Eine Familie wacht nach einer durchtanzten Nacht zu ihrem großen Erstaunen im Jahr 2125, und zudem noch in einer Gefriertruhe auf. Draußen eine bis zur Unkenntlichkeit veränderte Welt: Das Dorf ist spurlos verschwunden. Das Tanzen, das gestern noch Spaß gemacht hat, ist fad geworden. »Ehrsberg ist überall«, heißt das Theaterstück, das im September 2025 uraufgeführt wurde. Das Dorf sitzt dabei in der ersten Reihe, und es spielt selbst auch in der ersten Reihe mit. Rund ein Jahr dauerte es vom ersten Treffen bis zur Premiere. Am Ende wirken über 40 Menschen mit, nicht nur auf der Bühne. Dabei sein geht auch beim Nähen der Kostüme oder beim Verkauf der selbstgebackenen Kuchen.
Menschen wieder zusammen zu bringen, das ist ein großes Thema in vielen ländlichen Gegenden. Im Alltag begegnet man sich kaum noch. Einige Dorfnachbarn reden gar nicht mehr miteinander. Ehrsberg hat 810 Einwohner. Krise, Fake News, Zukunftsangst – das sind nicht nur hier Themen, die den Menschen Sorge bereiten. Und doch zeigt dieser sonnige Premieren-Tag im September, was kostbar ist an dieser Gemeinde: z. B. der Verein oder die Mitfahrbank am Dorfrand. Vor allem jedoch die Menschen selbst. Als Gemeinschaft ziehen 300 Personen mit Klapphockern unterm Arm von Station zu Station und erleben sich beim Schauspiel selbst: ihre Stärken, ihre Konflikte, ihr Vermissen und ihre Potenziale. Drei Kilometer, sieben Spielorte, 300 Menschen auf den Wegen.
Miteinander entsteht nicht automatisch, aber es wird möglich durch Begegnung und durch gemeinsames Tun, ganz konkret, in der analogen Welt. Und kaum etwas schafft Begegnungen so verlässlich wie Kultur. Das Beispiel zeigt: Wenn Kultur auf dem Land stattfindet, in einem Dorf, dann sind zwei Dinge zentral. Erstens: Es geht nicht hauptsächlich um die fertige Veranstaltung, sondern um den Weg dorthin, wenn Menschen zusammen proben und singen oder die Tribüne für das Theaterstück bauen. Zweitens: Es geht nicht ohne Engagement – und Engagement braucht Verlässlichkeit und Unterstützung. Es gibt auf dem Land viele Ideen, und Menschen, die sie umsetzen wollen. Aber das passiert nicht im luftleeren Raum.
Hier setzt »Aller.Land« an: Das Programm fördert langfristige kulturelle Gemeinschaftsprojekte in 30 Landkreisen. Gleichzeitig geht es über die Förderung einzelner Projekte hinaus. Dabei werden die Landkreise unterstützt, ihre Strukturen so stark zu machen, dass langfristig mehr Ansprechpartner und mehr Mittel zur Verfügung stehen, um die Engagierten zu unterstützen und Gemeinschaftsprojekte zu ermöglichen.
Hört man in die ländlichen Räume, oder schaut man in die Forschung zum Faktor Kultur auf dem Land, dann wiederholen sich die Forderungen, was es bräuchte: mehr Zusammenarbeit über Zuständigkeitsbereiche hinweg, eine Ermöglichungskultur in den Verwaltungen, gemeinsame Vorhaben und Visionen von Kommunen und Zivilgesellschaft, eine Entlastung ehrenamtlicher Arbeit von Bürokratie und, ganz wichtig, längerfristige Perspektiven der Unterstützung und Förderung. All das ist bekannt. Wichtig ist dabei zu verstehen: nicht eine einzelne Maßnahme bewirkt, dass sich die Stimmung in einer Region verändert, dass mehr Aufbruchstimmung entsteht. Es ist das Zusammenspiel dieser Maßnahmen. Anders gesagt: Es braucht eine Unterstützungslandschaft.
»Aller.Land« fördert diese Unterstützungslandschaften in fast jedem zehnten Landkreis in Deutschland. Mit langfristiger Perspektive: Das Programm bietet sechs Jahre Zeit bis 2030. Mit bereichsübergreifender Zusammenarbeit: »Aller.Land« profitiert von Erfahrungen in der Förderung kultureller Projektarbeit in ländlichen Räumen der letzten zehn Jahre. Dafür sind im Bund drei Ministerien – der Beauftragte des Bundes für Kultur und Medien, das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, das Bundesministerium des Innern – sowie die Bundeszentrale für politische Bildung ein Bündnis eingegangen. In den 13 Flächenländern arbeiten immer zwei Ministerien zusammen, Kultur und Landwirtschaft. Die Zusammenarbeit findet auch zwischen den Kommunen und Zivilgesellschaft statt: In den Regionen sind Landkreise wichtige Partner in einem Netzwerk mit Initiativen, Vereinen, Institutionen. Viele dieser Partnerschaften sind neu. Sie verdeutlichen, wie viele Menschen deutschlandweit dahinterstehen.
Alle geförderten Regionen kümmern sich um vier zentrale Themen. Wie in Ehrsberg geht es darum, neuen Gemeinschaftssinn in Dörfern zu wecken – wenn Dorfverein oder Kirchengemeinde immer weniger tragen und niemand mehr das Dorffest organisiert. Andere fragen, was junge Menschen brauchen, um sich in ihrem Lebensumfeld wohlzufühlen, sich einzubringen und nach der Ausbildung zurückzukehren. Nicht wenigen »Aller.Land«-Regionen geht es darum, wieder mehr Begegnungen im Alltag zu schaffen, wo Pendeln zur Arbeit oder zur Schule üblich ist und Kneipen oder Dorfläden verschwinden. Schließlich suchen einige Regionen Wege, den negativen Erzählungen entgegenzuwirken und mehr Sichtbarkeit für das zu schaffen, worauf die Menschen vor Ort stolz sind.
Die Gemeinschaftsprojekte, die aktuell zwischen Cuxhaven und Regen, Barnim und Minden-Lübbecke entstehen, fangen meist klein an, mit gemeinsamem Gärtnern oder Singen oder, wie in Ehrsberg, einem Theaterstück. Doch es bleibt nicht bei dem einmaligen Ereignis. Oft knüpfen wiederbelebte Dorfgemeinschaften daran an und entwickeln daraus etwas Regelmäßiges: Sie beleben das Dorffest wieder oder schaffen einen Begegnungsort in einem Leerstand. So entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, das weit über das einmalige Kulturprojekt hinausreicht. Die Aller.Land-Projekte zeigen in ihrer Vielfalt: Kultur ist kein weicher Faktor. Sie kann dazu beitragen, dass die Stimmung vor Ort besser und das Miteinander lebendiger wird – und im besten Fall Aufbruchstimmung entsteht. In diesem Sinne kann Ehrsberg überall sein.
Mehr dazu: Werkraum Zukunft 2026 – Strukturen des Zusammenhalts
Am 7. und 8. Oktober 2026 lädt »Aller.Land« zusammen mit der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt nach Leipzig ein. An zwei Tagen stehen hier Ideen für ein gutes Miteinander in ländlichen Regionen im Mittelpunkt und die Frage, welche Unterstützungslandschaft es hierfür braucht: werkraum-zukunft.de