Hinter den spektakulären Auftritten der Ballroom-Szene liegt eine lange Geschichte von Ausgrenzung und Selbstermächtigung. Was in nächtlichen Ballsälen in Harlem entstand, hat sich heute zu einer globalen Kultur entwickelt. Georgina Leo Saint Laurent, Wegbereiterin der deutschen Szene, und Litchi Saint Laurent im Gespräch mit Sophia Blochowitz.
Sophia Blochowitz: Georgina und Litchi, Ihr seid aktive und bekannte Mitglieder der Ballroom-Szene in Deutschland. Was zeichnet diese Szene aus?
Georgina Leo Saint Laurent: Die Ballroom-Kultur kommt aus der New Yorker Trans-Community und wurde von Schwarzen und Latinx-Transfrauen ins Leben gerufen. Eine entscheidende Person war Crystal LaBeija. Sie hat in den 80ern bei Schönheitswettbewerben, sogenannten Beauty Pageants, starke Diskriminierung gegen Schwarze oder Latinx-Teilnehmerinnen gespürt. Daraufhin hat sie als Reaktion ihre eigenen Wettkämpfe in Harlem gegründet, eine Mischung aus Schönheits- und Dragwettbewerb. Und das war dann der Kick-off der Ballroom-Szene. Ballroom genannt, weil die Wettbewerbe damals in alten Ballsälen abgehalten wurden, nachts, nachdem dort nichts mehr los war. Daraus ist eine richtige Gemeinschaft entstanden.
Litchi Saint Laurent: Die Szene ist in Gruppen aufgeteilt, ähnlich wie beim Hip-Hop die Tanzcrews. Aber im Ballroom nennen wir das House. Es gibt verschiedene Houses, die für viele Menschen wie eine Wahlfamilie funktionieren. Für das deutsche Publikum sagen wir oft, dass es wie eine Sportmannschaft ist: Man kommt zusammen und trainiert für ein bestimmtes Ziel. Doch bei uns geht es noch weiter: Wir unterstützen uns gegenseitig. Sowohl für Dinge innerhalb der Ballroom-Szene als auch für Dinge im Leben.
Georgina, Du bist eine Wegbereiterin der Ballroom-Szene in Deutschland. Warum war es Dir wichtig, sie aus den USA hierher zu holen?
Georgina Leo Saint Laurent: Ich habe Ballroom 2008 in New York kennengelernt. Eigentlich bin ich dorthin gereist, weil ich vorher in der Hip-Hop-Tanzszene unterwegs war. Dort war es für weibliche Identitäten, Bewegungen und Energie jedoch sehr schwer, sich durchzusetzen. Durch meinen Mentor Archie Barnett Ninja habe ich dann Ballroom entdeckt und war direkt schockverliebt. Ich hatte das große Bedürfnis, auch hier in Europa eine solche Gemeinschaft für mich zu finden. Doch es gab nur einen sehr kleinen Pool an Leuten in Europa, die, wenn überhaupt, eher noch in Hip-Hop-Battles inkludiert waren. 2012 habe ich dann gesagt: Wir brauchen jetzt unser eigenes Event. Wir können nicht schon wieder mit der Hip-Hop Community in einem Raum sein. Denn Ballroom ist ja auch viel mehr als nur eine Tanzkategorie, es ist eine Gemeinschaft. Daher war es wichtig, im Jahr 2012 einen eigenen Raum für Trans, Queere und BIPOC Menschen zu schaffen, der seitdem viel weiter gewachsen ist.
Und Du hast in dem Zuge dann auch das erste House in Deutschland gegründet?
Georgina Leo Saint Laurent: Ja, das House of Melody. Es war eine Gruppe von fünf Personen, überwiegend aus NRW, und wir haben dann gemeinsam die ersten Events organisiert und uns bemüht, die Ballroom-Kultur in Deutschland bekannt zu machen. Das House of Melody wurde 2019 geschlossen und seitdem gehören wir zu einem amerikanischen Ableger aus dem Jahr 1982: dem Iconic House of Saint Laurent. Das ist quasi unsere Mannschaft, unter der wir antreten und uns als Familie repräsentieren. Deshalb heißen wir mit Nachnamen auch Saint Laurent.
Was macht Euer House besonders?
Litchi Saint Laurent: Für alle, die im House sind, ist der familiäre Aspekt sehr wichtig. Besonders ist, dass wir einen engen Bezug zueinander haben und dass viele von uns auch in der Community- oder Knowledge-Sharing-Arbeit aktiv sind. Wir haben verschiedene Ableger von unserem House, genannt Chapter. Dazu gehören Chapter in Europa, Brasilien, Mexiko, Südkorea und natürlich den USA. Wir unterstützen uns alle gegenseitig in unserer Arbeit, und das kommt nicht nur uns selbst zugute, sondern hat auch einen Mehrwert für die Leute vor Ort. Wir haben viele Mitglieder, die wir Trailblazer nennen, also Leute, die die Kultur vor Ort etabliert haben, wie Georgina hier in Deutschland.
Welche Rolle spielt der Tanz in der Ballroom Culture?
Georgina Leo Saint Laurent: Der Tanz spielt bei uns eine sehr große Rolle. Ich würde sagen, dass Tanzen sehr wichtig ist, um sich zu befreien, sich zu empowern und sich zu finden, als Person oder als Persönlichkeit. Wofür stehe ich? Was ist mein Markenzeichen? Was macht mich aus? All das manifestiert sich in diesem Tanz oder in der Suche nach dem Tanz. Die Überkategorie unseres Tanzes nennt sich Voguing. Es gibt drei verschiedene Unterstile, die sich stilistisch stark unterscheiden. In den Stilen selbst finden sich gleich verschiedene Einflüsse: Contemporary, Ballett, Eiskunstlaufen, Zirkusakrobatik, polynesische Tänze, ägyptische Bewegungen und, ja, offensichtlich auch Modeling und Posing, wie es in dem Magazin Vogue üblich ist. Daher der Name Voguing. In allen Voguing-Kategorien finden sich Elemente von Performance, Posieren und dem Zeigen der eigenen Persönlichkeit. Es ist eine Freestyle-Tanzart, also Improvisation. Das heißt, alles, was beim Wettkampf passiert, ist improvisiert. Man kann sich wirklich nur für einen kurzen Moment vorbereiten und muss den Rest auf sich zukommen lassen. Diese Vorbereitung macht diesen Tanz besonders, denn hier geht es vor allem um Persönlichkeitsbildung.
Zu welcher Musik wird getanzt?
Georgina Leo Saint Laurent: Das ist unterschiedlich. Als Voguing erfunden wurde, befand man sich gerade im Übergang von Disco- zu House-Musik. Oftmals hat man die B-Seiten der Schallplatten gehört oder Remixes der Songs verwendet. Das waren dann klassische House-Tracks. Heutzutage wird aber auch viel Musik eigens fürs Voguing produziert. Einer unserer Väter im Ballroom ist der Iconic DJ Vjuan Allure Saint Laurent, der das Genre der Ballroom-Beats wirklich geprägt hat. Das ist ein sehr spezifischer Sound, den man dem Ballroom zuordnen kann.
Welche Rolle spielen die Wettbewerbe, die sogenannten Balls?
Litchi Saint Laurent: Hier können wir alle zusammenkommen, zeigen, woran wir gearbeitet haben und dann natürlich gegeneinander antreten. Eine Jury aus geladenen Expertinnen und Experten entscheidet, wer in der jeweiligen Kategorie gewinnt. Viele Menschen, die zum ersten Mal auf einem Ball auftreten, unterschätzen diesen Wettkampfaspekt und den damit einhergehenden Druck. Man möchte ja auch sein House angemessen präsentieren.
Georgina Leo Saint Laurent: Und man bekommt auch einen Pokal. Es ist ein bisschen wie bei den Olympischen Spielen, es kann nur eine Person die Goldmedaille gewinnen. Hier lernt man definitiv Widerstandsfähigkeit und auch, dass ein kleiner Moment auf der Bühne, der vielleicht nicht perfekt gelaufen ist, einen nicht für das ganze Leben bewertet. Deswegen kommen wir wieder, laufen den nächsten Ball und dann den nächsten.
Welche Rolle spielen die Houses bei den Wettbewerben?
Georgina Leo Saint Laurent: Wir sind füreinander ein Supportsystem. Wir helfen uns bei der Vorbereitung und beim Fertigmachen für den Auftritt. Wenn man läuft, hat jedes House seinen eigenen Song oder Chant, wie wir sagen. Das heißt, während des Wettkampfs hört man auch den Namen des Houses. Es ist ähnlich wie bei einer Fußballmannschaft, die man anfeuert. Und natürlich gewinnt man jede Trophäe, die man als Einzelperson holt, auch für das House. Und mit je mehr Pokalen ein House aus dem Ball geht, desto besser.
Kann man zu einem Ball gehen, auch wenn man nicht Teil der Szene ist?
Litchi Saint Laurent: Ja, das kann man. Wir haben meistens immer noch, ich sage jetzt mal, ein normales Publikum im Sinne von nicht aus der Community stammend. Wenn man das erste Mal zu einem Ball geht, sollte man sensibel genug sein, um zu verstehen, dass man als Gast erstmal guckt und lernt, anstatt zu denken, dass man aktiv mitgestalten kann – außer natürlich Klatschen und Anfeuern. Das macht immer großen Spaß. Ein Ball ist für Außenstehende, glaube ich, schon recht kompliziert. Mit eigener Sprache und Regeln und Kategorien, die für eine Person, die nicht in der Ballroom-Szene ist, vielleicht erstmal keinen Sinn ergeben. Es ist wichtig, sich darauf einzulassen und selbst zu recherchieren, um zu verstehen, dass es sich um die Kultur und Geschichte von Schwarzen- und Latinx-Transfrauen handelt. Wenn man als weiße oder Cis-Person einen Ball besucht, muss man sensibel genug sein, um zu verstehen, dass es nicht um einen selbst, sondern um andere geht. Es gibt mittlerweile auch viele Online-Ressourcen und Informationen über die Szene in Deutschland, ihre Entstehung und die aktuellen Angebote und Events.
Georgina Leo Saint Laurent: Ich würde noch hinzufügen, dass man auf jeden Fall jede Menge Spaß erwarten kann. Es gibt so viel zu sehen. Wie Litchi schon sagte, muss man aber auch verstehen, welche Kultur und Geschichte hinter diesem einzigartigen Erlebnis steckt. Es gibt auch Wege, Teil der Gemeinschaft zu werden, wenn man sich denkt, »Hey, das ist mein Space!«, oder wenn man jemanden kennt, der das gut gebrauchen könnte. Es gibt viele Anlaufstellen und auch in fast ganz Deutschland eigene Initiativen, die vor Ort Aktivitäten wie regelmäßige Sessions, Workshops oder kleine Bälle organisieren.
Wünscht Ihr Euch etwas für die Zukunft?
Georgina Leo Saint Laurent: Ich hätte gerne einen eigenen Veranstaltungsort. Eigene Räume für unsere künstlerischen Projekte zu haben, ist ein großes Privileg, und wir könnten diese gut gebrauchen. Wir haben große Lust, wieder mal eigene Theaterstücke auf die Bühne zu bringen, in Rollen von Choreografen oder Performerinnen. Oftmals ist diese Chance leider nicht gegeben, da wir meist nur für einen Ball angefragt werden, und mehr wird uns nicht zugetraut.
Litchi Saint Laurent: Ich möchte langfristige, nachhaltige Beziehungen mit Kooperationspartnern aufbauen. In unserem Fall beispielsweise mit Theatern, die über einmalige Events wie die Ausrichtung eines Balls in ihren Räumen hinaus-gehen. Und, das wünsche ich mir auf persönlicher Ebene, dass wir Mitglieder der Ballroom-Community genauso angesehen werden wie andere Künstlerinnen und Künstler. Es sollte mehr Verständnis dafür aufkommen, dass auch wir Menschen sind, die genauso wie alle anderen ihr Leben bestreiten müssen und dementsprechend auch gleichwertig behandelt werden sollten – im Alltag und auf dem Arbeitsmarkt.
Vielen Dank.
Mehr dazu
saintseurope.de/
instagram.com/houseofstlaurenteurope/