Mit ChanceTanz fördert Aktion Tanz – Bundesverband Tanz in Bildung und Gesellschaft e. V. bundesweit partizipative Tanzprojekte mit Kindern und Jugendlichen. Dies tun wir als Programmpartner des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen von »Kultur macht stark«. Mit neun Millionen Euro über fünf Jahre fördern wir Projekte, in denen Kinder und Jugendliche erreicht werden, die aufgrund von Risikolagen wie Arbeitslosigkeit der Eltern wenig Zugang zu kulturellen Angeboten haben.
Seit 2023 legen wir einen besonderen Fokus auf Kinder und Jugendliche in ländlichen Regionen, und so finden mittlerweile über 30 Prozent der geförderten Projekte jenseits urbaner Zentren statt. Diese Quote ist nicht schlecht, doch angesichts der Tatsache, dass laut Thünen-Typologie über die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands in ländlichen Regionen lebt, noch nicht zufriedenstellend. Das hat jedoch eindeutige Gründe. Einrichtungen des Tanzes sind in ländlichen Regionen unterrepräsentiert, was dazu führt, dass wenige Tanzkünstlerinnen und -künstler oder Tanzvermittlerinnen und -vermittler jenseits urbaner Ballungszentren ansässig sind. Im Vergleich zu anderen kulturellen und künstlerischen Genres ist der Tanz in Deutschland strukturell noch schwach aufgestellt. Und dies gilt insbesondere für die ländlichen Räume.
Seit 2022 ist Aktion Tanz Träger des Netzwerkes »tanz weit draußen«, das bis 2025 im Rahmen des Projekts »Verbindungen fördern« vom Bundesverband Freie Darstellende Künste (BFDK) durch das BKM gefördert wurde. Ziel des Netzwerkes ist es, den Tanz in ländlichen Regionen zu stärken. Mit erfahrenen Partnern, wie der Tanzszene Baden-Württemberg, der Tanzregion Mecklenburg-Vorpommern, der fabrik Potsdam, tanz.nord und anderen arbeiten wir an Formaten und Strategien, den Tanz in ländlichen Regionen sichtbarer und stärker zu machen.
Viele der Tanzkünstlerinnen, die im Rahmen von ChanceTanz oder »tanz weit draußen« tätig sind und Tanzangebote für Kinder, Jugendliche oder auch Erwachsene machen, haben viele Jahre in Städten gelebt, bevor sie ein neues Leben auf dem Land beginnen, in ihre Heimat zurückkehren oder sich für ein Pendlerleben zwischen Stadt und Land entscheiden. Doch wie kreiert man Angebote, die von der Bevölkerung angenommen werden? Wie knüpft man an Lebensrealitäten des ländlichen Raumes an, die man selbst eventuell kaum kennt? Im Rahmen von ChanceTanz ist die Basis aller Projekte, unabhängig von ihrer Verortung, immer das Schmieden eines Bündnisses, das aus mindestens drei Organisationen besteht. Diese Bündnisse sollen das Erreichen der Kinder und Jugendlichen sichern, die künstlerische Expertise gewährleisten und entweder thematische Kenntnisse vertiefen oder sozialräumliche Erweiterungen schaffen. Kooperationen und das Setzen auf lokale Expertise ist ein Schlüssel für ein erfolgreiches Angebot in ländlichen Regionen. An Orten, in denen Kunst nicht von der eigenen Bubble lebt, ist Anschlussfähigkeit gefragt. Dies setzt ein ehrliches Interesse an den Lebenswirklichkeiten der Menschen vor Ort voraus. Und hier können die urbanen Zentren von den ländlichen Räumen lernen. Die Zeiten der Kunstpaläste sind vorbei. Wenn wir auch in den Städten mit Kunst und Kultur die Vielfalt erreichen wollen, dann muss man auch hier öfter jenseits der eigenen Kunstwelt hinsehen und zuhören. Die Entwicklung des Tanzes in ländlichen Regionen ist also viel mehr als die Beschäftigung mit der Kunstform Tanz. Es ist ein Suchen und Laborieren an den Grundwerten unserer Gesellschaft, in der gerechte Zugänge zu Kunst und Kultur ein wichtiger Grundpfeiler sind, um sich selbst in der Welt zu verorten, seine Stimme zu erheben, seine Position bewegend zu eruieren und ein neues Miteinander in Bewegung zu erforschen.
In den ChanceTanz-Projekten kommen viele junge Menschen erstmals mit Tanz und seinen Ausdrucksmöglichkeiten, die er als ganzheitliche Kunstform bietet, in Kontakt. Nein, nicht immer verändert sich dadurch das gesamte Leben junger Menschen, aber für viele eröffnet sich eine neue Welt der Kommunikation, der Präsenz, des Glücks, indem man sich in Bewegung verliert, sie modelliert, probiert und sich freudvoll selbst neu spürt – allein, im Team, im Duett.
Dass unser Fokus im Rahmen von ChanceTanz von dem Projekt »tanz weit draußen« flankiert werden konnte, war ein Glücksfall. Aber ein wichtiger, um den Tanz in ländlichen Regionen zu stärken. Umso fataler ist es, dass »Verbindungen fördern« nicht fortgeführt wird und das Netzwerk letztlich nur noch ehrenamtlich agieren kann. Den Tanz als freie darstellende Kunstform auch hier nicht mehr zu fördern, ist ein schwerer Schlag. Wir können nur auf eine Korrektur dieser Entscheidung hoffen. Ebenso hoffen wir auf eine Fortsetzung von »Kultur macht stark«. Die derzeitige Förderphase endet 2027 und damit auch ChanceTanz. Hoffen lässt uns die Tatsache, dass »Kultur macht stark« im Koalitionsvertrag erwähnt wurde. Es kann auch nicht ernsthaft einen Grund geben, an der Bildung von Kindern und Jugendlichen zu sparen. Das Erleben des eigenen Körpers – im Raum und mit anderen – ist wichtiger denn je in diesen zunehmend aufreibenden Zeiten.