Mit verschiedenen Ensembles tourt die Sängerin Gabriele Maurer durch Deutschland und das europäische Ausland. Ihr musikalischer Stil bewegt sich zwischen urbanem Jazz, modernem Hip-Hop und Groove. Sandra Winzer spricht mit ihr über das immer wieder besondere Erlebnis des Liveauftritts.

 

Sandra Winzer: Frau Maurer, wir steigen direkt in die Livekultur ein: Was passiert in den ersten Sekunden – also in jenem Moment, in dem Sie die Bühne betreten?

Gabriele Maurer: Ich bin ganz fokussiert und spüre das Adrenalin. Für mich ist das immer wieder ein leicht berauschender Zustand. Plötzlich bleibt kein Raum mehr, sich um alltägliche Dinge Gedanken zu machen. Als moderne Menschen werden wir tagtäglich mit Informationen überflutet. Gerade als Independent-Künstlerin bewege ich mich gedanklich auf vielen Ebenen gleichzeitig: Ist der Online-Post fertig geworden? Habe ich die E-Mail für das Booking beantwortet? Steht der Kochtopf noch auf dem Herd? Sobald ich auf der Bühne stehe, ist all das wie weggeblasen.

 

Haben Sie Rituale vor dem ersten Ton?

Das hängt stark von der jeweiligen Produktion ab. Zuletzt war ich mit Philipp Poisel auf der »Freunde-Tour« und durfte den Tourauftakt spielen. Dort habe ich in meiner Rolle als Saxophonistin viel improvisiert. Ich wartete hinter der Bühne und spielte bereits, während ich auf die Bühne ging. Mein Ritual hier ist, dass ich mich schon vor dem Auftritt »in Stimmung« bringe. Ich singe Liedtexte mit und fühle mich ein – um energetisch richtig einzusteigen.

Mit der Stonedeafproduction (SDP) werde ich im Sommer als Background-Sängerin auf Tour sein. Diese Produktion ist stärker durchgetaktet. Das muss sie auch sein, da u. a. mit Pyrotechnik gearbeitet wird; die Abläufe sind sehr gut abgesprochen. Hier ist die energetische Anpassung weniger wichtig als das innere »Durchgehen« der Abläufe vorab und die Frage: Was passiert als Nächstes? Hier sammele ich mich bereits eine Stunde vor Show-Beginn: Ich meditiere, gehe alles noch einmal durch in der Ruhe vor dem Sturm. Ich sammele Kraft, weil ich danach zwei Stunden am Stück rumspringen und gleichzeitig singen werde.

 

Atmosphäre kann viel Zauber haben. Was verändert sich, wenn Musik live vor Publikum gespielt wird? Und was »brauchen« Sie vom Publikum für einen guten Abend?

Im Grunde verändert sich alles. Musik ist in Schwingungen versetzte Luft. Schon vor Urzeiten stellten unsere Vorfahren fest, dass Musik Effekte auf unseren Körper hat. Der Mensch konnte Laute bereits interpretieren, bevor er überhaupt sprechen konnte. Musik ist für uns Menschen etwas sehr Elementares. Die Konnektivität und das gemeinschaftliche Erleben sind essenziell. Ich kann zwar allein im luftleeren Raum singen – ohne Rezipientinnen und Rezipienten ist das aber nicht die gleiche Erfahrung.

Viele Menschen können sehr gut allein im Studio arbeiten und an einem musikalischen Produkt tüfteln. Ich persönlich brauche den Spiegel des Publikums, die »Unterhaltung«, die ich durch die Musik mit den Menschen führen kann. Es ist ein Energie-Austausch; eine sehr transzendente Erfahrung. Diese für einen begrenzten Zeitraum geschaffene Verbindung hat für mich etwas sehr Heiliges.

 

Woran merken Sie, dass ein Konzertabend etwas Besonderes werden könnte?

Bereits während ich die Bühne betrete, merke ich, wie offen das Publikum etwas aufnimmt. Ich habe Anfang des Jahres für mein eigenes künstlerisches Projekt in Jazz-Clubs gespielt, also vor rund 50 bis 100 Menschen. Hier erlebt man Reaktionen viel unmittelbarer als auf einem großen Konzert in einem Stadion, bei dem man die einzelne Person weniger spüren kann. Insgesamt aber hat es viel damit zu tun, mit welcher Grundeinstellung ich selbst auf die Bühne gehe. Gerade im Bereich der Jazz-Musik sehe ich oft ein sehr erfahrenes, belesenes Publikum: Menschen, die schon viel gesehen und gehört haben. Hier begegne ich einer kritischeren Haltung, als wenn ausschließlich die Fans einer Band im Publikum sind. Jazz ist eine Musikkultur, die manchmal elitär anmuten kann. Das kann dazu führen, dass manche Menschen von der Hörerfahrung ausgeschlossen werden. Gute Moderation ist hier die große Kunst.

 

Stichwort Hörerfahrung. Auf Ihrer Webseite heißt es: »Das individuelle Erleben von Musik ist das, worauf es nach der ästhetischen Komplexität, all des künstlerischen Anspruchs schlussendlich ankommt.« – Bedeutet: ob Musik gut oder schlecht ist, entscheiden die Rezipientinnen und Rezipienten?

Absolut. Es ist ein subjektives Erlebnis. Durch meine Musikausbildung bringe ich einen gewissen Anspruch an Produktionen und deren technische Voraussetzungen mit. Solche Faktoren machen die Musik aber nicht »besser« oder »schlechter«, wenn wir von Genuss sprechen. Es gibt viele weltberühmte Hits, die unbeabsichtigt falsch eingespielt wurden. Genau diese »Fehler« aber führten zu einem menschlichen Momentum in der Aufnahme und dazu, dass die jeweiligen Songs absolute Welthits wurden. Heutzutage erlebe ich, dass wir teilweise rasend schnell – auch kollektiv – eine Meinung zu etwas ausbilden. Das bedaure ich, gerade, wenn es um Kultur geht. Wir sollten es uns erlauben, auch mal zwei Tage über ein Erlebnis nachdenken zu dürfen, bevor wir darüber urteilen.

 

Gerade Jazz lebt stark von Improvisation. Wie viel Mut braucht es, sich vor Publikum auf das Unbekannte einzulassen? Gibt es Momente, in denen Sie selbst überrascht sind, von dem, was Sie gerade spielen oder singen?

Ja, ich bin oft selbst überrascht. Adrenalin ist hier wesentlich. Es bringt mich in einen Zustand, den ich nicht künstlich erzeugen kann. Selbst wenn ich mir im Studio vorstelle, dass ich vor Menschen spiele, spielen sich biochemisch nicht die gleichen Vorgänge in meinem Körper ab. Tatsächlich auf einer Bühne zu stehen, sorgt für überraschende, wunderschöne Momente. Seit mittlerweile zehn Jahren genieße ich diesen Flow-Zustand, der es mir möglich macht, musikalische – auch neue – Wege zu gehen. Dem Instinkt zu folgen hat mich immer wieder an schöne Orte gebracht. Das Vertrauen der Mit-Musikerinnen und -Musiker ist hier wesentlich – ein Raum, in dem man sich musikalisch wohlfühlt. Wir gehen aufeinander ein, begegnen einander und musizieren miteinander.

 

Erleben Sie Hürden im Musikgeschäft bei Liveauftritten?

Auch der Jazzbereich ist nicht frei von Diskriminierungsformen. Als Schwarze Frau habe ich manche Machtstrukturen auf mehreren Ebenen erlebt. Ich persönlich hatte jedoch, gerade in den letzten zwei Jahren, das Gefühl, wirklich gut gebucht zu sein und tolle Anfragen zu bekommen. Ich bin sehr dankbar für diese Entwicklung. Das hängt auch damit zusammen, dass bereits andere Frauen den Weg geebnet haben. Bei der großen deutschen Produktion SDP etwa spielte Nina Steinert als erste Instrumentalistin mit. Es braucht oft diese eine Figur, die durch ihr starkes Vorangehen vielen weiteren Frauen den Weg ebnet.

Viel einflussreicher aber erscheint mir die wirtschaftliche Lage. Kosten für Produktionen, wie Reisekosten und Hotelunterkünfte, stehen nicht mehr einfach so zur Verfügung. Was ironisch klingt, wenn man bedenkt, dass der Umsatz in der Musikindustrie jedes Jahr wächst. Jedoch wächst der Streamingsektor, nicht der Verdienst einzelner Musikerinnen und Musiker. Auch das führt zu weniger Diversität.

 

Die Anwesenheit eines Publikums verändert das musikalische Erleben für alle Beteiligten. Haben Sie es schon erlebt, dass das Publikum die Richtung eines Konzerts spürbar verändert hat?

Es kommt auf das Musik-Genre sowie die Künstlerinnen und Künstler an. Philipp Poisel etwa ändert seine Setlist an jedem Tournee-Tag; er passt sie auf sehr empathische Weise bis wenige Minuten vor Konzertbeginn an das Publikum an. Das finde ich sehr gelungen, da jeder Konzertabend individuell bleibt.

Im Jazzbereich geschieht so etwas sogar noch spontaner. Hier kommt es vor, dass ein Solo-Chorus dreimal so lang gespielt wird wie geplant, weil man merkt, dass das Publikum jubelt und die Musikerinnen und Musiker anstachelt. Hier findet ein großer Energieaustausch statt. Gerade für Menschen, die mehrere Konzerte besuchen, ist das spannend; sie erleben jedes Mal ein anderes Konzert und absolute Flexibilität durch Improvisation.

 

Was haben Sie vom Jazz gelernt, das auch außerhalb der Musik wichtig ist?

Wir dürfen uns manchmal Zeit nehmen, Dinge erst auf uns wirken zu lassen, bevor wir sie kommentieren und bewerten. Diese Flexibilität habe ich erst nach meinem Studium wirklich erlernt. Während des Studiums war ich damit beschäftigt, mich sehr schnell durch die Ellenbogenkultur der Hochschulen zu arbeiten. Erst nachdem ich diese »Blase« verlassen hatte und auf Musikerinnen und Musiker traf, die Livemusik schon seit Jahrzehnten lebten, lernte ich, dass es zu allem mehrere Ideen und Lösungsansätze gibt. Es gibt nicht den einen Interpretationsweg eines Akkords, sondern genauso viele Wege, wie ich mir selbst erlaube. Die Offenheit bestimmt die Anzahl der Wege. Das hilft mir auch als politische Vertreterin im alltäglichen Leben. Nichts ist ausweglos, solange wir gewillt bleiben, die Ohren zu spitzen und auf Zwischentöne zu achten.

 

Als stellvertretende Vorsitzende engagieren Sie sich im Vorstand der Deutschen Jazzunion. Was ist Ihnen hierbei besonders wichtig?

Die Lobbyarbeit für Jazz und improvisierte Musik. Der Einsatz für kulturelle Bildung und Praxis ist immer auch ein demokratischer Akt. Jemand, der etwa Jazz studiert hat und nun in einem Dorf mit Jugendlichen arbeitet, legt die Grundsteine für kulturelles Erleben, Vielseitigkeit, Reflexion und Selbstwirksamkeit – das sind wesentliche, demokratiestärkende Fertigkeiten und Stärken. Das Drängen nach Progressivität und einem sozialen, respektvollen Miteinander kann man durch die »Jazz-Welt« durchaus erleben.

 

Wenn morgen jemand zum ersten Mal ein Konzert von Ihnen besucht – was, hoffen Sie, passiert mit diesem Menschen in der gemeinsam verbrachten Zeit?

Das ist eine schöne Frage. Ich hoffe, dass die Person sich ein Stück selbst näher kennenlernt. Die Ideen meiner Musik haben viel mit Selbstreflexion zu tun. Ich wünsche mir, dass die Person sich umarmt fühlt und sich sagen kann: »Ja, ich bin gut genug.« Ich lade dazu ein, auch die unsicheren gedanklichen Orte mit mehr Selbstliebe zu betreten. Ich möchte Menschen dazu inspirieren, sich selbst näherzukommen. Wenn Menschen mir sagen, dass sie berührt wurden, bedeutet mir das viel. Denkt eine Person nach meinem Konzert noch über das Erlebte nach – dann habe ich meinen Job richtig gemacht.

 

Gibt es eine Reaktion, die Sie noch mehr berührt als Applaus?

Der Moment, wenn ich eine Beseeltheit bei den Menschen wahrnehmen kann: Präsenz. Wenn ich spüre: diese Person ist gerade genau mit mir hier – in diesem Moment.

 

Vielen Dank.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 7-8/2026