Vor Kurzem war ich endlich wieder einmal in Berlins schönstem Konzertsaal. Im Pierre Boulez Saal hinter der Linden-Oper spielte die Geigerin Isabelle Faust mit dem Cembalisten Kristian Bezuidenhout Sonaten aus der Barockzeit. Es ist ein intimer Ort.
In einer Ellipse saßen wir um das Duo herum. Wir sahen, wie ihre Finger sich bewegten und die Saiten und Tasten zum Leben brachten. Die Konzentration der beiden teilte sich uns sofort mit, unmerklich ahmten wir ihre Mimik nach. Die Sonaten klangen für mich sehr ähnlich, was kein Schaden war, denn so ergab sich ein intensiver Fluss von Beginn bis Ende, in den ich zuhörend eintauchen konnte. So trug die Klangströmung mich fort, in einer ruhigen, dennoch vitalen Bewegung. Was mich am Tag angestrengt, aufgeregt und zermürbt hatte, fiel von mir ab. Es war, als würde ich zur Besinnung kommen. Die ganze Stimmung im Raum war: andächtig.
Es ist eine alte Streitfrage, was religiöse und nicht religiöse Musik voneinander unterscheidet und wohin die eine beziehungsweise die andere gehört. Soll man sie säuberlich trennen: die sakrale Musik in die Kirche, die säkulare Tonkunst in den Konzertsaal? Das ist eine müßige Debatte, denn die Grenzen haben sich längst aufgelöst, die Übergänge sind fließend – und zwar seit dem 18. Jahrhundert. Was nicht heißt, dass die Überblendungen von religiöser oder säkularer Musik nicht weiterhin für mancherlei Überraschungen gut sind. Aber warum sind beide Musikformen einander immer noch so nah? Es dürfte an der Intensität des lebendigen Musikerlebens liegen, an der direkten, körperlich-emotionalen Begegnung. Hinzu kommt das Gemeinschaftliche eines Livekonzerts. Man ist ganz bei sich und zugleich aufgehoben in einem größeren Ganzen. Und schließlich sind viele Konzerte rituell strukturiert; manchmal sogar auf eine Weise, die ziemlich christlich ist, ohne es so zu benennen, aber auch ohne sich dafür zu schämen.
So erzählte mir ein Freund kürzlich voller Begeisterung, wie sie zum Schluss eines großen Open-Air-Konzerts mit Herbert Grönemeyer den alten Abendchoral »Der Mond ist aufgegangen« von Matthias Claudius gesungen hätten.
Ein anderes Konzerterlebnis, vor eineinhalb Jahren: Wenige Tage zuvor hatte ich erfahren, dass eine Freundin gestorben war. Lange hatte ich mit ihrem Mann, einem meiner ältesten Freunde, gesprochen. Aber gleich darauf musste ich wieder arbeiten, vieles sollte schnell erledigt werden. Dann kam der Abend, wir gingen in die Genezareth-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg, um Bachs Weihnachtsoratorium zu hören. Als der erste Ton erklang, kamen mir plötzlich die Tränen. Ich war verblüfft, konnte aber nichts dagegen tun. Lag es am Kirchraum, an der weihnachtlichen Musik oder einfach daran, dass ich jetzt nichts tun musste, auf mich selbst zurückgeworfen war und diese Töne mich trafen? Ich weiß es nicht, es ist auch nicht entscheidend. Es hatte sich etwas gelöst. Zunächst war es mir peinlich und ich versuchte, mich zu wehren. Dann ließ ich die Tränen mit den Tönen laufen.