Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich vor: Ein Kiosk in einer Kleinstadt. Ein alter Dorfplatz. Ein Bolzplatz hinter dem Supermarkt. Eine kleine, ehrenamtlich betriebene Bibliothek. Ein Kino mitten in einer verwaisten Einkaufspassage. Wer hier zuerst an Tristesse denkt, sitzt einem Klischee auf. Denn all diese Orte haben eins gemeinsam: das Potenzial, Menschen zusammenzubringen – und genau das wird aktuell immer schwerer. Möglich wird es überall dort, wo Menschen mit herausragendem Engagement dieses Potenzial freilegen und ein kulturelles Angebot schaffen, das zum lokalen Zusammenleben beiträgt. Einige Beispiele wollen wir etwas näher vorstellen.

In »LOKAL – Programm für Kultur und Engagement«, das die Kulturstiftung des Bundes gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung und der European Cultural Foundation entwickelt hat, geht es genau um diese Menschen und um die Räume, die sie gestalten. In bisher 13 geförderten Netzwerken erproben kulturelle Akteure in Städten und Gemeinden unter 100.000 Einwohnern neue, ungewöhnliche Partnerschaften, etwa mit Änderungsschneidereien oder Fußballvereinen. Zwischen Wismar und Heidenheim, Euskirchen und Görlitz entwickeln sie gemeinsam künstlerisch-partizipative Projekte – vor Ort und für den Ort. Mit den Mitteln der zeitgenössischen Kunst, mit Humor, mit dem Willen und der Offenheit, zuzuhören und miteinander zu lernen. So wird sichtbar, was kulturelle Initiativen in kleineren Orten bewirken können.

Wir merken: LOKAL trifft auf einen großen Bedarf. Nicht zuletzt deswegen hat die Kulturstiftung des Bundes die Fördermittel für die zweite Förderrunde 2025 noch einmal erhöht, sodass in dieser Runde mehr als doppelt so viele lokale Netzwerke gefördert werden wie ursprünglich geplant. Insgesamt kann das Programm somit von 2025 bis 2031 bis zu 40 Netzwerkprojekte mit jeweils bis zu 240.000 Euro fördern.

Als Kulturstiftung des Bundes ist es unser Anspruch, Kultureinrichtungen Raum für Experimente zu geben. In einem Umfeld, in dem viele Kulturakteure ehrenamtlich und teils prekär beschäftigt sind, wollen wir durch die vierjährige Förderung die Sicherheit schaffen, um anders und in neuen Konstellationen zu arbeiten. Die Stiftung richtet mit LOKAL ihr Augenmerk auf die Bedeutung von Kultureinrichtungen gerade in kleineren Städten als Begegnungsorte einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft. Sie sind ein bedeutsamer und unbedingt erhaltenswerter Teil der deutschen Kulturlandschaft in ihrer ganzen Vielfalt.

Und einer, der – das wissen wir aus dem, was uns die Antragstellenden anvertrauen – vor enormen Herausforderungen steht. Insbesondere in kleineren Orten geraten Kulturakteure zunehmend unter politischen und gesellschaftlichen Druck; auch eine wachsende Politisierung gesellschaftlicher Räume erschwert ihre Arbeit. Gleichzeitig kämpfen sie mit fehlender Infrastruktur und der Abwanderung junger Menschen. Umso mehr gilt es, Räume offen zu halten, Orte der Begegnung und des Austauschs zu schützen und zu schaffen.

Kultureinrichtungen sowie Künstlerinnen und Künstler sind für diese Aufgabe prädestiniert. Überall in Deutschland schaffen sie Selbstwirksamkeit und Gestaltungsspielraum für Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung. Der Soziologe und Rechtsextremismusexperte Matthias Quent, Mitglied der interdisziplinären Fachjury von LOKAL, hat die Möglichkeit zur Mitbestimmung angesichts multipler Krisen in seinem Buch »Keine Macht der Ohnmacht« (2026) als eine der wichtigsten Strategien für demokratisches Wirken beschrieben. In LOKAL werden solche Herausforderungen durch die enge Zusammenarbeit zwischen der Kulturstiftung des Bundes und der Bundeszentrale für politische Bildung in besonderer Weise adressiert.

LOKAL fördert dort, wo lokale Akteure diesen Herausforderungen kreativ begegnen. Um ihr besonderes Engagement und ihren großen Erfahrungsschatz in ihrem jeweiligen Kontext zu würdigen, verfolgt das Programm eine spezifische Methodik: Es liefert keinen Masterplan, sondern eine Versuchsanordnung – wie Kultureinrichtungen gemeinsam mit Sportvereinen, den Landfrauen, Sozialverbänden zusammenarbeiten können, die im selben Umfeld verankert sind, mit denen sie sich aber bisher noch nie darüber ausgetauscht haben. LOKAL stellt Ressourcen zur Verfügung, die für den Aufbau von langfristigen und nachhaltigen Netzwerken nötig sind. So entstehen Orte, an denen man ins Gespräch kommt, unterschiedliche Positionen Raum haben und man Kunst erleben kann. Partizipative Kunst schafft nach unserer Erfahrung soziale Räume, in denen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen in Kontakt treten können. Und sie ermöglicht es, die Dinge aus anderer Perspektive zu betrachten. Als ästhetische Praxis kann sie so auch demokratische Kompetenzen und Zugehörigkeit stärken.

Wie das konkret aussieht, zeigen Beispiele aus der aktuellen LOKAL-Förderung. Es gibt laute und öffentlich sichtbare Aktionen, wie den »Kongress der Utopien«. Mit diesem bringt das Soziokulturelle Zentrum Dachverein Reichenstraße im September 2026 fast ganz Quedlinburg zusammen, von Citymanagement bis Jugendsozialarbeit. Und es gibt die leisen, tastenden Momente, wie die ortsspezifischen Arbeiten im sachsen-anhaltischen Kelbra, bei denen die Artisten der CircusMühle Kelbra sich selbst im Ort sicht- und ansprechbar machen und so Kontakt herstellen zwischen Menschen, die sonst in der kleinen Gemeinde nie miteinander reden.

Welche Methoden und Partner die geförderten Initiativen wählen, hängt vom lokalen Kontext ab, pauschale Lösungen gibt es bei LOKAL nicht. In dem Projekt »PLAUEN.ZWICKAU.UMGARNEN.« werden, in Anlehnung an die Lokalgeschichte der Textilindustrie, Menschen über das Handwerk zueinander gebracht. Inzwischen entspinnt sich rund um das Theater Plauen-Zwickau ein wachsendes Netzwerk, die Idee trägt bereits Früchte. In der Eifel etabliert der Verein Transient die Bruder-Klaus-Feldkapelle als Ort für partizipative Musikprojekte, bei denen sich alle willkommen fühlen. Im als Problemviertel markierten Torgau-Nordwest wiederum geben die Künstlerinnen vom Schweizerhaus Püchau jungen Roma künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten. Menschen, die bisher wenig gehört und gesehen wurden und denen »Vielleicht nur Glück« – so der Projekttitel – ermöglicht werden kann. Andernorts entstehen ganz neue Räume: So der »Qbus« in einem alten Rathaus im dünn besiedelten Lüchow-Dannenberg und der Projektraum in Amberg, den die »Falsche Farm« für die Vernetzung von Jugendlichen im ländlichen Bayern geschaffen hat.

Wir wissen, dass kulturelle Akteure in Italien, den Niederlanden oder Polen vor denselben Fragen stehen wie wir: Wie lässt sich künstlerische Beteiligung in kleineren Städten noch ermöglichen – gerade in Zeiten erstarkender antidemokratischer Kräfte und schwindenden gesellschaftlichen Engagements? Im Programm LOKAL sind die Geförderten aus Deutschland deshalb in mehrfacher Hinsicht vernetzt: Erstens stehen sie deutschlandweit über Akademien und digitale Treffen in einem regelmäßigen und produktiven Austausch, teilen Erfolge miteinander und diskutieren auch Widerstände. So entsteht ein Erfahrungsschatz, welche Strategien zum Gelingen beitragen, der gerade für kleinere Kulturorte oft noch fehlt. Zweitens ermöglicht LOKAL die Vernetzung in Europa durch die Zusammenarbeit mit der European Cultural Foundation. Es hat sich bereits vor Jahren in Ungarn, in Polen oder Italien gezeigt, was passiert, wenn illiberale Kräfte Räume, Förderung und Unterstützung von Kulturinstitutionen enger machen oder beschneiden. LOKAL zielt deshalb bewusst darauf, europaweit Erfahrungen zu teilen, wie man diesen Tendenzen mit wirkungsvollen Strategien begegnen kann.

Dies geschieht in Tandem-Partnerschaften und Hospitationen zwischen einzelnen Initiativen sowie bei jährlichen europäischen Austauschtreffen. Das erste fand im April 2026 im polnischen Świdnica statt: Rund 120 Akteure, NGOs und Kulturschaffende, überwiegend aus Orten unter 100.000 Einwohnern, kamen zusammen, diskutierten, arbeiteten. Neben ukrainischen, polnischen und slowakischen Teilnehmenden waren auch das LAMPA Conversation Festival in Lettland und das Festival der Regionen in Österreich vertreten. Beide arbeiten mit innovativen künstlerischen Ansätzen, um Menschen abseits der Metropolen miteinander ins Gespräch zu bringen. Unser Wunsch ist es, dass aus diesen Verbindungen ein langfristiges, sich gegenseitig stärkendes europäisches LOKAL-Netzwerk wachsen kann.

Schließen Sie jetzt noch einmal die Augen: Hoffentlich sehen Sie nun das Potenzial, das in ganz Europa in kleineren Städten und Gemeinden schlummert und die Menschen, die es jeden Tag mit großem Einsatz zum Leben erwecken.

 

Weitere Informationen unter: kulturstiftung-des-bundes.de/lokal

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 5-6/2026