»Das Haus an der Bautzener Straße in Dresden war für mich von Anbeginn an ein magischer Ort. Als ich dort als junge Tänzerin erste Choreografien kreierte, wusste ich wenig von der Vergangenheit dieses Ortes. Für mich war die Kleine Szene, wie die Villa mit dem Saalanbau für Proben- und Aufführungsräume damals offiziell hieß, vor allem ein Freiraum, der mich meinen Weg als Tanzkünstlerin finden ließ.«  

Katja Erfurth – Tänzerin und Choreografin aus Dresden 

 

Als die UNESCO die Praxis des Modernen Tanzes in Deutschland in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufnahm, wurde damit eine Ausdrucksform gewürdigt, die den Tanz von Grund auf verändert hat. Die Geschichte des Tanzes ist jedoch nicht erst mit der Entwicklung der Tanzmoderne in den 1920er Jahren ein wichtiger Ankerpunkt des kulturellen Lebens. Vielfältig und divers ist das tänzerische Schaffen in Deutschland bis heute, es bezieht sich dabei immer wieder auch auf seine historischen Wurzeln. Dabei gerät auch die grundlegende Flüchtigkeit der Tanzkunst in den Fokus. 

»Flüchtige Schatten, befreit von der Schwere des Leibes« – bereits Friedrich Schiller thematisierte 1796 in dem Gedicht »Der Tanz« das ewig Flüchtige des Tanzes. Was bleibt vom Tanz, wenn der Vorhang sich geschlossen hat? Kann man Tanz überhaupt archivieren?  

Ein Blick auf die Archiv- und Museumslandschaft scheint alle Zweifel zu zerstreuen: Neben den der Tanzkunst gewidmeten Spezialarchiven und -sammlungen finden sich in kommunalen oder staatlichen Archiven, Bibliotheken, Museen sowie in privaten Sammlungen Dokumente und Materialien zu Geschichte und Gegenwart der Tanzkunst. Bewegungsnotationen, fotografische und filmische Dokumentationen, choreografische Notizbücher und vieles mehr – Vielfalt und Vielzahl der Quellen vermitteln ein relativ dichtes, faszinierendes Bild der Tanzkunst. 

 

»Jahre später hat mir mein Großvater ein Buch über Leben und Werk von Mary Wigman geschenkt. Verfasserin war die Tanzhistorikerin Hedwig Müller, die für dieses für mich wegweisende Buch in Archiven und Bibliotheken recherchiert und mit Schülerinnen der Tänzerin, Choreografin und Pädagogin gesprochen hatte. Ein Schatz, der mich die Bedeutung der ersten Tanzschule Mary Wigmans für die Entwicklung Dresdens zur Tanzstadt erkennen ließ und zugleich meine Reflexion und Auseinandersetzung über die Tanzkunst und ihre Historie befeuerte.«  

Katja Erfurth  

 

Die Arbeit von Archiven und Sammlungen ist unverzichtbar für die Bewahrung des Kulturellen Erbes Tanz. Sichern, Sammeln, Aufbereiten und Zugänglichmachung des Gedächtnisses des Tanzes für die Zukunft sind wesentliche Aufgaben, denen sich in Deutschland eine Vielzahl von Institutionen und Initiativen widmen: 

Im Verbund deutscher Tanzarchive haben sich seit 2007 Spezialarchive des Tanzes zusammengeschlossen: das Archiv Darstellende Kunst der Akademie der Künste Berlin, das Deutsche Tanzarchiv Köln, das Tanzarchiv Leipzig e. V., das Deutsche Tanzfilminstitut Bremen, die Mediathek für Tanz und Theater des Internationalen Theaterinstituts Deutschland in Berlin sowie das Archiv der Palucca Hochschule für Tanz Dresden und das Archiv des Instituts für Zeitgenössischen Tanz an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Fokussiert auf Leben und Werk von bedeutenden zeitgenössischen Choreografinnen und Choreografen arbeiten das Archiv der Pina Bausch Foundation in Wuppertal, das William Forsythe Archiv im Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe sowie das Ballett-Institut für Sammlung und Archiv John Neumeier in Hamburg. Von zunehmender Bedeutung sind Initiativen im digitalen Raum wie zum Beispiel das Portal tanz:digital sowie das im Aufbau begriffene Digitale Archiv der Freien Darstellenden Künste. Kultur- und archivpolitische Initiativen gehen neben dem Dachverband Tanz Deutschland vom Bureau Ritter aus, das im Auftrag der Kulturstiftung des Bundes mit dem Förderprogramm Tanzfonds Erbe künstlerische Projekte zur Auseinandersetzung mit dem Kulturerbe Tanz unterstützte und mit dem EU-Forschungsprojekt DanceMap dazu beitragen soll, das europäische Tanzerbe des 20. und 21. Jahrhunderts zu schützen und zu fördern. 

 

»Das Haus an der Bautzener Straße wurde für mich zur Villa Wigman. Hier verknüpften sich persönlicher Werdegang mit dem Wissen um die Tanzgeschichte zu meinem persönlichen Engagement für den Erhalt dieses Ortes und die Vision einer möglichen Zukunft: ein Raum für die Darstellenden Künste, der vielfältige Prozesse eröffnet und den Humus für künstlerisches Schaffen bildet.«  

Katja Erfurth  

 

Tanzarchive stehen aktuell vor existenziellen Herausforderungen in Bezug auf Digitalisierung, Zugänglichmachung und Vernetzung. Ein Kompetenznetzwerk »Tanz-Gedächtnis-Digitalität« könnte als föderales Modell das archivische Handeln, kulturpolitische Verantwortung und digitale Innovation verbinden und damit eine resiliente Basis für das kulturelle Erbe Tanz und den Tanz der Zukunft schaffen. 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 2/2026