An der Schnittstelle zwischen der visuellen Raumwahrnehmung und der fotografischen Raumdarstellung setzt die Architekturfotografie an. Jörg Hempel hat sich auf diese spezialisiert und setzt Wohnhäuser, Zollhäfen, Schulen, Büros und vieles andere gekonnt in Szene. Für Politik & Kultur beantwortet er einige Fragen zum fotografischen Genre.  

Sie sind spezialisiert auf Architekturfotografie. Was fasziniert Sie an diesem Fotografiegenre? Und was kennzeichnet dieses allgemein? 

In einer Fotografie wird nicht nur die uns umgebende lebendige dreidimensionale Welt auf ein stehendes zweidimensionales Bild technisch transformiert. Mehr noch: Raum und Zeit können durch den kreativen Prozess, den ich als Fotograf beeinflusse, scheinbar auf eine Ebene reduziert werden. 

Das gibt mir die Möglichkeit, Architektur fotografisch zu ergründen und Bilder darin zu finden, die ich nicht nur mit sich änderndem Tageslicht und dem vorhandenen künstlichen Licht inszenieren und festhalten kann. Das Auflösen der architektonischen Sprache sowie die Finessen eines Bauwerks sind eine spannende Entdeckungsreise. 

Die Architektur bietet dabei viele Betätigungsfelder für die Fotografie, beginnend mit der Baustelle, einem Ort ständiger Veränderung: Hier lassen sich Prozesse beobachten, Konstruktionen sichtbar machen und Einblicke bewahren, die nach der Fertigstellung nicht mehr sichtbar sind. Reportagen zeigen die Entstehung eines Gebäudes von der Baugrube über das Richtfest bis zur Einweihung. Wie wird aus einer Idee ein fertiges Gebäude, wie aus dem Puzzle an Bauteilen und Materialien ein funktionales Zusammenspiel? Im fertigen Gebäude hinter Mauern und Verblendungen versteckte Haustechnik wird zum richtigen Zeitpunkt aufgenommen und dem Betrachter nähergebracht. 

Dann das fertige Gebäude: Da steht die Konzeption der Architekten für das Gebäude. Um diese zu erkennen und in mögliche Bildideen zu transferieren, benötigt es eine Affinität zur Baukunst. 

Auch der Mensch beobachtet im Kontext der Nutzung oder simpel als Maßstab in einem Raum, stellt ebenso wie Spuren der Nutzung ein spannendes Sujet dar. 

Doch nun von der Theorie in die Praxis: Das aktive Erleben der Architektur ist ein wesentlicher Teil des Fotografierens, aber ein Fototermin bedarf einer präzisen Planung, die von verschiedenen Faktoren abhängt und die den Zeitrahmen für geplante Aufnahmen genau strukturiert. 

Sie lehren Architekturfotografie an verschiedenen Hochschulen. Wie setzt man Bauwerke fotografisch in Szene? Was gilt es dabei zu beachten? 

An der Hochschule hinterfragen die Studenten meine Planung und Vorgehensweise:  

Was braucht es für die Abwicklung eines Fototermins? Welche Standpunkte zeigen die mir wichtigen Aspekte des Gebäudes, und sind diese problemlos zu erreichen? Wie ist der Verlauf des natürlichen Lichts – Tageslicht von Sonnenaufgang bis zur Dunkelheit, z. B. welche Seite des Gebäudes steht zu welcher Tageszeit am besten im Licht? Was gilt es bei der technischen Einrichtung des Gebäudes zu beachten – z. B.: Wann sollte das Licht in welchen Zimmern angeschaltet sein, um in der Dämmerung zu leuchten und wer kann es einschalten? Wer ermöglicht den problemlosen Zutritt zu allen relevanten Räumen? Gibt es Einrichtungsgegenstände, die für die Fotos weg- oder umgestellt werden müssen? 

Diese Erörterungen gehen dem tatsächlichen Fotografieren voraus, diese Diskussion strukturiert die Herangehensweise und unterstützt die Umsetzung der Bildideen. 

Neben solchen Fragen und der Erarbeitung der technischen Grundlagen, diskutiere ich mit den Studenten auch, wie die Rezeption von Architektur stattfindet und analysiere mit ihnen die Darstellung in den Medien. Ebenso stehen rechtliche Fragen zur praktischen Fotografie und Urheberrecht und vor allem natürlich die Praxis auf dem Programm. 

Welches Bauwerk würden Sie in Zukunft gern fotografieren – und warum? 

Abseits von Aufträgen durch Architekturbüros oder Magazinen beschäftige ich mich in meinen freien Arbeiten mit der Konnotation von Architektur. Z. B. mit der Serie »Manegen der Macht« in der ich die Parlamentsgebäude der Nationalstaaten der Europäischen Union zeige: Durch den Vergleich der jeweiligen gebauten politischen Identität eines Landes, möchte ich die komplexe politischen Entscheidungsfindung innerhalb der Europäischen Gemeinschaft visualisieren.  

Diese Thematik möchte ich gerne erweitern und auch länderübergeordnete parlamentarische Instanzen analysieren und dazu steht als eines der ersten Gebäude das Hauptquartier
der Vereinten Nationen (UNO) in
New York City auf der Liste.  

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 03/22.