Ein Konzertticket für 6.031 Euro. Keine Warnung, kein Hinweis auf möglichen Betrug, nur das Versprechen: »Freie Sicht«, »keine zusätzlichen Gebühren«. Genau darin liegt das Problem des Ticketzweitmarkts: Die Absurdität, die Abzocke tritt offen zutage und bleibt doch erstaunlich folgenlos. Und das, obwohl die Missstände längst öffentlich verhandelt werden. Ausgelöst wurde die Debatte durch den offenen Brief von Pro Musik und dem Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) an die Bundesregierung. Die Toten Hosen haben in den Tagesthemen das Problem der Abzocke beim Weiterverkauf von Tickets auf den Punkt gebracht. Fans stimmen in den sozialen Medien zu Hunderttausenden für mehr Schutz für Verbraucherinnen und Verbraucher. Die Empörung ist da, die Unterstützung auch. Was noch fehlt, ist wirksame Regulierung.

Fans der Band AnnenMayKantereit finden genau das Ticket für 6.031 Euro, das ich im Rahmen meiner Recherche gefunden habe. Ich habe »AnnenMayKantereit Tickets« im Browser eingegeben, worauf mir als Erstes viagogo.de angezeigt wurde, noch vor dem offiziellen Ticketshop der Band. Für Verbraucherinnen und Verbraucher ist kaum erkennbar, dass es sich um einen Ticketzweitmarkt handelt. Die Seite vermittelt vielmehr den Eindruck eines offiziellen Angebots: mit Bandfoto, Kurzbiografie, Social-Media-Links und allen Tourterminen. Erst ein kleiner Hinweis erklärt, dass es sich um »einen Marktplatz für den Kauf und Wiederverkauf von Tickets« handelt. Fans werden so leicht in die Irre geführt und glauben, direkt bei ihren Idolen oder autorisierten Anbietern zu kaufen. Gleichzeitig besteht keine Sicherheit, dass sie mit den oft massiv überteuerten Tickets tatsächlich Zutritt zur Veranstaltung erhalten. Im konkreten Fall wäre ich vermutlich umsonst zur Festhalle Frankfurt gefahren.

Wie kann das sein? Bots kaufen in Sekundenschnelle Ticketkontingente auf und verschaffen gewerblichen Resellern einen systematischen Vorteil. Die Tickets landen anschließend auf Zweitmarktplattformen wie Viagogo, oft zu drastisch überhöhten Preisen und mit erheblichen Risiken für Käuferinnen und Käufer. Keine Frage: Private Weiterverkäufe von Tickets müssen möglich bleiben. Wer verhindert ist, soll ein Ticket weitergeben können. Kein legitimes Geschäftsmodell ist es jedoch, wenn professionelle Anbieter sich mit technischen Mitteln Vorteile verschaffen, Fans aus Warteschlangen verdrängen und daraus Profit schlagen. Und das Geld landet nicht in der Kultur- und Kreativwirtschaft, bei den Veranstalterinnen und Veranstaltern, Acts oder Crews, sondern bei dubiosen Händlern, die sich auf Kosten der Fans bereichern.

Nötig sind daher klare Regeln: Es braucht ein Verbot von Bots und Leerverkäufen, Kontrolle für Veranstalter über den Weiterverkauf ihrer Tickets, Preisgrenzen im Zweitmarkt und wirksame Meldemöglichkeiten bei Missbrauch. Politik muss den Rahmen setzen und die Plattformen in die Pflicht nehmen.

Die Unterzeichnenden des offenen Briefes haben keine Geduld mehr. Der aktuelle Ticketzweitmarkt beschädigt die Beziehung der Künstlerinnen und Künstler zu den Fans. Nicht selten herrscht der Irrglaube vor, die Acts selbst würden die absurden Preise aufrufen. Ja, auch auf dem Erstmarkt sind Ticketpreise aufgrund des Kostendrucks deutlich gestiegen. Und es gibt Gebührenintransparenzen, genauso wie eine vertikale Marktkonzentration des marktbeherrschenden Ticketunternehmens in Deutschland. Diese Entwicklung sehen auch wir kritisch. Der Ticketzweitmarkt stellt jedoch eine eigene Problemlage dar: Hier erzielen oftmals intransparente Akteure Gewinne, ohne einen Mehrwert für Künstlerinnen und Künstler, Publikum, Veranstalterinnen und Veranstalter, Crews oder Spielstätten zu schaffen. Das Abschöpfen auf Kosten der Fans darf nicht länger hingenommen werden. Generell gilt: Hohe Ticketpreise führen dazu, dass es eine Konzentration auf wenige große Künstlerinnen und Künstler gibt. Das Geld für ein kleines Konzert einer Newcomerin ist dann nicht mehr im Geldbeutel. Der Nachwuchs und auch die kulturelle Infrastruktur, wie kleine und mittelgroße Spielstätten, sind gefährdet. Das muss gestoppt werden, wenn wir nicht alle nur noch vor Residencies der Adeles, Harry Styles und Taylors Swifts dieser Branche stehen wollen.

Hilmar Hoffmanns Leitbild »Kultur für alle« kann hier als Maßstab dienen: Wenn Konzerterlebnisse für Menschen aus unterschiedlichen Milieus erreichbar bleiben sollen, braucht es einen wirksamen Riegel gegen das Geschäftsmodell des Ticketzweitmarkts. Es ist daher mehr als zu begrüßen, dass Justizministerin Stefanie Hubig und ihr Haus sich bei uns gemeldet haben und bereits an Lösungen arbeiten. Auch vom Kulturstaatsminister kommen unterstützende Signale. Danke dafür und danke an alle Acts, Verbände und Unternehmen der Branche, die den Brief mitgezeichnet haben. Das zeigt: Durch das Erheben der Stimme kann etwas bewegt werden. Pro Musik bleibt dran und vertritt weiter eure Interessen, bis zur Regulierung.

Ich schaue nochmal auf die Viagogo-Seite und sehe, dass die 6.031 Euro für zwei Tickets sind. Okay, fair. Aber auch 3.015 Euro verändern nichts an der Kernbotschaft meiner kurzen Einbringung hier. Ich wähle also nur ein Ticket aus und es ändert sich … nichts. Wieder 6.031 Euro. Ich suche noch nach einem Button auf der Seite, mit dem ich melden kann, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Vergeblich.

Schön, wenn dieses Problem in Zukunft gelöst ist. Bis dahin gilt für alle Livemusik-Fans: Nur auf offiziellen Seiten kaufen, lieber doppelt prüfen und keine erhöhten Ticketpreise bezahlen.

Ich kaufe schnell noch Tickets für Die Verlierer und Ben Folds über ihre eigenen Homepages, klappe den Laptop zu und freue mich darauf, eine gute Vinylplatte aufzulegen. Machen Sie das doch auch mal wieder. Viel Spaß.

Mario Graute ist Co-Geschäftsführer von Pro Musik, dem Verband für freie Musikschaffende

 

Offener Brief

Den offenen Brief »Gegen Wucher und Betrug: Tickets dürfen keine Spekulationsobjekte sein. Regulierung des Ticketzweitmarkts – jetzt handeln« von Pro Musik und dem BDKV finden Sie hier: tinyurl.com/ticketmarkt

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 7-8/2026