Als 1945 Deutschland geteilt und 1961 die Mauer gebaut wurde, trennte sie nicht nur geografisch Regionen, sondern Familien, Freundschaften und Beziehungen. Straßen endeten im Nirgendwo, Zugverbindungen existierten auf einmal nicht mehr, und jahrhundertealte Wirtschafts- und Kulturbeziehungen wurden gekappt. Wer früher nach Helmstedt ins Theater fuhr, musste nun nach Magdeburg oder eben andersherum.

Wenn man heute durch die ehemalige Grenzregion fährt, sind die Auswirkungen dieser Teilung immer noch spürbar. Mein Wahlkreis Börde-Salzlandkreis verläuft ein gutes Stück an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, heute zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Die Gegend war zwar schon immer ländlich geprägt, aber man merkt doch noch einmal verstärkt die kleinen Straßen und fehlende Industrie. Im Scherz macht man selbst heute noch »rüber«, wenn man an einem der braunen Schilder die ehemalige Grenze überquert. Die gefühlte Distanz »zur anderen Seite« ist weiter als die wirkliche geografische.

Doch es gibt 35 Jahre nach der deutschen Einheit natürlich auch Zeichen des Zusammenwachsens. Das Grüne Band ist dabei wohl eins der wichtigsten. Ich kam mit dem Grünen Band das erste Mal in den 2010er Jahren konkret in Berührung. Nachdem ich 1989 in Leipzig bei den Montagsdemonstrationen mitgelaufen war, hatte ich zunächst eine Weile in Westdeutschland und Belgien gelebt. Bei meiner Rückkehr nach Sachsen-Anhalt wurde ich nach verschiedenen anderen Stationen Anfang 2019 Geschäftsführerin der Landgesellschaft Sachsen-Anhalt. Diese war damit beauftragt, Ausgleichsflächen für das Grüne Band zu besorgen. Einige Monate später wurde das Grüne Band Nationales Naturmonument, was noch einmal für besondere Aufmerksamkeit für das Thema sorgte. Endlich gab es da ein gemeinsames Projekt, bei dem sich die Menschen der Region wieder kennenlernen konnten und sich vernetzten. Umwelt- und Kulturverbände, die Staatskanzlei und das Umweltministerium arbeiteten gemeinsam. Das Grüne Band wurde identitätsstiftend. Eine Erfahrung, die ich als heutige SPD-Bundestagsabgeordnete in den Kulturausschuss mitgenommen habe.

Seitdem geht der Erfolg des Grünen Bandes weiter: Am 30.01.2026 konstituierte sich der neue Fachbeirat Grünes Band für Sachsen-Anhalt. Vertreterinnen und Vertreter aus Kommunen, von Landeigentümern, der Erinnerungspolitik und anderen Interessengruppen werden hier Empfehlungen für die Landesregierung erarbeiten. Sie sollen insbesondere den neuen Pflege-, Entwicklungs- und Informationsplan (PEIP) für das Grüne Band mit konkreten Maßnahmen hinterlegen. Für den Naturschutzteil des PEIP bedeutet das z. B. Artenschutzmaßnahmen. Mit dem kulturellen Teil soll das Grüne Band erlebbar und erreichbarer werden. Wie können v. a. junge Menschen vom Grünen Band begeistert werden, die bisher wenig Interesse an der Aufarbeitung unserer geteilten Geschichte haben? Dabei geht es natürlich um die Menschen vor Ort, aber auch um Touristinnen und Touristen. Und es gibt viele Ideen: von der Rad- oder Wanderwegeerschließung über Zelt- und Grillplätze für Jugendliche an lost places wie aufgegebenen Dörfern, ehemaligen Grenzanlagen oder Kolonnenwegen bis hin zu digitalen Angeboten wie der Grenzwandler-App, die zeigen kann, wie es früher an der Grenze aussah. Ziel muss es sein, dass die Besucherinnen und Besucher aktiv die Natur und Geschichte dieses ganz besonderen Ortes erleben. In diesem Kontext wünsche ich auch der UNESCO-Bewerbung des Grünen Bandes von Herzen viel Erfolg.

Hiervon wird auch die Region profitieren. Je bekannter das Grüne Band wird, desto mehr kann es Identität stiften und Gebiete, die früher abgehängt waren, können wieder Regionalstolz entwickeln. Viele Heimatvereine sind zentrale Akteure, wenn es um kulturelle Veranstaltungen am Grünen Band geht. Für sie kann das Grüne Band ein echtes Alleinstellungsmerkmal für Förderanträge sein. Es überrascht daher nicht, dass eine große Anzahl Verbände großes Interesse an einer Beteiligung im neugegründeten Fachbeirat Grünes Band angemeldet haben.

Eine Maßnahme könnte die Identifikation mit dem Grünen Band noch einmal relevant stärken: Im Koalitionsvertrag des Landes Sachsen-Anhalt wurde vereinbart, ein »Besucherzentrum Grünes Band der Erinnerung Sachsen-Anhalt« zu schaffen. Eine Machbarkeitsstudie hat drei mögliche Orte für die Errichtung eines solchen Zentrums identifiziert. Es wäre im Interesse aller Beteiligten, dieses Projekt noch vor den nächsten Landtagswahlen anzustoßen. Ein solcher Ort könnte Raum geben für die weitere Wiederaufnahme von Kontakten in der Region und über die ehemalige Grenze hinweg.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 3/2026