Die Berliner Mauer auf die Liste des Welterbes? »That’s a no-brainer« – »darüber braucht man doch gar nicht nachzudenken«, so im Frühjahr 2010 die lakonische Antwort von Gustavo Araoz, Präsident von ICOMOS – der Expertenorganisation, die die UNESCO zum Kulturerbe berät. Seine spontane und eindeutige Antwort deckt sich mit den Reaktionen auf diese Frage, die im Lauf der Jahre von Welterbe-Experten aus vielen Ländern kamen. Eine typische Antwort lautete auch: »Ja sicher – wenn ihr Deutschen sie nur endlich vorschlagen würdet!«

Was der ganzen Welt klar erschien, galt vielen in Deutschland – und vielleicht besonders in Berlin – lange Zeit als abwegig. Die in einem Leserbrief an die Berliner Zeitung im Jahr 2009 geäußerte Meinung eines Berliner Bürgers mag für zahlreiche andere stehen, die im Lauf der Jahre in den Medien laut geworden sind, wann immer das Thema aufkam: »Der Mauerfall war für uns Berliner ein wunderbares Ereignis, aber der Erhalt der Mauerreste ist für mich eine Schande. Wir Berliner wollen sie nicht mehr sehen. Der Opfer der Mauer kann durch Gedenktafeln und –steine, wie zum Teil schon vorhanden, gedacht werden. Also weg mit der verfluchten Touristenattraktion!«

Nun soll also Ernst gemacht werden. Das »Grüne Band« steht auf der nationalen Tentativliste, und diese ist die Vorstufe einer Nominierung als UNESCO-Welterbe. Aber allein als Naturerbe wird das Grüne Band nicht auf die Liste des Welterbes kommen können. Dem steht die Regel der UNESCO entgegen, dass eine nominierte Stätte »Integrity« besitzen muss. Diese ist nur dann gegeben, wenn die Stätte alle Elemente umfasst, die zu ihrem Verständnis notwendig sind. Und damit kommt die Berliner Mauer ins Spiel: Will man den Hintergrund, die Entstehungsgeschichte des Grünen Bandes begreifen, dann geht das nicht ohne die politische Geschichte des Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer.

Denn das Grüne Band bildet das jahrzehntelang unzugängliche Sperrgebiet entlang der innerdeutschen Grenze ab, also den durch Deutschland verlaufenden Teil des Eisernen Vorhangs. Als historischer Ort hat diese Grenzlandschaft nach den UNESCO-Leitlinien auch kulturelle Bedeutung. Dabei meint »Kultur« in diesem Sinne nur Abgrenzung von »Natur« und bedeutet nicht etwa, wie immer wieder missverstanden worden ist, eine Auszeichnung als großartige kulturelle Leistung.

Für solche Stätten, die herausragende universelle Werte sowohl als Natur- wie auch als Kulturerbe aufweisen, bieten die Leitlinien der Welterbekonvention ein eigenes Format, nämlich das einer »Mixed Site«. Maßstab für diese universellen Werte sind zehn recht scharf umrissene Kriterien, und hier kommt es nun sehr darauf an, welche dieser Kriterien auf das jeweilige Objekt passen.

Für die Berliner Mauer kommen insbesondere die Kriterien (iv) und (vi) der Leitlinien in Frage. Bei Kriterium (iv) geht es darum, dass eine Stätte eine bedeutsame Phase der menschlichen Geschichte illustrieren soll. Als ein solcher »bedeutsamer Abschnitt in der menschlichen Geschichte« im Sinne des Kriteriums wäre die Phase vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in das beginnende 21. Jahrhundert hinein zu sehen. Sie ist weltweit von dramatischen Änderungen geprägt. Hintergrund war die Systemkonkurrenz der beiden Supermächte und die sich daraus immer wieder ergebenden Konflikte, die zeitweise zu höchster Spannung führten und weltweite Kriegsängste auslösten. Die Ära sah aber auch die beiderseitigen Bestrebungen zu Entspannung. Sie sah vor allem die entscheidenden Umwälzungen der 1980er und 1990er Jahre, zunächst in Polen, aber auch in der Sowjetunion, kulminierend im Fall der Berliner Mauer. An den erhaltenen Mauer-Orten in Berlin lässt sich ablesen und nachempfinden, was diese Teilung der Welt für die betroffenen Menschen auf beiden Seiten der Grenze bedeutet hat.

Kriterium (vi) bezieht sich auf Orte, die in direkter und greifbarer Weise mit Ereignissen von herausragender weltweiter Bedeutung verbunden sind. Ein solches Ereignis war der unverhoffte Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989. Der Mauerfall als Ergebnis einer unblutigen Umwälzung in der DDR hatte eine enorme emotionale Wirkung. Nicht nur in Berlin und in Deutschland, sondern noch viel stärker in vielen Ländern der Welt wandelte sich die Wahrnehmung der Mauer schlagartig. Von einem Symbol des Kalten Krieges, der Trennung und der Gewaltherrschaft wurde sie über Nacht zur Ikone der Befreiung und der Hoffnung, zeigte der Mauerfall doch, dass tiefgreifende Änderungen in scheinbar fest gefügten autoritären Systemen möglich und machbar sind.

Die Berliner Mauer ist weltweit wahrscheinlich bekannter als jedes einzelne Objekt auf der Liste des Welterbes. Und ihre Bedeutung liegt nicht allein in der Vergangenheit: Weltweit gibt es rund 150 Denkmale mit Originalsegmenten der Mauer, und es kommen immer noch neue dazu. Die Millionen von oft sehr jungen Berlin-Besuchern, die die Mauerorte besuchen, belegen die nachhaltige Faszination, die von diesem Objekt ausgeht.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 3/2026