Die Organisation der Bewahrung von Fotografie als unser Kulturerbe und unser visuelles Gedächtnis ist eine äußerst wichtige kulturpolitische Aufgabe. Leider ist vielen Kulturpolitikern noch nicht ausreichend bewusst, dass die öffentliche Hand hier auf den Ebenen Bund, Länder und Kommunen in der Pflicht steht, gemeinsam mit ihren vielen Gedächtnisinstitutionen nachhaltige Lösungen zu schaffen. 

Das in der Mitte des 19. Jahrhunderts erfundene neue Medium Fotografie hat unsere Wahrnehmung der Welt vermutlich mehr verändert und erweitert als jedes Kreativmedium zuvor. Mit ihr erwarb unsere Gesellschaft erstmals die technische Möglichkeit, mit einer fotografischen Apparatur, der Kamera, exakte Abbildungen von Momenten und Ausschnitten unserer Lebenswelten in allen ihren Facetten in Lichtbildern dauerhaft festzuhalten. Seit die Massenmedien Zeitung und Zeitschrift ab dem Anfang des 20. Jahrhunderts als Illustration ihrer Artikel immer mehr Fotos statt Stiche und Zeichnungen in ihren Blättern druckten, wurde die Fotografie als neues Medium allgegenwärtig. 

Neben dem neuen Beruf des Pressefotografen entstanden Pressebildagenturen, die die Medien mit Bildern belieferten. Viele Verlage sammelten die ihnen gelieferten Bilder und die Bilder der eigenen Fotografinnen und Fotografen in hausinternen Bildarchiven, um so einen schnellen Zugriff auf sie zu haben. Auch Archive der öffentlichen Hand, wie z. B. das 1919 gegründete Reichsarchiv als der Vorgänger unseres Bundesarchivs, begannen mit dem Aufbau von Bildarchiven. 

Wenn wir unser Fotoerbe als das visuelle Gedächtnis unserer Gesellschaft sichern wollen, dann spielt die Presse- und Dokumentarfotografie eine herausragende Rolle. Sie zeigt uns in allen Facetten, wie wir gelebt haben, in der Kaiserzeit, in der Weimarer Republik, in der dunklen Zeit des Nationalsozialismus, in den beiden deutschen Staaten bis zum Mauerfall und im wiedervereinigten Deutschland. Sie dokumentiert das politische, wirtschaftliche und soziale Geschehen, die Veränderung unserer Städte und unserer Arbeitswelt, die Formen unseres Zusammenlebens, unser Freizeitverhalten, die Vielfalt unserer Kultur, Wissenschaft und Technik, Mode und so vieles mehr.  

Die Pressefotografie ist in einer Demokratie eine wichtige Säule der Vierten Gewalt, den öffentlichen Medien, die über Missstände und Konflikte berichten und die politischen und sozialen Entwicklungen kritisch begleiten. Fotografie spiegelt auch immer den Zeitgeist mit seinen sehr spezifischen Gestaltungsgrundsätzen wider. 

Die bedeutendsten Pressebildarchive wurden in Deutschland im 20. Jahrhundert von den großen Zeitungs- und Zeitschriftenhäusern und privatwirtschaftlichen Pressediensten als analoge Fotoarchive zusammengetragen.  

Für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ist das Bildarchiv des Ullstein Verlages, heute betreut von der Bildagentur ullstein bild der Verlagsgruppe Axel Springer, die herausragende zeitgeschichtliche Fotosammlung in Deutschland. Das Deutsche Historische Museum widmete diesem Archiv 2018 unter dem Titel »Die Erfindung der Pressefotografie – Aus der Sammlung Ullstein 1894–1945« eine große Sonderausstellung. Der Berliner Ullstein Verlag hat in den 1920er Jahren, der ersten großen Blütezeit der Pressefotografie, für seine Zeitungen und Zeitschriften mit den bedeutendsten Fotografinnen und Fotografen der Zeit zusammengearbeitet. Unter ihnen Erich Salomon, Martin Munkácsi, Waldemar Titzenthaler, die Brüder Otto und Georg Haeckel, Lotte Jacobi, die Modefotografinnen Yva und Madame d’Ora und viele andere. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der Gleichschaltung der Presse musste die jüdische Verlegerfamilie Ullstein 1934 auf Druck der Machthaber den Verlag weit unter Wert verkaufen. Der bis 1945 auf mehrere Millionen Fotos angewachsene Bildbestand überstand den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet. 1959 kaufte Axel Springer von der nach Deutschland zurückgekehrten Ullstein-Familie, die inzwischen ihren Verlag zurückerhalten hatte, den Verlag. Das analoge Ullstein Bildarchiv umfasst heute über zwölf Millionen Presse- und Dokumentarfotos vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Jahr 2000. Danach war die Pressefotografie nahezu komplett von der analogen Fotografie zur digitalen Fotografie gewechselt. 

Weitere herausragende zeitgeschichtliche Bildarchive für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts sind das Bildarchiv der Agentur akg-images, seit mehreren Generationen ein Familienunternehmen in Berlin, mit ca. zwölf Millionen analogen Pressefotos von 1850 bis 1990, das Bildarchiv der Süddeutschen Zeitung, SZ Photo, mit ca. sechs Millionen analogen Pressefotos von 1900 bis 2000 einschließlich wichtiger Teile des historischen Scherl-Archivs – das Bundesarchiv, das selbstverständlich auch ein bedeutendes zeitgeschichtliches Bildarchiv besitzt, erhielt mit der Übernahme von ADN-Zentralbild den anderen großen Teil – und das Bildarchiv der bpk Bildagentur der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit ca. 14 Millionen analogen Presse- und Dokumentarfotos von 1870 bis 1990.  

Für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ist das analoge STERN-Fotoarchiv, früher Gruner + Jahr, seit 2019 in der Bayerischen Staatsbibliothek, mit ca. 15 Millionen Fotos von vielen der renommiertesten Fotografinnen und Fotografen der Welt eine der bedeutendsten Pressefotosammlungen Europas. Ebenfalls sehr wichtig ist das Bildarchiv der Deutschen Presse-Agentur (dpa) mit weit über zehn Millionen analogen Fotos ab 1946. Nicht zu vergessen sind die umfangreichen analogen Pressebildsammlungen des SPIEGEL und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das SPIEGEL-Bildarchiv wurde um das Jahr 2000 von den Deichtorhallen in Hamburg übernommen, aber vor einigen Jahren in aller Stille wieder zurückgegeben, weil man sich mit der Aufarbeitung anscheinend überfordert fühlte. 

In den Medienhäusern sind diese analogen Fotoschätze im Regelfall nicht konservatorisch angemessen, d. h. klimatisiert, gelagert. Die chemischen Veränderungsprozessen unterliegenden sensiblen Fotografien werden dort auch nicht konservatorisch professionell betreut. Vielfach sind die analogen Fotobestände, um hohe Mietkosten in den zentral gelegenen Medienhäusern zu sparen, in dezentrale Lagerräume ausgelagert, weil nur noch sehr selten ein Zugriff auf einzelne Teilbestände erfolgt.  

Nach meiner Einschätzung ist es eine staatliche Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die wichtigsten Bildquellen zu unserer deutschen Geschichte dauerhaft bewahrt, inhaltlich erschlossen, digitalisiert und zugänglich gemacht werden. Das können wir als Gesellschaft nicht von den Verlagen erwarten. 

Mit der Rettung des STERN-Bildarchivs durch die Bayerische Staatsbibliothek ist das vielleicht bedeutendste visuelle Gedächtnis zu unserer Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von der öffentlichen Hand gesichert worden. Ziel ist es, in den nächsten Jahren mehrere Millionen Fotos dieser herausragenden Fotosammlung zu digitalisieren und online zu stellen. 

Für das bedeutendste Pressebildarchiv der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das Ullstein-Archiv, sollte staatlicherseits eine ähnliche Übernahme in die Verantwortung einer geeigneten Gedächtniseinrichtung der öffentlichen Hand angestrebt werden. Das Archiv enthält unwiederbringliche Schätze der Fotogeschichte, tausende Vintage-Prints von den berühmtesten Fotografinnen und Fotografen der damaligen Zeit, vielfach mit einem Marktwert von weit über 10.000 Euro pro Einzelfoto. Es ist ein Trauerspiel, dass diese zeitgeschichtlich so wertvollen analogen Fotografien nicht angemessen aufbewahrt werden, sondern in nicht klimatisierten Kellerräumen ohne fachkundige konservatorische Betreuung gelagert sind. Von der Agentur ullstein bild wird das ausgelagerte analoge Archiv kaum noch genutzt, weil viele der bedeutendsten Fotos bereits hochwertig digitalisiert und in einer Datenbank erschlossen sind. Die Übernahme weiterer dieser herausragenden analogen Pressebildarchive durch Einrichtungen der öffentlichen Hand ist sorgfältig zu prüfen. 

Wir haben in Deutschland viele exzellente öffentlich-rechtliche Bildarchive, die die fachliche Kompetenz haben, bedeutende Fotonachlässe und Pressebildarchive zu übernehmen, die Rechte zu klären, sie aufzuarbeiten, zu digitalisieren und der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Es sind Einrichtungen des Bundes, der Länder und kommunale Einrichtungen. Das von BKM geplante Bundesinstitut für Fotografie ist ein wichtiges Signal dafür, dass der Bund erkannt hat, dass es im Interesse der Allgemeinheit liegt, bedeutende Fotonachlässe und Sammlungen als bildhaftes Gedächtnis unserer Gesellschaft zu bewahren. Doch die Aufgabe kann von einem Bundesinstitut allein nicht bewältigt werden. Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe, die nur unter Einbindung der vielen kompetenten bestehenden öffentlich-rechtlichen Archive erfolgreich umgesetzt werden kann. Dafür müssen die bestehenden Gedächtniseinrichtungen auch auf der Ebene der Länder und der Kommunen von der Politik den Auftrag erhalten, bedeutende Fotografien als das visuelle Gedächtnis ihrer Region bzw. ihrer Stadt zu sammeln und mit den notwendigen Haushaltsmitteln ausgestattet werden, um diese Aufgabe im Interesse der Allgemeinheit erfolgreich umzusetzen. Die Kultusministerkonferenz der Länder und der Deutsche Städtetag könnten hierfür geeignete politische Leitlinien entwickeln. 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 03/22.