Tänzer* ohne Grenzen ist eine interdisziplinäre Gemeinschaft von Kunst- und Kulturschaffenden mit dem Schwerpunkt Tanz, die sich seit vielen Jahren im Spannungsfeld von Kunst, Gesellschaft und Politik bewegt. Ihre Arbeit entsteht in sehr unterschiedlichen Kontexten – regional, national und international – in Städten und ländlichen Räumen, in Grenzregionen, in Bildungseinrichtungen, im öffentlichen Raum sowie in Institutionen der Hochkultur.
Die Arbeit ist konsequent partizipativ angelegt. Partizipation bedeutet hier die Mitgestaltung realer Prozesse. Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, verschiedener Altersgruppen und körperlichen Voraussetzungen sind nicht Zielgruppe, sondern Mitwirkende künstlerischer Entscheidungen. Die Arbeitsweise ist geprägt von Offenheit für die Expertise der Beteiligten. Unterschiedliche Erfahrungen und Fähigkeiten werden nicht nivelliert, sondern als Ressource verstanden. Der oft zitierte Satz eines Mitwirkenden – »We are creating something beautifulfrom our differences« – beschreibt diesen Ansatz prägnant. Tanz wird so zu einem Ort politischer und menschlicher Bildung, zu einem Denken mit dem Körper.
Besondere Bedeutung kommt dem jeweiligen Ort zu. Viele Projekte entstehen bewusst außerhalb etablierter Kulturzentren. Der sogenannte »Dritte Raum« – das Arbeiten in nicht eindeutig codierten Kontexten – ermöglicht es, gewohnte Rollen und Zuschreibungen zu hinterfragen. Gleichzeitig werden auch Räume der Hochkultur bespielt und angeeignet. Diese Bewegung in beide Richtungen macht kulturelle Blasen durchlässiger und eröffnet neue Begegnungsräume.
Ein exemplarisches Projekt ist »Das Fest – Tanz auf dem Plateau«, das zwischen 2022 und 2025 in der Grenzregion zwischen Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Polen realisiert wurde. Hunderte Menschen – darunter Kinder, Seniorinnen und Senioren, Vereine, Chöre, Landfrauen und Menschen mit Demenz – wirkten gemeinsam an einer Tanztheaterarbeit mit. Eine lange Tafel als zentrales Bühnenbild wurde zum Spielort, zum Ort der Begegnung und des Austauschs. Der Weg dorthin war von Skepsis geprägt. Vor Ort zu bleiben, Kontinuität zu zeigen und bewusst mit positiven Narrativen zu arbeiten, um negativen Denkmustern entgegenzuwirken, führte schließlich dazu, bestehende Ressentiments – auch grenzüberschreitend – sichtbar abzubauen. Die Wirkung hält bis heute an. Viele Beteiligte beschreiben ein neues Gefühl von Zugehörigkeit und Beheimatung.
Ein weiteres Beispiel für die langfristige Wirksamkeit partizipativer Arbeitsweisen ist die seit 2012 bestehende Kooperation mit der Bürgerstiftung Halle/Saale. Im Rahmen des Programms »Max macht Oper« entstehen zahlreiche Projekte, die Brücken zwischen Institutionen, Stadtgesellschaft und künstlerischer Praxis schlagen. Ein frühes Ergebnis war das Projekt »Kleines Gedicht für große Stotterer«, ausgezeichnet im Wettbewerb Kinder zum Olymp der Kulturstiftung der Länder. Bereits hier zeigte sich, wie künstlerische Prozesse Räume öffnen können für Stimmen und Körper, die im öffentlichen Diskurs häufig marginalisiert sind.
Zwischen 2017 und 2021 folgte mit »Eine Stadt tanzt« eine Reihe groß angelegter Tanzprojekte im Opernhaus Halle/Saale mit jeweils über 100 Beteiligten. Bürgerinnen und Bürger unterschiedlichster Altersgruppen, Hintergründe und Erfahrungswelten wurden Teil eines gemeinsamen choreografischen Prozesses. Kennzeichnend für die Kooperation ist weniger die Abfolge einzelner Projekte als vielmehr der Aufbau tragfähiger Strukturen. Über Jahre hinweg konnten Vertrauen, gemeinsame Arbeitsweisen und eine ungewöhnliche Allianz zwischen freier Kunstpraxis und Zivilgesellschaft entstehen. Immer wieder werden neue Formate erprobt, bestehende Ansätze weiterentwickelt. Die Projekte wirken nicht nur in den Aufführungen selbst, sondern schreiben sich in die Stadtgesellschaft hinein und verändern nachhaltig Wahrnehmungen von Teilhabe, Autoren- und Autorinnenschaft und kultureller Zugehörigkeit.
Auch transnationale Projekte sowie generationsübergreifende Arbeiten entstehen aus diesem prozess- und gemeinschaftsorientierten Ansatz. Sie sind eingebettet in die Themenschwerpunkte von Tänzer* ohne Grenzen für die Jahre 2025/2026: MUT und WIR. MUT steht für den Mut zum demokratischen Handeln und für Ermächtigung durch künstlerische Praxis. WIR verweist auf den Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt, sozialer Gerechtigkeit und auf die Frage: Wer wollen wir miteinander sein? Diese Themen bleiben nicht abstrakt, sondern werden in konkreten künstlerischen Prozessen praktisch verhandelt und erfahrbar gemacht.
Exemplarisch zeigen dies die Beteiligung an den Global Water Dances sowie der Tanzfilm »Ich gehe langsam aus der Welt heraus« (2025).
Tänzer* ohne Grenzen gestaltet die internationale Bewegung Global Water Dances aktiv mit, verantwortet die Umsetzung und Koordination von bis zu 20 internationalen Vorhaben des Netzwerks, das sich mit Wasser, Gerechtigkeit und Lebensgrundlage auseinandersetzt und alle zwei Jahre zeitgleich an zahlreichen Orten weltweit Community-Tanzprojekte realisiert. Die gemeinsame thematische Setzung schafft globale Verbindung, während die konkrete Ausgestaltung aus den jeweiligen lokalen Kontexten heraus entwickelt wird. Ein aktuelles Beispiel ist die Zusammenarbeit mit der Street Child Empowerment Foundation in Accra (Ghana). Ausgangspunkt war die Frage nach dem Zugang zu Wasser als sozialer, politischer, spiritueller und körperlich erfahrbarer Realität. In gemeinsamen Proben arbeiteten junge in Deutschland lebende sowie ghanaische Künstlerinnen und Künstler an Bewegungsmaterial, das ihre alltäglichen Erfahrungen mit Wasser, Mangel, Verantwortung und Ungleichheit widerspiegelt. Der öffentliche Aufführungsraum im urbanen Kontext Accras war Teil des künstlerischen Konzepts und richtete sich bewusst an die lokale Öffentlichkeit. Der transnationale Charakter des Projekts setzt sich fort: Die in Accra entwickelte Arbeit bildet die Grundlage für eine Weiterarbeit in Berlin im Jahr 2026, gefördert im Programm Engagement Global des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ). Dabei geht es nicht um Reproduktion, sondern um Übersetzung zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten. Der künstlerische Prozess wird so zu einem Mittel transkulturellen Dialogs, der auf Begegnung und geteilter Erfahrung basiert.
Einen leiseren, aber ebenso politischen Schwerpunkt setzt die generationsübergreifende Arbeit »Ich gehe langsam aus der Welt heraus« (2025). In Zusammenarbeit mit der 97-jährigen Hildegard entstand ein Tanzfilm über Leben und Sterben. In einer Gesellschaft, in der hohes Alter, Pflegebedürftigkeit und Tod häufig verdrängt werden, setzt das Projekt bewusst Gegenbilder.
Der Film ist zugleich Ausgangspunkt für generationsübergreifende Workshops in Berlin mit Menschen mit Demenz und Parkinson, Angehörigen, Pflegekräften sowie jüngeren Teilnehmenden. Tanz bietet hier als Kommunikationsform jenseits von Sprache Anschlussfähigkeit auch dort, wo sprachliche oder kognitive Fähigkeiten eingeschränkt sind.
In unseren Projekten werden soziale Wirklichkeiten erfahrbar. Tanzend treten wir in Beziehung zu uns selbst und der Welt. Tanz eröffnet temporäre Räume gelebter Utopien, in denen Gleichheit, Respekt und Solidarität nicht behauptet, sondern erprobt und verkörpert werden. Die Wirkung entfaltet sich nicht nur auf der Bühne oder im Film, sondern im sozialen Umfeld der Beteiligten: in veränderten Selbstbildern, neuen Formen von Verantwortung und erweiterten Perspektiven auf Gemeinschaft, Alter, Gerechtigkeit und globale Zusammenhänge. Was im Kleinen erprobt wird – Zuhören, Aushandeln, Ausprobieren, Verantwortung, Fürsorge – kann Muster für das große Ganze sein. In diesem Sinne ist die Arbeit von Tänzer* ohne Grenzen eine fortlaufende Untersuchung der Frage, wie wir zusammenleben wollen – und wie Kunst dazu beitragen kann.