Tanzen ist wie Balancieren auf unebenen Wegen, auf engen Pfaden, zwischen unterschiedlichen Positionen. Tanzen bedeutet, Richtungswechsel zu gestalten, Spannungen auszuhalten und zu lösen. Tanzen heißt, auf Grenzen zu gehen, sie zu überschreiten: Tanzkunst ist eine Grenzgängerin – zwischen den Künsten, zwischen Bühne und Alltag, zwischen Kulturen und zwischen Generationen. Ebenso ist die Wissenschaft vom Tanz und der Choreografie eine Grenzgängerin – zwischen den akademischen Fachdisziplinen, zwischen ästhetischen und sozialen Feldern, zwischen den Kontexten von Kultur, Umwelt und Politik. Als ich 2004 an der FU den ersten Masterstudiengang für Tanzwissenschaft einrichtete und mit den Mitteln des Leibnizpreises der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ein Zentrum für Bewegungsforschung gründete, verfasste ich für die Kulturstiftung des Bundes ein Manifest für den Tanz. Mit den Worten des Choreografen Édouard Lock warf ich die Frage auf, welche Möglichkeiten der Tanz habe, wenn er einmal schreien möchte – um jene Aufmerksamkeit zu erhalten, die für andere Bereiche in Kunst und Kultur selbstverständlich ist. Ein Schrei, um klarzumachen, dass Tanz unentbehrlich ist; nicht Dekoration und Event einer saisonalen Festivalkultur, sondern eine Grundlage des sozialen Lebens. Eine kritische und offene Tanzwissenschaft versteht Bewegung als einen ästhetischen, epistemischen und gesellschaftlichen Prozess; sie untersucht, wie körperliche Praktiken Wissen erzeugen, affektive Ordnungen, soziale Strukturen und kulturelle Bedeutung herstellen. Das genannte Manifest von 2004 umriss jene Felder in Kunst, Kultur, Bildung, in aktueller Tanzpraxis und (Tanz-)Geschichte, die dringend in den Fokus öffentlicher Wahrnehmung und der Kulturförderung gerückt werden sollten. 20 Jahre sind seither vergangen, und vieles ist zum Teil eindrucksvoll verwirklicht worden – auch in nachhaltigen Initiativen wie »Tanz in Schulen«, in kooperativer Strukturförderung, die Tanz und Forschung, Theorie und Praxis verbindet. Es waren und sind Projekte, die in unterschiedlichsten Formaten interdisziplinäre Austauschprozesse zwischen Tänzern und Wissenschaftlern angestoßen haben: Diese sind grundlegend für das Erwerben und Weitergeben von Wissen in Tanz und Choreografie. Tanz ist Bewegung, in welcher kulturellen Form er auch immer erscheint: als Bühnenkunst, als sozialer Tanz, in Ritualen ebenso wie in urbanen Bewegungsformaten. Gegenstände dieser forschenden Praxis sind Körperlichkeit, Raum-Anordnung, Zeit-Konfiguration, Rhythmus und die Dynamiken von Bewegungs-Kulturen, von humanen und ebenso nichthumanen Spezies. So gesehen ist Tanzwissenschaft eine Grundlagenforschung! Sie ist eine Grenzgängerin auch zwischen Disziplinen, die scheinbar fern liegen: etwa Architektur und Stadtforschung, Psychologie und Ökologie, Physik und Biologie. In Projekten an der FU befassten sich unsere Teams mit Themen zu Dynamik und Synchronisation von Schwarmbewegungen; zu Strukturen von Improvisation (und ihrer Un/Vorhersagbarkeit), zu anatomischen und psychologischen Zusammenhängen somatischer Praktiken, zur Beziehung von Tanz und Emotion, zu choreografischen Interventionen im öffentlichen Raum und zu Fragen von Tanz und Diversität.
Solche Forschung macht zum einen deutlich, dass es sich lohnt, Detailwissen über einzelne Tanzformen in unterschiedlichen Kulturen zu erarbeiten: Wie unterliegen Tänze und Choreografien in der Geschichte und in der Gegenwart sich wandelnden ästhetischen Konzepten? Wie entscheiden Bewertungen und Hierarchien über das Akzeptierte und das Verworfene in einem Kanon? Tanzwissenschaft untersucht zum anderen jene grundlegenden Bewegungen, die alle Menschen teilen. Darin besteht das künstlerisch variierte Material von Tanz: das Gehen, das Sitzen, das Liegen, die Balance und Erfahrung rhythmischer Koordination. Bewegung ist das basale Element von Tanz; und Tanzwissenschaft ist eine Schule des Sehens und Verstehens von Bewegung. Was wäre, wenn wir in einer Welt lebten, die ihre Energie und ihr Wissen ganz selbstverständlich aus der Relevanz von Tanz und Choreografie bezieht? Wenn Tanzpraxis und Auseinandersetzung mit fremden Tanzkulturen zum unverzichtbaren Kanon der Schulen gehörten? Wenn Tanz und Tanzwissenschaft Teil von Allgemeinbildung sind? Ein Kompass für die Zukunft!
Wir brauchen eine Tanzwissenschaft, die historisch-kritisch, theoriebewusst und zugleich poetisch ist; die den Blick auf die Geschichte mit Fragen der aktuellen Gegenwart verbindet; die Machtstrukturen in den Choreografien öffentlichen Lebens ebenso im Blick hat wie Dynamiken subtilster Übertragungen in intimen Interaktionen. Wie laut müsste sie heute, 20 Jahre später, schreien, und an welchen Stellen müsste es gehört werden, damit Tanz als das erkannt, gefördert und finanziert wird, was er ist: ein Denkmodell für komplexe Systeme, für politisches Handeln und soziale Strukturen; ein Labor für Dynamiken des Entscheidens und ein Muster für die immer wieder neu und improvisierend zu verhandelnde Balance zwischen Theorie und Praxis als gleichwertigen Partnern. Mithin: ein ästhetisches und zugleich widerständiges Modell verkörperter Wissensformen. Ein Wissen, das die Verletzlichkeit des Körpers und die Komplexität von Bewegung achtet und wachhält.
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»Human Writes« von William Forsythe