Wer kennt sie nicht, diese besondere Spannung, die entsteht, kurz bevor der erste Ton erklingt, bevor das erste Wort gesprochen wird. Anspannung, Erwartung, Vorfreude auf das, was gleich beginnen wird. Manchmal auch Skepsis, ob alles so schön wird, wie angekündigt und erwartet. Wenn im Theater das Licht langsam heruntergedimmt wird, wenn im Orchester der Ton angeschlagen wird, wenn im Konzert die Künstlerinnen und Künstler auf die Bühne kommen, erst der Begrüßungsapplaus, dann verstummt das leise Getuschel, die letzten Bonbons werden gegen den Husten in den Mund gesteckt und dann geht es los: das Liveerlebnis.
Kultur live zu erleben, in »echt« ist ein besonderes Erlebnis. Keine noch so exzellent aufgezeichnete Aufnahme eines Konzertes, keine noch so raffiniert eingesetzte Kameraführung kann das Liveerlebnis ersetzen. Es geht schon los mit dem Kauf der Karten: allein, als Paar, mit Freundinnen und Freunden oder in der Gruppe. Die Vorfreude beginnt. Dann folgt die Frage, was man anzieht.
Bei der Eras-Tour des Superstars Taylor Swift war der Faktor des Outfits, wie mir berichtet wurde, besonders relevant. Jede Kleidung repräsentierte eine »Era«. Manche nähten monatelang am richtigen Kleid und bastelten zusätzlich allein oder mit anderen an den berühmten Freundschaftsbändern, die dann beim Konzert unter wildfremden Menschen getauscht wurden. Geschenke machen offenbart einen zutiefst vorhandenen Wunsch nach einem Gemeinschaftserlebnis, nach einem Geben und Nehmen, das zumindest bei Taylor Swift fast religiöse Züge annimmt.
Livekultur bedeutet aber nicht nur Superstars, auch wenn sie den größten Teil der Erlöse aus dem Kuchen »Live« abbekommen. Zur Livekultur gehören ebenso das Straßenkonzert, der Auftritt im Jazzclub, im soziokulturellen Zentrum oder in einem Konzerthaus; es zählen dazu Theateraufführungen in Staats-, Landes- oder Stadttheatern, in Privattheatern oder auch im Gemeindesaal; die Freilichtbühnen wie auch die zahlreichen Festivals sind ebenfalls Teil der Livekultur. In der Popularmusik erzählen fast alle Künstlerinnen und Künstler, selbst wenn sie jetzt Stadien füllen, davon, wie sie am Anfang ihrer Laufbahn in Jugendzentren oder Clubs spielten und der Zuspruch teilweise – freundlich ausgedrückt – verhalten war. Für die meisten Künstlerinnen und Künstler gehört die Ochsentour zur Karriere und nicht wenige arbeiten in erster Linie im regionalen Kontext – und auch hier gilt es immer wieder sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen.
In einem Livekonzert oder einer Aufführung spüren Künstlerinnen und Künstler direkt und unmittelbar, ob sie das Publikum erreichen. Im besten Fall gelingt es und diese einzigartige Magie des Liveerlebnisses entsteht, über die das Publikum noch Tage danach spricht und die als eindrückliches Ereignis im Gedächtnis bleibt.
Am Gelingen dieses besonderen Ereignisses arbeiten viele Menschen. Die Livebranche ist, wenn man den öffentlichen Theater- und Konzertbetrieb einmal beiseitelässt, hauptsächlich privatwirtschaftlich organisiert. Unternehmen investieren in Künstlerinnen und Künstler, sie gehen in das Risiko, wenn internationale Stars bekunden, in Deutschland auftreten zu wollen. Die Veranstaltungswirtschaft ist ausdifferenziert und kleinteilig. Manche Unternehmen sind spezialisiert auf die Vertretung von Künstlerinnen und Künstlern, andere auf das Ticketgeschäft, wiederum andere auf den Bühnenbau und anderes mehr. Die Veranstaltung beginnt mit den Künstlerinnen und Künstlern und endet beim Catering oder den Reinigungskräften. Kaum etwas ist ärgerlicher als lange Schlangen vor den Toiletten, die möglicherweise dazu führen, den Anfang des Konzertes zu verpassen. Dabei ist noch nicht die Rede vom sehr aufwendigen technischen Equipment, das für eine gute Show notwendig ist.
Alle Beteiligten, von denen hier nur einige exemplarisch genannt werden können, müssen an der Liveveranstaltung verdienen. Das Geschäftsmodell beruht darauf, dass am Ende des Jahres mindestens eine schwarze Null und auf lange Sicht ein Gewinn steht. Überleben können nur diejenigen, die am Ende ihren Lebensunterhalt damit bestreiten können. Gerade in der Musikbranche, in der die Einnahmen aus Aufnahmen, Tonträgern oder Streaming gering sind, sind Livekonzerte überlebensnotwendig.
Umso schwerer hat die Livebranche die Coronapandemie getroffen. Das Geschäftsmodell war nicht mehr möglich. Die Coronahilfen waren unabdingbar, um den Fortbestand der Branche zu sichern. Erst langsam hat sich die Branche von diesem tiefgreifenden Einschnitt erholt. Ein heute noch nachwirkender Kollateralschaden ist, dass Publikum und Veranstalter zunehmend auf Bewährtes setzen. Junge Künstlerinnen und Künstler haben es schwerer, sich auszuprobieren und sich zu etablieren. »Urgesteine« gehen weiter auf Tour. Das Publikum überlegt genau, welche Veranstaltung besucht wird und wofür das hart verdiente Geld ausgegeben wird. Die deutlich gestiegenen Ticketpreise führen dazu, dass vermehrt ausgewählt wird.
Die Coronapandemie bedeutete aber nicht nur einen immensen wirtschaftlichen Einschnitt, sie führte auch dazu, dass das eingangs beschriebene Liveerlebnis nicht möglich war. Der Mensch ist ein »Herdentier«. Er braucht den Austausch. Livekultur gehört zum Menschsein dazu: Sei es im rituellen Kontext oder heute quasireligiös als Liveerlebnis. Das Fehlen dieses gemeinsamen Mit-Fieberns, Mit-Erlebens, Mit-Leidens und der gemeinsamen Freude hat Spuren in der Gesellschaft hinterlassen, die bis heute nachwirken. Ich bin fest davon überzeugt, dass gerade Gemeinschaftserlebnisse wie die Livekultur bewusst oder unbewusst zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen und ungeachtet aktueller technischer Entwicklungen absolut unersetzlich sind.
Das Publikum will den Menschen auf der Bühne »schwitzen« sehen und dabei selbst unmittelbarer Teil des Geschehens sein. Der unmittelbare Kontakt der Künstlerinnen und Künstler mit dem Publikum ist die Essenz der Livekultur.
Sicherlich wird Künstliche Intelligenz im Marketing, in der Verwaltung, in der Technik und anderen Gewerken eingesetzt, ganz bestimmt aber wird sie den künstlerischen Akt nicht nur nicht ersetzen, sondern je mehr KI all unsere Lebensbereiche durchdringt, desto stärker wird das Bedürfnis nach Livekultur als Gegenbewegung steigen.
Das ist für den von KI extrem gebeutelten Kulturbereich eine wirklich gute Nachricht: Livekultur ist die Zukunft!