Als Gründungsmitglied von AnnenMayKantereit spielt Christopher Annen seit 2011 live – zuerst auf der Straße und heute vor ausverkauften Arenen und Stadien. Zudem ist er Co-Vorsitzender von Pro Musik und engagiert sich für die Interessen freischaffender Musikerinnen und Musiker. Theresa Brüheim spricht mit ihm über Besonderheiten der Livemusik, das anhaltende Clubsterben, notwendige Förderfonds und die wirtschaftliche Wertschöpfung hinter jedem Konzert.
Theresa Brüheim: Was verändert sich, wenn Musik live vor Publikum gespielt wird?
Christopher Annen: Das ist für jeden unterschiedlich. Ich denke, man gibt diesen Song dem Publikum, und die Menschen singen ihn mit. Man merkt, dass sie ihn vielleicht schon zu ihrem eigenen Song gemacht haben. Das Feedback ist so direkt, wie es beim Blick auf Streamingzahlen niemals möglich wäre. Dieses gemeinsame Liveerlebnis von Musik ist etwas Besonderes: Aus den Boxen kommen Schallwellen, und man merkt, dass man dieses Konzert gerade gemeinsam spielt und genießt. Das gibt einem Song einen großen Push.
Wie prägt dieses gemeinsame Liveerlebnis mit dem Publikum die Entwicklung einer Band?
Das Live-Spielen ist für Bands extrem wichtig. Wenn man in die Gitarre haut, dieser Klang bei der Mitmusikerin oder dem Mitmusiker ankommt und sie oder er darauf reagiert – und das alles vor einem Publikum –, ist das etwas ganz Besonderes. Es bringt einen auf der Bühne auf eine besondere Art zusammen.
AnnenMayKantereit hat mit Straßenmusik und einem YouTube-Kanal begonnen, später folgten Clubtourneen, Festivalauftritte und Supportshows u. a. für die Beatsteaks und Clueso. Heute spielt die Band in ausverkauften Arenen und Stadien. Welche Rolle haben Konzerte und Tourneen für diese Entwicklung gespielt?
Für uns waren Konzerte und das Live-Spielen immer das Zentrum. Damit hat es bei uns angefangen: Wir haben uns irgendwo hingestellt und live Musik gemacht. Später haben wir das auf Clubbühnen gebracht und durften dann in Hallen spielen. Das war schon immer das, worum es uns maßgeblich ging und immer noch geht. Jetzt liegt wieder eine große Tour vor uns. Darauf freuen wir uns immer am meisten.
Ab dem 1. Juli ist AnnenMayKantereit wieder auf Tour. Gibt es beim Live-Spielen einen Moment, auf den Sie sich besonders freuen?
Wir haben bisher immer ein oder zwei neue Songs mit auf Tour genommen. Ich finde es schön, etwas Neues zu präsentieren und nicht nur die alten Songs zu spielen. Bei einem neuen Song ist man selbst deutlich wackliger als bei einem Lied, das man schon 600-mal auf einer Bühne gespielt hat – und man ist im besten Fall auf eine positive Art aufgeregt.
Dann schaut man: Wie kommt dieser Song an? Darauf bin ich sehr gespannt. Und natürlich ist da immer dieser Moment, wenn ich den allerersten Ton auf der Gitarre spiele, Severin an den Drums einsetzt oder Henning ins Mikrofon singt. Dann weiß man: Jetzt ist es losgegangen.
Sie sind auch Co-Vorsitzender von Pro Musik, einem Verband, der sich für die Interessen freischaffender Musikerinnen und Musiker gegenüber Politik, Auftraggebern und der Musikindustrie einsetzt. Wenn wir den Blick von AnnenMayKantereit als sehr bekannter und erfolgreicher Band lösen und weiter in die Branche blicken, welche Bedeutung hat das Live-Geschäft für Musikerinnen und Musiker, die jenseits großer Arenen und Festivals spielen?
In der Musik gibt es sehr unterschiedliche Biografien und Schwerpunkte. Für ausübende Künstlerinnen und Künstler, die auf einer Bühne stehen, ist das Livegeschäft aber in der Regel eines der zentralen Einkommensfelder. Dabei ist es egal, ob man in großen Hallen oder kleinen Clubs spielt: Konzerte generieren für viele einen großen Teil des Einkommens. Zugleich ist das Auf-der-Bühne-Stehen vor Publikum für viele der Grund, warum sie diesen Beruf ausüben. Diese Momente sind eine große Motivation für Musikschaffende.
Vor welchen Herausforderungen steht die Branche aktuell?
Speziell im Livebereich hat es in den vergangenen Jahren hohe Kostensteigerungen gegeben. Zugleich befinden wir uns in einer sogenannten Superstar-Ökonomie. Ein sehr großer Marktanteil liegt bei wenigen sehr bekannten Künstlerinnen und Künstlern. Sie können auf dem Erstmarkt sehr hohe Preise aufrufen. Dadurch bleibt im Geldbeutel des Publikums weniger für kleinere und mittlere Acts oder Newcomer.
Diese Marktkonzentration ist ein großes Problem. Sie betrifft sowohl die Künstlerinnen und Künstler als auch andere Akteure im Livegeschäft und tut der Vielfalt nicht gut.
Ein weiteres sehr großes Problem ist, dass die Clubs unter enormem Druck stehen. Wir müssen unsere Clubs und die gesamte Infrastruktur schützen. Das sind die Orte, an denen die Karrieren von Musikschaffenden beginnen. Auch wir haben in Clubs angefangen. Ich kenne fast keinen Artist, der nicht zunächst vor einigen Hundert oder auch nur einigen Dutzend Menschen gespielt hat.
Diese Spielstätten brauchen wir für einen nachhaltigen Aufbau von Künstlerkarrieren. Wenn sie erst einmal ihre Türen schließen, ist es oft sehr schwer, sie zurückzubekommen. Deshalb ist mein dringender Appell, alles dafür zu tun, diese Orte zu erhalten.
Was braucht es darüber hinaus noch, damit Konzerte auch künftig ein lebendiger und zugänglicher Teil der Musiklandschaft bleiben?
Ein Club- und Festivalförderfonds sowie die Förderung über die Initiative Musik sind sehr wichtig. Auch wir wurden damals finanziell unterstützt. Solche Förderinstitutionen müssen stärker ausgebaut werden. Außerdem braucht es immer wieder neue Menschen, die sich dafür entscheiden, Musik auf einer Bühne zu machen. Es kann ein unfassbar schöner Beruf sein. Ich würde mir wünschen, dass viele diesen Weg einschlagen.
Musikschaffende leisten nicht nur eine sehr wichtige kulturelle Arbeit. Die gesamte Ökonomie, die daran hängt, ist ein riesiger Wirtschaftszweig, der oft unterschätzt wird: Menschen kommen für ein Konzert in eine Stadt und geben dort Geld aus. Dazu gehören auch die gesamte Crew, die das Konzert ermöglicht, die Fahrzeuge und viele weitere Bereiche. Davon hängen sehr viele Arbeitsplätze ab, und es entsteht eine große wirtschaftliche Wertschöpfung. Ich würde mir wünschen, dass das nicht immer nur unter dem kulturellen Aspekt gesehen wird, nach dem Motto: Es ist schön, dass wir Kultur haben. Musik ist aber nicht nur ein weicher Standortfaktor, sondern ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für Länder und Städte. Das sollte stärker gesehen werden.
In diesem Zusammenhang kann ich das Buch »This Must Be the Place: How Music Can Make Your City Better« von Shain Shapiro empfehlen. Shapiro zeigt und ordnet ein, wie viel jeder investierte Euro tatsächlich für die lokale Wirtschaft bringen kann.
Vielen Dank.