Volksmusik und Volkstanz haben bei uns nicht den besten Ruf. Peggy Luck, Vorsitzende des Verbandes PROFOLK, spricht im Interview über das Besondere des Folk.
Barbara Haack: Was genau macht der Verband PROFOLK?
Peggy Luck: PROFOLK ist der Bundesverband für Lied, Folk und Weltmusik in Deutschland. Ich übersetze das oft mit: Wir machen alles, was mit Wurzelkultur zu tun hat. Also traditionelle oder traditionell inspirierte Lied- und Tanzformen mit akustischen Instrumenten. Und mit viel Miteinander.
Als PROFOLK setzen wir uns dafür ein, dass mehr Menschen überhaupt wissen, dass es Folkmusik gibt, bzw. das, was wir in Deutschland aus verschiedenen Gründen nicht Volksmusik nennen. In Deutschland haben wir Probleme mit dem Begriff Volksmusik. Der eine Grund ist, dass nach dem Ende der NS-Zeit niemand mehr Lust hatte, das so zu nennen oder zu machen. Der andere Grund ist die heutige volkstümliche Musik, dieses Schlagerhafte. Ich sage immer: Playback vor Plastik-Bergwänden. Oft lernen Menschen »Volksmusik« auf diese Weise kennen und haben deswegen eine Distanz dazu.
Beispielsweise bei Carmen Nebel im Fernsehen?
Ja, oder im Musikantenstadl oder bei Florian Silbereisen. Das hat alles Elemente von traditioneller Musik. Aber es hat oft dieses Lebendige nicht. Und es hat, wenn es bei so einer Show zelebriert wird, auch eine andere Funktion, als wenn man es in einer Eckkneipe oder in einem Irish Pub miteinander zelebriert, selbst mitmacht und mittanzt. Das finde ich aber gerade besonders spannend, deshalb ist es für mich eine der lebendigsten Szenen, die es überhaupt gibt.
Wenn ich es richtig verstehe, macht Folkmusik die Volksmusik auch für uns heute hörbar oder nahbar?
Ja. Es geht nicht um das reine Bewahren. Wir sind nicht auf der Suche nach einer exakten Aufführungspraxis, sondern wollen mit traditionellen Quellen das tun, was uns in der Gegenwart Freude macht. Da gibt es eine gewisse Freiheit im Umgang. Ich bin sehr dafür, dass wir anfangen, mit der Tradition zu ringen. Der Musikethnologe Christian Kaden hat immer von »respektlosem Respekt« gesprochen.
Dafür muss man die traditionelle Musik aber erst einmal kennen.
Da leisten wir als PROFOLK, wie ich finde, eine wichtige Arbeit, weil diese Musik in der Schulbildung kaum vorkommt. Es kann sein, dass man vielleicht zwei oder drei Volkslieder im Schulunterricht singt, und das mehr oder weniger widerwillig, und gar nicht erfährt, was es da eigentlich noch alles gibt.
Welche Rolle spielt der Tanz?
Diese Szene ist teilweise sehr jung, hochgradig motiviert und es gibt da eine interessante Generationenauseinandersetzung. Die meisten Menschen, die in der Tanzschule waren, haben gelernt: Der Mann führt, die Frau folgt. Inzwischen werden die Rollen viel offener getanzt. Man kommuniziert, wenn es ein Paartanz ist, beim Zusammenkommen: Möchtest du lieber führen oder folgen? Oder man tauscht mittendrin.
Volkstanz kann also auch Paartanz sein?
Es gibt alle Formen. Es gibt Kettentänze, Kreistänze, Paartänze, es gibt Mischformen, bei denen man mittendrin wechselt. Und niemand muss seine Partnerin oder seinen Partner mitbringen. Ich denke, der Tanz, der vor allem zwischen der klassischen Tanzschulwelt und der Folk-Welt das verbindende Element ist, ist der Walzer oder auch die Polka oder Mazurka.
Was unterscheidet diesen Walzer, den ich in der Tanzschule gelernt habe, von dem Walzer im Rahmen von Folk?
Auf dem BalFolkabend ist es ein freierer Umgang. Es geht beim Volkstanz oder Folktanz auch nie darum, besonders gut auszusehen.
Wie ist es mit dem Unterschied zwischen dem Volkstanz und Folk-Tanz?
In den 70er und 80er Jahren hieß es auf beiden Seiten der Mauer einfach Volkstanz. Bei mir wechselt sich das im Sprachgebrauch ab zwischen Folktanz und BalFolk. BalFolk kommt von den französischen Festivals, die sehr jung, sehr experimentell und offen und international sind. Dort heißt es »bal folkoristique«. Dieser Begriff hat sich hierzulande auch für ein spezifisches Repertoire an europäischen Volkstänzen eingebürgert. Ich glaube, dass die ältere Generation eher das Wort Volkstanz benutzt und die jüngere eher bei Folk ist. Aber man kann das nicht so leicht abgrenzen.
Beobachtet Ihr, dass eine rechte Szene Volksmusik und Volkstanz wieder als ihr deutsches Kulturgut betrachtet? Und geht ihr dagegen an?
Ich denke schon, dass das passiert, aber nicht in unserer Szene. Die Folkszene, für die wir mit dem Verband stehen, bewegt sich in einer linksgrünen Tradition und war auch in den 70er und 80er Jahren noch viel politischer, als sie heute ist. Im Kern ist es etwas Offenes, etwas Internationales. Wobei diese Haltung auch gepflegt werden muss. Wir könnten noch deutlicher sagen, alle sind willkommen. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass wir in irgendeiner Form unterwandert werden.
Unsere Art, darauf zu antworten und uns damit auseinanderzusetzen ist, dass wir uns diese Musik und diesen Tanz nicht wegnehmen lassen. Die Tradition kann nichts dafür, und wir lassen nicht zu, dass diese große Kraftquelle bei denen bleibt, die damit andere ausgrenzen wollen.
Es ist auch ein Irrtum zu denken, man könnte Dinge finden, die es nur hier gab, und die in einer puristisch abgegrenzten Weise pflegen. Hier gab es immer so viel Migration, Melodien sind gewandert, Musikerinnen sind gewandert, Stile haben sich vermischt. Wir haben regelmäßig Schwierigkeiten damit, das überhaupt Deutsch zu nennen, weil es diese Grenzen nicht gibt.
Inwiefern ist Folkmusik und -tanz auch heute noch oder wieder politisch?
Diese Szene und diese Zusammenhänge erscheinen mir aus zwei Gründen politisch. Erstens: Wir wollen diese Tradition nicht den Rechten überlassen. Ich finde es schlimm, dass die AfD die einzige Partei ist, die sich dafür interessiert.
Zweitens: Wir reden gerade alle über Suffizienz, sozialökologische Transformation, Klimakrisen usw. Wenn ich sehe, wie man einem ganzen Raum voller Menschen einen Abend lang Freude bereiten kann: Wir singen gemeinsam, wir tanzen gemeinsam. Damit zeigen wir, wie wenig für eine zukunftsfähige Gemeinschaftskultur nötig ist.
Vielen Dank.