Probenarbeiten vor dem berühmten Kalkfelsen in Bad Segeberg. Kurz vor der Premiere der diesjährigen Karl-May-Spiele ziehen zwei Pferde vor den Bühnenbauten eines Quecksilberbergwerks eine Postkutsche im Kreis. Ein Cowboy kommt mit seinem Revolver vorbei, während die Produktionsassistentin mit dem Regisseur Einzelheiten bespricht. In luftiger Höhe spannt sich eine Hängebrücke, die während des Stücks durch einen Feuerpfeil in Flammen aufgehen wird und von der der Bösewicht in die Tiefe stürzen wird. Schon die Proben sind nicht ohne Risiko: Am Tag vorher musste der Darsteller des Sam Hawkens ausgewechselt werden, weil er sich beim Reiten verletzt hatte.

Heinrich Schafmeister tritt im Kostüm eines englischen Weltreisenden des 19. Jahrhunderts aus der Kulisse. Er, ein bekannter Theater-, Film- und Fernsehschauspieler, ist zum ersten Mal dabei.

 

Ludwig Greven: Sie haben an vielen Theatern, in Kinofilmen und TV-Serien gespielt. Nun werden Sie den Sommer über bei den Karl-May-Spielen auftreten. Wie kam es dazu?

Heinrich Schafmeister: Man hat mich gefragt. Das ist immer das Schönste, wenn man Rollen nicht anstrebt, sondern sie geschenkt bekommt. Das Beste waren immer die Sachen, mit denen ich vorher gar nicht gerechnet hatte, z. B. die Rolle in dem Film »Comedian Harmonists«, der Lieblingsband meines Vaters. So kamen sie jetzt auf mich zu, ob ich Lust hätte und mir vorstellen könnte, bei den Karl-May-Spielen mitzuspielen.

 

Wie ist man auf Sie gekommen?

Es gibt bei diesen Stücken immer die Bösen, die Guten und auch die Komischen. Das ist mein Fach. Also habe ich zugesagt.

 

Obwohl Sie als Jugendlicher Karl May nicht gelesen haben und nie bei den Spielen waren?

Die Bücher habe ich nicht geschafft, weil mir die Beschreibungen zu lang waren. Ich war kein geduldiger Leser, ich wollte Action. Aber wir haben sie gespielt. Die Filme durfte ich nicht sehen, weil ich damals zu jung war.

Haben Sie dennoch keine Sekunde gezögert, die Rolle anzunehmen?

Nein. Aber sie wollten mich erst mal kennenlernen, um zu sehen, ob es passt, ob ich in die Mannschaft passe und ob ich in meinem Alter nicht zu klapprig bin. Denn das ist hier ganz schön anstrengend und mit Risiken behaftet. Es geht rauf und runter, man muss weite Wege gehen. Reiten muss ich zum Glück nicht. Denn das kann ich nicht. Einen Komiker will man jedoch nicht auf einem Pferd sehen. Zu dem Team gehören auch Stuntleute und viele Komparsen. Das ist wie beim Theater: Wenn das nicht harmoniert, gibt es schnell Unfälle.

 

Ist das für Sie genauso ernsthaftes Schauspiel wie an einem Theater oder beim Film?

Je weniger es ernsthaft scheint, desto ernsthafter ist es. Komödien sind immer das Schwierigste zu spielen.

 

Aber ist es für Sie genauso seriös?

Das ist der ewige falsche Ansatz, den ich hasse. Wenn man nur an die Schaubühne will, weil man ins Feuilleton möchte, dann sollte man es lassen. Dann sollte man überhaupt nicht vor Leuten auftreten. Realität sind die 7.500 Zuschauer hier oder die 30, die in einem Zimmertheater sitzen. Das sind konkrete Menschen. Für die ist es gemacht, oder für die Zuschauer im Kino oder am Fernseher. Alles andere ist nur Soße drum rum. Darauf kommt es nicht an. Dünkel verträgt sich nicht mit dem Publikum. Erst recht nicht, wenn es live ist.

 

Unterscheidet es sich dennoch, ob Sie in einem Stadttheater spielen oder hier in einer großen Freilichtbühne?

Jede Bühne unterscheidet sich, jedes Medium hat seine eigenen Gesetze. Das Entscheidende jedoch ist: Man muss Demut mitbringen – ein altmodisches Wort, mit dem ich nichts anfangen konnte, als ein Lehrer in der Schauspielschule davon sprach. Aber je älter ich werde, desto mehr verstehe ich es. Die Leute kommen mit Erwartungen und spüren sofort, ob man sie als Schauspieler erfüllt oder nicht. Hier wollen sie ein Spektakel erleben. Deshalb ist es gut, mit einer gewissen Demut an die für mich neue Sache heranzugehen.

 

Sind die Probenarbeiten ähnlich wie bei einem Theater?

Die sind noch intensiver, weil es hier ein großer Rangierbahnhof ist, auch mit den Pferden und Kutschen. Wenn das nicht millimetergenau passt, fliegt nicht nur die Szene auseinander. Es ist auch gefährlich. Da fallen Leute von Brücken oder einstürzenden Gebäuden. Es wird geschossen. Das muss alles minutiös vorbereitet werden. Deshalb proben wir jeden Tag zwölf Stunden, sieben Tage die Woche. Zum Glück sind nicht immer alle dran.

 

Das Publikum ist jedoch ein ganz anderes als in einem Theater.

Hier kommen ganze Familien mit vielen Kindern. Kindern kann man nichts vormachen. Dem elitären Feuilleton-Publikum kann ich etwas vorbluffen – denen nicht. Kinder entlarven einen sofort. Ich habe sehr viel Tourneetheater gemacht. Da kommt man in die Provinz. Deutschland ist nicht nur Berlin, Hamburg, München oder Köln. Und die Leute in der Provinz sind nicht blöd. Auch sie nehmen Theater verdammt ernst. Das steht dann nicht am nächsten Tag in einer großen Zeitung. Aber die Leute sind echt und die sagen auch mal: »Das war aber schon eine ganz schöne Räuberpistole, die Sie da gespielt haben.« Die merken das genau.

 

Muss man in einem so großen Freilufttheater, wo die Zuschauer zum Teil sehr weit weg sitzen, anders, deutlicher spielen als in einem geschlossenen Raum?

Man muss den Fokus ziehen, wie man das in unserem Beruf nennt, also die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, dass die Geschichte jetzt bei mir spielt. Und noch etwas anderes: In Filmen oder Fernsehstücken steht man dicht beieinander, wenn man eine intime Szene spielt. Hier ist das komplett falsch. Hier braucht man Abstand, die große Diagonale. Das erzeugt Spannung. In einer Liebeszene würde sie hier stehen und ich da hinten. Das musste ich lernen.

 

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ich habe ein bisschen Sport gemacht. Und ich habe mir schon im Winter die Spielstätte angeschaut.

 

Haben Sie die entsprechenden Karl-May-Bände gelesen?

Nein. Die Rolle, die ich spiele, die vorher noch nie gespielt wurde, gibt es bei Karl May. Aber nicht in dem Nordamerikaroman, aus dem das Stück stammt, sondern in einem Band über den Orient. Die Figur wurde eingebaut, weil die Geschichte ansonsten sehr ernst ist und keine Komik enthält.

 

Nach so vielen Jahrzehnten, die Sie schon schauspielen: Haben Sie Lampenfieber?

Immer! Das heißt ja nicht, dass man sich in die Hose macht, sondern dass Adrenalin ausgeschüttet wird. Andere nennen das Ausstrahlung. Ohne das geht es nicht. Sonst ist es nicht gut.

 

Macht das Spielen hier Appetit auf mehr? Würden Sie es noch mal machen?

Das fragen Sie mich besser, wenn ich die 72 Aufführungen hinter mir habe.

 

Vielen Dank.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 7-8/2026