Als die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages ihre Ergebnisse zur Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse präsentiert, werden auch auf Landes- und kommunaler Ebene nach und nach Voraussetzungen geschaffen, die es möglich machen, den öffentlichen Kulturauftrag für die ländlichen Räume neu zu fassen. Im Landkreis Oder-Spree wird seinerzeit das Kultur- und Sportamt aus dem Schulverwaltungsamt herausgelöst, auf eigene Beine gestellt und mit der Leitung der kreiseigenen Kultureinrichtung Burg Beeskow zusammengelegt.

Ausgehend von einem bewusst breit gefassten Kulturbegriff entsteht innerhalb kürzester Zeit unter dem Titel »Leitlinien zur Entwicklung der Kulturlandschaft Oder-Spree« ein kulturpolitisches Strategiepapier, das für die konzeptionelle Ausrichtung der Kulturarbeit zwischen Erkner und Eisenhüttenstadt bis heute ausschlaggebend ist.

»Kulturelles Handeln ist sowohl Ausdruck von übergeordneter politischer Willensbildung als auch von kooperativ organisierter Gestaltung von Lebensräumen vor Ort« und »Das kritische Potenzial der Provinz liegt vor allem darin, Kultur nicht als Versorgung, sondern als gesellschaftliche Aktivität zu denken« heißt es darin, denn: »Anders als in der Stadt kann man sich hier nicht darauf verlassen, dass der Staat Kultur organisiert.«

Zwischen Stand- und Spielbein changierend tritt das Kulturamt fortan im engen Schulterschluss mit der Burg Beeskow als eine Art Agentur und aktiver Player in Fragen der Kultur- und Regionalentwicklung auf. Auf einer Initialzündung seitens Studierender der Weißensee Kunsthochschule Berlin folgt die Neukonzeption des in der Kreisstadt beheimateten Museums Oder-Spree, das dafür den Initiativpreis der Ostdeutschen Sparkassenstiftung »Aus den Depots zu den Menschen« erhält; aus dem angestammten Kreiskalender wird ein zentraler Impulsgeber für die Sichtbarkeit der Fragen von Daseinsfürsorge und Engagement im ländlichen Raum, das Kursbuch Oder-Spree.

Entlang wechselnder Jahresthemen werden hier Menschen in ihrem Alltag und mit ihrem jeweiligen Expertenwissen vorgestellt – ein Perspektivwechsel, der die weitere Herangehensweise maßgeblich bestimmt: Viele Projekte und Vorhaben fokussieren auf das dörfliche Leben zwischen Feuerwehr, Sport- und Heimatverein und werden vom Dorf aus gedacht und mitentwickelt. Möglich werden derartig kleinteilige Kulturformate im Rahmen des mehrjährigen Landesförderprogramms »Kulturelle Ankerpunkte in ländlichen Räumen«.

Lancierend untersucht die Weißensee Kunsthochschule Berlin im Rahmen des Bundesförderprogramms »Faktor K« das Engagement von Studierenden und Absolventen in Ostbrandenburg, während das Institut für Stadtplanung der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg integrierte Kunst- und Kulturpraxen im Kontext von Regionalentwicklung vor Ort beforscht und im Ergebnis ein »Glossar der Gelingensbedingungen von zeitgenössischer Kultur in ländlichen Räumen« von A wie Akteur bis Z wie Zukunft herausgibt.

Highlight der bisherigen Entwicklungsarbeit ist die Erprobung kollektiven Bauens als gemeinschaftsstiftendes Format der Dorfentwicklung. Im Zusammenspiel mit freischaffenden Architekten werden hier zunächst »Dorf.Fragen« gestellt, was zugleich Titel des auf fünf Jahre angelegten Modellvorhabens ist. Nach umfassender Sichtung ungenutzter Potenziale und bisher unerfüllter Wünsche, die das soziale Leben auf dem Dorf kulturell aufwerten, wird ein Gebäude bzw. Außenbereich baulich für eine niedrigschwellige neue Nutzung erschlossen und nach guter alter Manier, wobei alle mithelfen, von Handwerkerinnen und Handwerkern bis zu Schulkindern und deren Eltern mithelfen, baulich aufgewertet.

Deutlich wird hier, dass Regionalentwicklung mittels Kunst und Kultur sich nicht beschränkt auf die ausschließliche Förderung rein investiver Maßnahmen, sondern diese verknüpft mit einer Aktivierung sozialräumlicher Entwicklungsprozesse und mit einem ehrenamtlichen Engagement vor Ort. Spätestens jetzt wird deutlich, dass eine engagierte Kulturarbeit in ländlichen Räumen immer auch von der Verzahnung unterschiedlicher Programme und Programmatiken lebt und in Zeiten knapper Kassen mehr denn je darauf angewiesen ist. »Demokratie Leben!« und »LEADER« sind entscheidende lancierende Förderformate und Netzwerke, ohne die es um die Kulturarbeit im ländlichen Raum schlecht bestellt wäre.

Entscheidend sind allem voran engagierte Netzwerke und Strukturen vor Ort, die wiederum auf engagierte Partner in Politik und Verwaltung zählen können. Und genau hier wird das Eis mittlerweile auch in Oder-Spree extrem dünn. Politischer Druck von rechts außen und eine in Antwort darauf technokratisch ausgerichtete Verwaltungspraxis verbauen der Kultur an empfindlicher Stelle den nötigen Weitblick, rauben ihr die ureigenste Fantasie und wecken in ihr eine natürliche Widerspenstigkeit. Die diesjährige zivilgesellschaftliche Kulturkonferenz Oder-Spree wird sich derartig strategischen Fragen widmen und nach möglichen Auswegen Ausschau halten.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 5-6/2026