Die Initiative kulturelle Integration ist ein starkes Bündnis. Mit ihren 28 Institutionen und Organisationen aus Kirchen und Religionsgemeinschaften, Sozialpartnern, ehrenamtlichen Gruppen, Medien sowie Vertretern von Bund, Ländern und Kommunen stärkt sie den Zusammenhalt unserer Gesellschaft nachhaltig.
In diesem Jahr rufen die Mitglieder der Initiative erstmalig für den 21. Mai zu einem Aktionstag »Zusammenhalt in Vielfalt« auf. Dieser setzt im Kontext des UNESCO-Welttags der kulturellen Vielfalt, der am selben Tag stattfindet, mit zahlreichen Aktionen ein deutliches Zeichen für ein solidarisches Miteinander in einer freiheitlichen und pluralen Gesellschaft.
Dass der Aktionstag auf das jüdische Wochenfest Schawuot fällt, ist sicher kein Zufall. Denn einerseits wird hier das »Fest der Erstlinge« gefeiert. So darf gehofft werden, dass auch aus der zarten Pflanze dieses erstmaligen Aktionstags Großes entsteht. Andererseits ist Schawuot nach der talmudischen Überlieferung die Zeit der Verkündung der zehn Gebote am Berg Sinai. Aus den »zehn Worten«, die ein verbindendes Element des jüdischen und christlichen Glaubens sind, lassen sich die ethischen Grundprinzipien ableiten, die soziale Stabilität fördern und so die Grundlage dafür schaffen, dass Menschen friedlich miteinander leben und in ihrer Vielfalt zusammenhalten.
Der Aktionstag bietet Anlass, die 15 Thesen der Initiative zum »Zusammenhalt in Vielfalt« ins Bewusstsein zu rufen. Drei davon stehen exemplarisch für die gemeinsame Haltung, die wir vertreten:
- Religion gehört in den öffentlichen Raum.
- Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist nie abgeschlossen.
- Kulturelle Vielfalt ist eine Stärke.
Genau diese Stärke zeigt sich auch im jüdischen Leben in Deutschland. Es ist selbstbestimmt, vielfältig und lebendig. Gleichzeitig wünscht es sich Normalität: eine Zugehörigkeit, die nicht neu verhandelt oder infrage gestellt wird. Dazu gehört auch, die öffentliche Wahrnehmung stärker auf die gegenwärtige religiöse und kulturelle Lebendigkeit des Judentums zu richten, ohne dabei zu vergessen, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte ein zentraler Bezugspunkt bleibt.
Doch daran, wie präsent dieses Wissen wirklich ist, sind Zweifel berechtigt. Erst 2021 hat das Festjahr zu 1.700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland vielen Menschen in unserer Gesellschaft vor Augen geführt, dass jüdisches Leben ein integraler Bestandteil deutscher Geschichte ist. Vor diesem Hintergrund verwundert und schmerzt es, dass viele Menschen in unserem Land über den Alltag jüdischer Nachbarn, Mitschüler oder Sportkameraden – über Glaubenspraxis, Traditionen oder kulturelles Leben – nur wenig wissen.
Wem etwa ist bekannt, dass Pessach in diesem Jahr nahezu zeitgleich mit Ostern gefeiert wurde? Wer kennt den Jüdischen Gemeindetag, der in der Regel alle drei Jahre stattfindet und Jüdinnen und Juden aus rund hundert Gemeinden in Berlin zusammenbringt? Oder wer hat schon einmal den Jewrovision Song Contest verfolgt, bei dem jüdische Kinder und Jugendliche ihre Kreativität und Begeisterung für Musik und Tanz zeigen?
Heute sind rund 100.000 Jüdinnen und Juden in Deutschland in den über 100 Gemeinden des Zentralrats der Juden organisiert. Das Judentum ist ein selbstverständlicher Teil unseres Landes. Es hat unsere Geschichte geprägt und prägt sie weiter.
Besonders die Zuwanderung aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion hat die jüdische Gemeinschaft in den letzten Jahrzehnten wachsen lassen. Mit ihr wuchs und erweiterte sich die ohnehin bereits kaleidoskopartige Gemeinschaft um viele neue, bereichernde Facetten.
Wie sehr unsere Gesellschaft davon profitiert, zeigt sich beim Besuch einer der über hundert jüdischen Gemeinden in Deutschland. Dort wird Engagement gelebt: Beispielsweise beim Mitzvah Day, dem jüdischen Wohltätigkeitstag, an dem sich jedes Jahr tausende Freiwillige für andere einsetzen.
Das Aufblühen jüdischen Lebens in Deutschland ist vor allem das Verdienst dieser Gemeinden. Sie schaffen Räume für alle Generationen. Das gilt von der Kleinkindgruppe bis zum Seniorenkreis. Die Gemeinden ermöglichen religiöse, kulturelle und soziale Teilhabe sowie ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit. Sie sind zudem ein unersetzlicher Partner, wenn es darum geht, die große gesellschaftliche Mehrheit der nichtjüdischen Bürgerinnen und Bürger an jüdisches Leben heranzuführen und zur Teilhabe einzuladen.
Denn Religion braucht auch Raum in der Öffentlichkeit. Das gilt für das Judentum genauso wie für das Christentum. Davon profitieren wir alle: Es entsteht dadurch eine Gemeinschaft, die selbstverständlich am gesellschaftlichen Leben teilnimmt und den interreligiösen Dialog sowie die kulturelle Vielfalt unseres Landes bereichert.
Gemeinsam blicken wir auf über 75 Jahre des (Zusammen-)Wirkens von Bund und Zentralrat der Juden in Deutschland. Seit fast 25 Jahren steht die Zusammenarbeit durch den 2003 geschlossenen Staatsvertrag auf noch festerem Grund. Dieser stärkt bis heute den Erhalt des deutsch-jüdischen Kulturerbes, den Aufbau der jüdischen Gemeinschaft sowie wichtige integrations- und gesellschaftspolitische Aufgaben.
Damit jüdisches Leben im Alltag wirklich selbstverständlich wird, ist jedoch die gesamte Gesellschaft gefragt. Wir brauchen vor allem mehr persönlichen Austausch zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Menschen.
Dabei sollte jüdisches Leben nicht als etwas Exotisches erscheinen, sondern als das, was es ist: vielfältige Realität. Der Comedian, die Bundesministerin, der Karnevalist, die Studentin, der Buchhändler um die Ecke – all das ist jüdisches Leben. Der Zentralrat der Juden setzt mit dem Projekt »Meet a Jew« genau hier an und ermöglicht persönliche Begegnungen. Solche Initiativen brauchen wir noch viel häufiger – ebenso wie das proaktive Bemühen um ihr Zustandekommen. Jede Schule, jeder Sportverein, jeder Träger des kommunalen Ehrenamts ist herzlich eingeladen: Wenden Sie sich an unsere jüdischen Gemeinden, treten Sie in den Austausch.
Gleichzeitig beobachten wir seit dem 7. Oktober 2023 eine diametrale Entwicklung: Viele Jüdinnen und Juden ziehen sich aus Angst zurück, verschweigen ihren Glauben und lassen die Kippa lieber zu Hause. Angesichts des besorgniserregenden Anstiegs von Antisemitismus und offenem Hass, der laut der jährlichen Studie der Universität Tel Aviv auf einem Höchststand tödlicher antisemitischer Gewalt seit 30 Jahren liegt, kaum verwunderlich.
Wenn Religion in den öffentlichen Raum gehört, stellt sich die Frage: Was läuft falsch, wenn Synagogen nur noch unter Polizeischutz bestehen können? Wenn Freizeitangebote jüdischer Einrichtungen deutlich stärker gefährdet sind und mit erheblich größerem Aufwand geplant werden müssen als andere? Wenn Schülerinnen und Schüler ihre Schule, die in einem Gewerbegebiet liegt, nur durch Sicherheitsschleusen in Kleingruppen betreten und verlassen können?
Es ist unser aller Aufgabe, das zu ändern. Sicherheit bedeutet mehr als Schutz vor Gewalt. Sie umfasst auch die Garantie, jüdische Identität frei und sichtbar leben zu können.
Wer Angst haben muss, kann nicht gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben partizipieren. Antisemitismus bedroht nicht nur Jüdinnen und Juden. Er gefährdet unsere Demokratie insgesamt und zerstört den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dem treten wir gemeinsam und entschlossen entgegen.
Gleichzeitig darf sich unser Blick nicht allein auf Antisemitismus verengen. Jüdisches Leben in Deutschland ist weit mehr. Es ist lebendig, vielfältig und zukunftsorientiert.
Deshalb fördern Bund und Zentralrat seit Jahren gezielt den Ausbau entsprechender Strukturen: die Ausbildung von Rabbinern und Kantoren, den Bau und die Rekonstruktion von Synagogen sowie neue Orte des Austauschs.
Ein wichtiger Schritt wird die Eröffnung der Jüdischen Akademie in Frankfurt am Main zum Ende des Jahres 2026 sein. Sie wird den intellektuellen Diskurs über das Judentum stärken und unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen einbeziehen.
Die Akademie steht sinnbildlich für unsere gemeinsame Entschlossenheit, jüdisches Leben sichtbar zu machen, jüdische Perspektiven stärker in öffentliche Debatten einzubringen und den Austausch mit der Breite der Gesellschaft zu fördern.
Denn eines ist klar: Nur wenn wir das jüdische Leben der Gegenwart wahrnehmen und seine Stimmen hören, können wir seine Zukunft in Deutschland sichern.