Am Anfang steht ein »Blind Date«: Lehrkraft und Tanzschaffende treffen sich zum ersten Kurs des Qualifizierungsprogramms »Tandem Tanz und Schule NRW«, mit Zeit für Gespräche, biografische Reflexion und für das gemeinsame Bewegen. Im Studio wird improvisiert, gespiegelt, Rollen werden gewechselt, Zusammenarbeit wörtlich in Bewegung übersetzt. Dieser Auftakt markiert den Startschuss für ein Schuljahr, in dem beide Professionen auf Augenhöhe eine gemeinsame Sprache entwickeln – eine Praxis, in der unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden, ohne zu trennen.
Bundesweit gibt es zahlreiche Formate im Bereich Tanz in der Schule. Das Modellprojekt von Aktion Tanz – Bundesverband Tanz in Bildung und Gesellschaft e. V. – verfolgt einen neuen strukturpolitischen Ansatz. Als Fortbildungsprogramm für Lehrkräfte und Tanzschaffende verbindet es tanzkünstlerische Praxis, multiprofessionelle Kooperation und Schulentwicklung miteinander. Bis zu 15 Tandems pro Durchgang entwickeln und realisieren Projekte für und mit ihren Lerngruppen und schließen mit einem projektspezifischen Tandem-Tanz-Zertifikat von Aktion Tanz e. V. ab. Damit reagiert das vom Land NRW und der Kulturstiftung der Länder von 2024 bis 2027 geförderte Programm auf eine bildungspolitische Leerstelle: Tanz ist zwar curricular integriert, wird aber selten umgesetzt und ist strukturell weder als Fach noch als künstlerische Expertise in der Schulentwicklung verankert.
Zentral ist das multiprofessionelle Setting, mit direktem Praxistransfer: Nicht einzelne Lehrkräfte »holen sich Methoden ab«, sondern es entsteht ein gemeinsames Entwicklungsfeld, in dem künstlerische und pädagogische Expertise auf konkrete Schulrealitäten bezogen wird. Unterrichts- und Projektformate im Umfang von rund 30 Stunden werden für spezifische Lerngruppen entworfen, erprobt und reflektiert. Die geteilte Verantwortung erzeugt einen wechselseitigen »Reality-Check«: Tanzschaffende stoßen auf schulische Institutionen, Lehrkräfte auf künstlerische Arbeitsweisen – in dieser Reibung wird Qualität produktiv verhandelt.
»Wir brauchen Tandems in der Schule – mit Zeit füreinander. Je klarer die Absprache, desto freier die Improvisation. So setzen wir dem in ›Richtig-und-falsch-Denken‹ etwas Bewegliches entgegen.«, so eine Lehrkraft aus einem Tandem.
Tanzvermittlung ist keine »ästhetische Kür«, sondern eine wissensbildende Praxis, in der Körper, Raum, Zeit und Beziehung als zentrale Bildungsdimensionen erfahrbar werden. Diese Praxis erfordert in ihrer Umsetzung Formatvielfalt und eröffnet Freiräume, in denen freischaffende, oft international geprägte Tanzschaffende Formate erproben und Schule ungewohnt in Bewegung bringen.
Zeitgemäße Tanzvermittlung – wie sie der Qualitätsrahmen von Aktion Tanz e. V. definiert – unterscheidet sich von anderen Unterrichtsformen dadurch, dass sie den Körper als primäres Medium der Erkenntnis und der Auseinandersetzung ernst nimmt. In choreografischen Prozessen werden Machtverhältnisse, Zugehörigkeit und Differenz nicht nur besprochen, sondern sichtbar, spürbar und verhandelbar gemacht. Phänomene der Kinder- und Jugendkultur werden aufgegriffen, transformiert und in ästhetische Prozesse überführt. Tanz wird so zu einem Ort, an dem Lebensrealitäten verhandelt und demokratische Teilhabe praktisch eingeübt wird. Die Verbindung von ästhetischer Erfahrung, Selbstwirksamkeit und Mitbestimmung in der Wahl von Themen, Formen und Präsentationsweisen markiert das besondere Potenzial tänzerischer Bildung für Schulentwicklungsprozesse.
»Tandem Tanz und Schule NRW« bündelt dieses Potenzial in drei Säulen: dem gemeinsamen Rollen- und Selbstverständnis im Tandem, der Choreografie auf Basis von Improvisation sowie einer partizipativen Praxis, in der die Spielregeln des Miteinanders ausgehandelt werden. Am Ende des gemeinsamen Jahres stehen unterschiedlichste choreografische Prozesse, die die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen aufgreifen und in Szene setzen – und damit eine Schule sichtbar machen, in der Körperwissen, künstlerische Forschung und demokratische Bildung zusammengehören.
Kulturpolitisch verweist das Programm auf die Notwendigkeit, Tanz und andere Künste nicht nur projektweise, sondern als strukturelle Ressource der Bildungsentwicklung zu begreifen. Die Verbindung von künstlerischer Prozessqualität, multiprofessioneller Zusammenarbeit und schulischer Implementierung berührt zentrale Debatten der kulturellen Bildung: von Teilhabe und Diversität über Ganztagsbildung bis hin zur Frage demokratischer Resilienz. Vor diesem Hintergrund kann »Tandem Tanz und Schule NRW« als Beispiel gelten, wie zeitgemäße Tanzvermittlung in schulische Strukturen eingebettet werden kann, ohne ihren künstlerischen und politischen Eigensinn einzubüßen – und wie aus einem »Blind Date« zwischen Schule und Tanz eine langfristige bildungspolitische Beziehung werden könnte.