen Polen von »Männlichkeit« und »Weiblichkeit« zunehmend an Einfluss gewann. Öffentliche und auch berufliche Belange wurden nun allgemein als »männlich« definiert, während Frauen als das vermeintlich »schwache Geschlecht« ihre Erfüllung in Form der sorgenden, für soziale Belange zuständigen Hausfrau, Gattin und Mutter finden sollten. Ein eigenständiger Zugang zu einer Berufstätigkeit und Ausbildung wurde ihnen in der Regel erschwert bis gänzlich verwehrt – eine Entwicklung, die auch in der Fotografie deutliche Spuren hinterließ.  

Als ein in den Anfängen noch relativ offenes, ungeregeltes Tätigkeitsfeld bot die Fotografie Frauen zwar erweiterte Freiräume, die von der sich etablierenden neuen Geschlechterordnung und stereotypen Geschlechtsrollen-Erwartungen jedoch immer wieder durchbrochen wurden. In gravierender Weise trugen insbesondere Berufs- und Ausbildungsverbote für Frauen dazu bei, dass Fotografinnen ihren männlichen Kollegen lange schon rein zahlenmäßig unterlegen waren. Geschlechtsspezifische Zugangshürden gewährleisteten des Weiteren, dass zumindest bestimmte Bereiche wie z. B. die Presse- und die Kriegsfotografie lange nahezu rein männliche Domänen blieben. Erst ab Ende der 1920er Jahre gelang es Frauen in vermehrter Zahl auch im Bereich der Pressefotografie beispielsweise zu arbeiten, wo sie sich jedoch meist auf die »weicheren Themen« spezialisierten. Themen wie z. B. die politische Berichterstattung blieben »weiterhin fest in der Hand der Männer«. 

Formale Vorgaben wie Ausbildungs- und Berufsverbote für Frauen sind heute – nicht zuletzt dank zahlreicher frauenpolitischer bzw. feministischer Interventionen – im wahrsten Sinne des Wortes »Geschichte«. In Fotografie-Studiengängen stellen Frauen mittlerweile zum Teil sogar die Mehrzahl der Studierenden. In den geführten Interviews berichten Fotografinnen ebenso wie ihre männlichen Kollegen von ihren Freiheiten, Erfolgen und einer großen Zufriedenheit im Berufsleben. Wie die Studie aber auch aufzeigt, sind geschlechtsspezifische Stereotype als »historische Relikte« weiterhin ein bedeutender Faktor im beruflichen Alltag, der vor allem die Arbeit von Fotografinnen teilweise stark beeinflusst. Im Gespräch erzählen sie nicht nur von irritierenden Erlebnissen mit Kunden, denen sie ihre Professionalität »beweisen« mussten, sondern auch von eigentlich unbeteiligten Männern, die ihnen während eines Fotoshootings »einfach die Kamera aus der Hand nahmen« und ihnen »erklären wollten, wie diese ›richtig‹ zu bedienen« sei. Nicht nur Fotografinnen, sondern auch Fotografen hadern daneben immer wieder damit, dass nicht etwa ihre Interessen und Fähigkeiten, sondern stereotype Vorstellungen über »harte männliche« und »weiche weibliche« Themenstellungen bei Auftragsvergaben beispielsweise ausschlaggebend sind: »Fotografinnen und Fotografen werden oft in ›Schubladen‹ gesteckt. Teilweise ist das auch ganz in Ordnung. Aber solche Festlegungen von Männern und Frauen auf bestimmte Themen können sehr stark einschränken«, wie es ein Fotograf im Interview ausdrückt. Heute, in einer Zeit, in der viele Menschen davon ausgehen, dass das Verhältnis der Geschlechter »ja eigentlich schon total gleich, ausgeglichen und fair«, sei, wie es eine Fotografin zum Ausdruck bringt, entfalten solche Zuschreibungen und damit weiterhin einhergehende Ungleichheiten oft eine eher subtile Wirkung, da sie sich der öffentlichen Aufmerksamkeit entziehen. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer solchen tendenziellen »Unsichtbarkeit« stellen sie heute eine besondere Herausforderung dar, für die es im Sinne konstruktiver, befreiender Lösungen zunächst einmal und vor allem noch stärker zu sensibilisieren gilt.  

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 03/22.