Der STERN-Bildredakteur Andreas Trampe spricht mit Ludwig Greven über die Bilderflut im Internetzeitalter, die Veränderung und Beschleunigung durch die digitale Fototechnik und die sich daraus ergebenden Herausforderungen für Magazine. 

Ludwig Greven: Bevor Sie Bildredakteur wurden, haben Sie selbst fotografiert. Was war der aufregendste Moment? 

Andreas Trampe: Der Fall der Berliner Mauer! Ich kam mit meiner Frau vom Italiener, Hanns Joachim Friedrichs sagte in den Tagesthemen: »Die Mauer ist offen.« Da bin ich sofort nach Berlin gefahren, habe die ganze Nacht und den nächsten Tag durchgearbeitet und die Menschen an und auf der Mauer fotografiert, für die »Bunte«. Es ist großartig, dass mitgemacht und miterlebt zu haben. 

Hilft es als Bildredakteur, wenn man die Arbeit und den Stress als Fotograf kennt? 

Ja, weil man sich in ihre Situation hineinversetzen kann und weiß, was alles passieren kann. Kleinigkeiten oder eine falsche Planung können alles zunichtemachen. Dann gilt es, die Produktion vor Ort zu retten. Und man kann die Fotografen besser briefen. 

Wie entscheiden Sie, welche Bilder und Fotostrecken jede Woche in den STERN kommen, und ob sie
eigene Fotografen losschicken? Das ist ja auch eine Kostenfrage. 

Grundsätzlich wollen wir immer eine eigene Bildsprache, eigene Fotos haben. Es ist auch nicht immer teurer, Fotografen zu beauftragen, statt Bilder von Fotoagenturen zu nehmen. Vor allem geht es darum, etwas zu schaffen, was »unique« ist. Sonst können wir einpacken. Die täglichen Informationen bekommen die Menschen im Fernsehen, Radio, in den Zeitungen, im Netz. Wir sind das Sahnetüpfelchen, wir wollen mehr als nur informieren. Wir wollen auch unterhalten und Bilder zeigen, wo die Leute sagen: Wow, das ist ja beeindruckend! Deswegen suchen wir den Markt ständig nach guten Produktionen ab, aber wenn wir können, dann fotografieren wir selbst. Gute Bilder – das ist der Kern unserer Marke, unter anderem dafür kaufen die Leute den STERN. 

Und wenn die Bilder vorliegen und gesichtet sind: Wer entscheidet dann? 

Das entscheiden wir im Team, mit der Chefredaktion, dem Artdirector und dem Textredakteur. Den ersten Vorschlag macht der Layouter. Er kennt den Platz, die Bilder und die Länge des Textes. Dann schauen wir uns gemeinsam die Optik an und holen die Blattmacher dazu. Wenn man schon so lange ein Magazin macht wie wir, weiß man, wie groß man eine Geschichte anlegen muss, was sich als Aufmacherbild eignet und wie man den Artikel »komponiert«. 

Wie hat sich die Arbeit durch die digitale Technik verändert? 

Sie hat sich ungeheuer beschleunigt, und es ist wahnsinnig global geworden. Wenn sich in Hollywood ein Promi den Fuß bricht oder ein Zyklon Madagaskar trifft, habe ich heute in der Regel eine Stunde später Bilder davon auf dem Tisch. Es ist alles verfügbar oder erreichbar. Wie gut die Bilder dann sind, ist eine andere Frage. Und es ist sehr international geworden. Früher haben wir Fotografen in den Dschungel oder an den Amazonas geschickt, heute buchen wir afrikanische, brasilianische oder philippinische Fotografen. Das hat große Vorteile. Denn sie sprechen die Sprache und kennen die Kultur, sie wissen, wen man ansprechen und wie man sich verhalten muss, damit man nicht in Gefahr gerät. Und da sie vor Ort sind, liefern sie schneller ihre Fotos. 

Aber fällt durch diese Beschleunigung nicht der Prozess der Reflexion, des sich Herantastens an ein Thema, eine Geschichte weg? 

Man muss da unterscheiden. Newsfotografen sind extrem fix. Als Usain Bolt 2016 einen Weltrekord über 100 Metern aufstellte, war das Foto von Reuters, für das der Fotograf Kai Pfaffenbach später einen World-Press-Photo-Award bekam, eine Minute später in den Redaktionen der Welt. Das ist Real-Time-Journalismus. Die Fotografen, die wir zu Reportagen, Porträtaufnahmen oder jetzt in die Ukraine schicken, gehen dagegen abends in Ruhe durch ihre Aufnahmen, wählen aus, bearbeiten sie und stellen sie kompositorisch zusammen. Da hat sich wenig geändert. Sie haben nur den Riesenvorteil, dass die Fotos nicht mehr ins Labor müssen und sie Angst haben müssen, dass sie unter- oder überbelichtet sind, wenn sie von einer langen Reise zurückkommen. 

Sind die Fotos durch die digitale Technik besser? 

Das ist ein Quantensprung an Qualität! Wenn man sich alte Ausgaben des STERN aus den 1980er oder 1990er Jahren anschaut, das ist nicht im Ansatz zu vergleichen. Allein wenn man sieht, was man aus digitalen Bildern in dunklen Situationen noch herausholen kann. Dazu kommt, dass die Fotografen wesentlich besser ausgebildet sind. Die Studiengänge für Fotoreportage oder Fotojournalismus gab es früher überhaupt nicht. Die Leute, die heute mit 25 oder 26 von den Hochschulen kommen, sind oft extrem gut, wach, hungrig und talentiert. 

Hat sich auch die Bildsprache verändert? 

Es gibt immer wieder unterschiedliche Phasen. Heute merkt man, dass junge Fotografen den Leuten oft nicht so nahekommen wollen. Sie scheuen davor, weil sie nicht peinlich sein wollen. Es gibt aber auch nach wie vor Fotografen, die sehr kommunikativ und kreativ sind. Das ist sehr unterschiedlich, und so sind auch die Bilder. Deshalb wollen wir die Fotografen immer vorher kennenlernen, ihre Eigenarten, ihren Charakter, ihre Art zu fotografieren. Auch das ist heute wesentlich leichter, weil ich mit ihnen auf der ganzen Welt kommunizieren und mir ihre Bilder auf ihren Homepages anschauen kann. 

Was macht ein besonderes Bild aus in der ganzen Bilderflut? 

Ein besonderes Foto weckt Emotionen. Das kann Trauer sein, Mitgefühl, Sentimentalität, Freude, Lachen, auch Erstaunen. Es muss irgendwas in meinem Bauch oder meiner Seele auslösen. Und es muss besonders schön fotografiert sein, ein ungewöhnliches Porträt von einem Musiker oder anderen Prominenten, auch wenn er oder sie schon tausendmal fotografiert wurden. Für den Fotojournalismus muss es außerdem relevant sein. Das kann auch eine Demo in Kolumbien sein, wenn das Bild etwas aussagt und es einen berührt. 

Heute kann jeder Bilder von Ereignissen rund um den Globus in Echtzeit verfolgen. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit? 

Wir müssen noch genauer schauen, was ist die Geschichte und wie erzählen wir sie. Früher war es eine Sensation, wenn man überhaupt Bilder aus fernen Ländern zeigte. Heute hat man im Grunde fast alles schon gesehen. Das Angebot, vor allem im Internet, wird immer größer, doch das Zeitbudget der Menschen ist begrenzt. Also muss man spannender, authenischer erzählen, damit sie einem ihre kostbare Zeit anvertrauen. 

Informationen werden manipuliert. Auch Bilder können lügen. Wie schützen Sie sich davor? 

Wir passen sehr genau auf, verifizieren und prüfen die Bilder. Oft hilft es schon, sich die Frage zu stellen: Kann es wirklich so gewesen sein? Aber da es von Ereignissen meist Aufnahmen unterschiedlicher Fotografen und Agenturen gibt, kann man das gut abgleichen. Bilder richtig gut zu manipulieren, ist außerdem sehr aufwendig, auch wenn die Software dafür immer besser wird. Und es hilft natürlich, wenn man die Fotografen kennt. 

Durch die sinkenden Auflagen werden auch die Honorare immer kleiner. Würden Sie jungen Menschen noch raten, Fotograf zu werden? 

Wenn sie viel Geld verdienen wollen, sollten sie lieber etwas anderes machen. Aber wer wirklich dafür brennt, sollte es versuchen. Es gibt keinen schöneren Beruf. 

Vielen Dank. 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 03/22.