Wer sind »echte Leistungsträger« in diesem unserem Land? Für mich sind das die Ameisen, Bienen und andere Bestäuber, Singvögel und die Eibe. Was sie leisten, ist ein Vielfaches wert von dem, was menschliche Wirtschaftskraft schafft. Die Leistungen der Natur sind die Grundlage von allem, was wir essen, die Basis unseres Wohlstandes und der Gesundheit. Und was hat es mit der Eibe auf sich? Naja, aus ihren Nadeln stammt die Substanz eines der erfolgreichsten neuen Mittel gegen Krebs! So wie auch über die Hälfte aller neuen Antibiotika ihre Moleküle, ihre Ideen aus der Natur haben. Kein Wunder, sie konnte ungestört über Millionen Jahre experimentieren – von ein paar Meteoriten und in den letzten 10.000 Jahren von uns Menschen abgesehen. Innovationsoffen sozusagen.

Wir feiern in diesem Heft das Grüne Band – vom Todesstreifen zur Lebenslinie für die Natur. Klaus Töpfer nannte das Grüne Band »Das Tafelsilber der Einheit«. Silber kann man nicht essen. Kein Mensch kann Photosynthese. Keine künstliche Intelligenz kann das, was jeder Grashalm kann, aus Sonnenlicht, C02 und Wasser etwas Essbares machen. Wenn wir uns in die Sonne begeben, werden wir nur rot, nie grün. Apropos C02: Als Elon Musk einmal großkotzig twitterte: »Ich biete 100 Millionen für eine Erfindung, die C02 binden kann«, schrieb jemand zurück: »Dürfen sich auch Bäume bewerben?« Das ist mein Humor. Was blüht uns auf dem Mars? Nix! Der einzige Planet mit Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken und Pflanzen zum Essen ist die Erde. Kaffee, Sex und Schokolade gibt es nur, wenn wir geerdet bleiben und die knappen fruchtbaren Böden erhalten. Aus dem Weltall sieht man keine menschengemachten Grenzen, wohl aber den menschengemachten Klimawandel. Dort, wo es lange grüne Flächen gab, schreit im Sommer auf dem Satellitenbild die braune Dürre gen Himmel. Die wichtigsten Grenzen, die wir in diesem Jahrzehnt verteidigen müssen, sind nicht die politischen, sondern die Planetaren Grenzen. Sieben von neun der Planetaren Grenzen haben wir schon überschritten, rasen auf Kipppunkte zu, überhitzen unseren einzigen Planeten. Und unsere beste Waffe für diesen Kampf ist keine, die knallt, sondern die leise Wunden heilen und zuwachsen lässt, mit des Frühlings blauem Band, das eigentlich grün ist. Die »nature based solutions« wie Moore, Wälder, Wiesen und intakte Wasserkreisläufe sind effektiver als jede Technik zur C02-Bindung.

Von den versprochenen »blühenden Landschaften« ist ein Streifen wahr geworden, ein Streifen, der den Horizont erweitert. Das Grüne Band erinnert uns daran, dass etwas zusammenwächst, was zusammengehört. Wenn wir Wunden in Ruhe lassen, heilen sie. Solange es noch genug Regenerationskraft an den Rändern gibt.

Seit dem Fall der Mauer hat der BUND entlang der innerdeutschen Grenze auf rund 1.400 Kilometern eines der größten und bedeutendsten Naturschutzprojekte geschaffen – vom Ostseestrand bis ins sächsisch-bayerische Vogtland. Der ehemalige Grenzstreifen wurde zu einem Refugium für mehr als 1.200 seltene und gefährdete Pflanzen- und Tierarten, wie Fischotter, Schwarzstorche oder Arnika. Und den Ziegenmelker – ein flatterhafter Schmetterling, dessen Lebensraum und der aller Insekten immer mehr versiegelt wird. Das Grüne Band ist die größte »Entsiegelungsaktion« am Band! Deshalb unterstütze ich auch den BUND mit der Forderung, die Lücken des Grünen Bandes zu schließen und auf seiner ganzen Länge zum Nationalen Naturmonument mit dem Grünen Band Europa als UNESCO-Weltnatur- und Kulturerbe gesichert zu werden.

Als Arzt und Gründer der Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen bin ich gerne Pate, um dieses weltweit einmalige Denkmal bekannter zu machen. Denkmale sind oft monumental, hoch, aus Beton. Dieses Denkmal gibt zu denken, weil es markiert, wo Beton uns trennte. Das »Grüne Band« ist nicht hoch, dafür lang! Und wird künftig hoffentlich mit immer mehr Lebensräumen rechts und links verbunden, damit aus dem Band ein Netz wird, wo alles, was da kreucht und fleucht, frei hin und her kann, als Teil des Netzwerks des Lebens, das uns alle trägt. Deshalb dürfen auch bitte keine Zuwachsflächen versiegelt, bebaut oder zu Ackerland werden. Diese einzigartige Erinnerungslandschaft der jüngeren Zeitgeschichte ist unbedingt zu erhalten. Sie steht für Politik, Kultur und Resilienz. Das letzte »Niemandsland« ist unendlich kostbar!

Was kann ein einzelner Mensch schon in seinem Leben erreichen? Viel! Wenn er nicht alleine bleibt! So wie der junge Kai Frobel, der als Jugendlicher mit dem Fernglas an der innerdeutschen Grenze die Vögel beobachtete, während auf der anderen Seite mit Ferngläsern nach flüchtigen Menschen geschaut wurde. Aus diesem Engagement, der Kartierung der seltenen Arten, entstand direkt nach dem Mauerfall ein historisches Treffen von Umweltschützern aus Ost und West und die Idee.

Als Kind der Mauerstadt Berlin/West kannte ich das Phänomen. Ein Freund von mir beobachtet Molche und hatte seine besten Jagdgründe Ende der 1970er Jahre in den verwilderten Grenzgebieten. Als Berliner kannte ich auch den Slogan »Mit dem grünen Band der Sympathie« der Dresdner Bank, der mir heute noch als Melodie im Ohr klingt, wenn ich über das Grüne Band schreibe. Absurd, wie Werbeschrott sich ins Gedächtnis frisst. Die Bank gibt es nicht mehr, aber ihren Ohrwurm. Bei Ohrwürmern wünscht man sich gezieltes Aussterben, denn sie sind für unsere Aufmerksamkeit die Hölle! Und jetzt alle: »Hölle, Hölle, Hölle!«

Das Grüne Band erinnert mich daran, wie wir aus meiner Heimatstadt durch alle Grenzkontrollen nach Österreich in den Urlaub fuhren und an jeder Tankstelle die Windschutzscheibe putzen mussten, weil es so viele Insekten gab. Ihr massenhaftes Sterben erleben wir erstmal als Arbeitserleichterung. Weil wir keine Ahnung haben, was Insekten eigentlich lieber tun, als am Auto zu enden. Blüten finden! Keine Insektenhotels, lieber Insekten-Restaurants! Quizfrage: Was würde ein Glas Honig kosten, wenn die Bienen Mindestlohn bekommen? Trommelwirbel. Sie kommen nicht drauf. 300.000 Euro! Wir nehmen ständig Subventionen an von der Natur, preisen sie nicht ein in unsere Bilanzen, geben aber im Gegenzug 65 Milliarden Euro jährlich an klimaschädlichen Subventionen aus. Hölle, Hölle, Hölle.

Kurioserweise entstanden durch die Grenzstreifen ökologisch einzigartige Flächen. Das hatte mir Michael Succow bei einem Besuch in einem Naturschutzgebiet bei Greifswald für mein Buch »Mensch, Erde!« erzählt. Die russischen Panzer in den militärischen Sperrgebieten richteten weniger Schaden an als die Monokulturen in der Landwirtschaft. Michael Succow gelang es zusammen mit einer Handvoll Gleichgesinnten in einem Geniestreich, in der letzten Volkskammersitzung diese Flächen zu Naturschutzgebieten umzuwidmen. Noch mehr »Tafelsilber« der Einheit. Und was für eine Symbolik: Panzer störten die Schmetterlinge weniger als Pestizide. Schwerter zu Pflugscharen – Militärgebiete zu Überlebensgebieten.

Mit dem Grünen Band haben wir ein deutsch-deutsches Symbol, das immer faszinierender wird, je länger man sich damit beschäftigt. Es geht buchstäblich um Leben und Tod. Was verbindet uns als Menschen mit der Natur? Ist die Frage irreführend, so als wären wir Menschen nicht Teil von ihr? Wie machen wir Boden wieder gut? Warum ist Leerstand von Wohnungen etwas anderes als »Leerstand« von Blühwiesen?

So, wie das Band aus Deutschland einmal durch Europa geht, so zieht ein zweites Band einmal um den Erdball, um den Äquator. Die artenreichsten Gebiete der Welt sind in den Regenwäldern von Brasilien, dem Kongo, den asiatischen Regenwäldern, also genau die »Silberschätze«, die wir für Rindfleisch, Handys und Palmöl massakrieren. Deutschland ist immerhin mit der KfW der größte Biodiversitätsförderer weltweit, z. B. mit dem Legacy Landscape Fund. Ich erwähne das, weil es mit dem Erhalt der Arten ist wie mit einem Kreuzworträtsel. Senkrecht und waagrecht gemeinsam ergeben die Lösung. Einmal längs durch Europa und dann quer rund um den Erdball, nur so bewahren wir die Schöpfung. Und vor der Haustür anfangen. Happy Birthday, grünes Band!

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 3/2026