Der Sänger der »Prinzen« spricht mit Ludwig Greven über Freiheiten und Unterdrückung in der DDR, Fehler bei der Wiedervereinigung und sein Engagement gegen Feinde der Demokratie im Osten.
Ludwig Greven: Sie sind in der DDR groß geworden. Als Sie 23 waren, wurde die SED-Diktatur gestürzt. Hatten Sie bis dahin überhaupt schon Demokratie erlebt?
Sebastian Krumbiegel: Auf jeden Fall. Ich möchte die DDR auf keinen Fall schönreden. Sie war keine Demokratie, kein Rechtsstaat. Und ich möchte auch niemanden brüskieren, der unter der SED gelitten hat. Aber ich hatte damit wenig zu tun. Ich war privilegiert, weil ich im Thomaner-Chor aufgewachsen bin und wir viel durch die Welt gereist sind und natürlich auch demokratische Systeme erlebt haben. Aber wir haben nicht 24 Stunden am Tag gesagt, wir leben in einer Diktatur, und wie schlecht es uns geht. Wir haben uns eingerichtet und mit den Gegebenheiten arrangiert Wir haben unser Leben genossen, so gut es ging.
Gab es in DDR-Schulen Freiheiten? Oder nur Gehorsam gegenüber Staat und Partei?
Es gab morgens manchmal Fahnenappell. Aber die ganze Rotlichtbestrahlung, den Staatsbürgerkunde-Unterricht und die Pioniernachmittage haben wir eher belächelt und uns darüber lustig gemacht. Wenn ich jedoch meinem 90-jährigen Vater sage, so schlimm war das doch alles gar nicht, dann sagt er mir: Du bist zu jung, Du hast nicht erlebt, was wir in den 1950er und 1960er Jahren durchgemacht haben.
Meine Eltern haben in der Paulinerkirche in Leipzig an der Universität geheiratet. Diese Kirche wurde 1968 auf Geheiß von Walter Ulbricht gesprengt. Mein Vater hat Eingaben dagegen geschrieben, bis nach Berlin. Er hat nach dem Mauerfall durch seine Stasiakte erfahren, dass ihm das in seiner Karriere als Wissenschaftler schwer geschadet hat. Weil er aufbegehrte, wurde er von der Forschung in die Produktion versetzt. Er war damals an der Akademie der Wissenschaften, dem heutigen Umweltforschungszentrum, und hat nachgewiesen, dass die Kinder in der Chemieregion um Leipzig und Bitterfeld an Atemwegserkrankungen litten. Er durfte diese Studien nicht veröffentlichen. Aber es war uns allen klar. Was übrigens zeigt, wie sehr die Geschichte der Wiedervereinigung auch mit dem Umweltthema verknüpft ist.
War Ihr Vater dadurch ein Vorbild für Sie?
Ich bin stolz darauf, dass er gerade geblieben ist und er sich nicht hat einschüchtern lassen. Meine Eltern haben uns den Kompass mitgegeben: Seid zwar vorsichtig, aber sagt eure Meinung. Natürlich konnten wir nicht sagen, die Mauer muss weg, Honecker ist ein Schwein. Aber auf unserer ersten Platte haben wir 1987 ein Lied gesungen, »He Betriebsdirektor, schau Dir an, die Fische schwimmen alle auf dem Rücken. Schalt mal Deine Filteranlagen ein.« Die Leute haben das verstanden und geklatscht. Damals konnte noch keiner ahnen, dass die Geschichte so einen Verlauf nehmen würde. Doch wir haben unsere Möglichkeiten genutzt. Die DDR war wirklich dreckig, der Schnee war am Abend schwarz von den Umweltgiften. Das sage ich allen, die sich diesen Staat zurückwünschen. Allein die Luft ist heute anders als die, die wir damals eingeatmet haben.
Wurde in Ihrer Familie über solche Themen gesprochen?
Ja. Wenn wir morgens in die Küche kamen, lief Deutschlandfunk, also Westradio. Ich will meine Eltern nicht als Helden stilisieren. Und ich war auch kein Dissident. Aber man konnte anständig bleiben. Meine Mutter hat mir immer gesagt: Hinterfrag Autoritäten! Das war für mich eine wichtige Lehre. Allerdings immer mit dem Hintergrund: Lehn dich nicht zu weit aus dem Fenster. Du willst Abi machen und was werden. Lass dich aber trotzdem nicht verbiegen.
Sie konnten in Rockbands singen, selbst während des Wehrdienstes in der Volksarmee. Haben Sie Ihr Leben in der DDR dennoch als unfrei empfunden?
Mir war immer klar, dass es eine Diktatur war. In meinen Tagebüchern habe ich auf die DDR geschimpft. Das war auch die klare Meinung meiner Freunde und Klassenkameraden. Wir waren gegen alles, was mit Marxismus-Leninismus zu tun hatte, auch wenn ich heute sagen muss, dass Marx in vielem durchaus recht hatte.
Hatten Sie die Hoffnung, dass das DDR-System irgendwann stürzen würde?
Spätestens mit Gorbatschow kam diese Hoffnung. Deswegen wurde er in der DDR gefeiert. Wir haben ein Lied über ihn gemacht: »Hallo lieber Michail, sag uns, was spielst du da für ein neues Spiel? Bring uns doch mal die Spielregeln bei.« Das konnten wir damals singen.
Was waren Ihre stärksten Gefühle, als die Mauer fiel und die SED-Bonzen abtreten mussten: Freude darüber, endlich frei reisen und auch im Westen auftreten zu können? Oder darüber, nun über das eigene Leben frei bestimmen und das Land anders gestalten zu können?
Das war mein Hauptgedanke: Hey, jetzt passieren ganz neue Sachen. Ich habe damals allerdings nicht gesehen, wovor Bürgerrechtler gewarnt haben, dass von den Ideen, die sie im Neuen Forum und in der DDR-Umweltbewegung hatten, nicht viel bleiben würde. Sie wollten die DDR reformieren, nicht die schnelle Wiedervereinigung. Rückblickend betrachtet hätte man die Chance nutzen sollen, positive Dinge zu übernehmen, die es in der DDR gab, wie das gemeinsame Lernen in den Schulen oder die Polykliniken. Von der Bundesrepublik wurden viele Fehler gemacht. Zu sagen, ihr habt 40 Jahre ein falsches Leben gelebt, nichts stimmt von dem, was ihr hattet, war falsch. Man hätte sich auch eine neue Hymne geben können. Bei vielen schwingt immer noch die erste Strophe mit: »Deutschland, Deutschland über alles«. Das holen sie jetzt wieder raus. Deshalb sträubt sich nach wie vor irgendwas in mir, die Hymne zu singen.
Die Fehler bei der Wiedervereinigung wirken bis heute?
Die Mentalität im Westen, wir haben gewonnen, ihr seid die Loser, das fällt uns heute im Osten auf die Füße. Man hat den Leuten ihre Identität genommen. Sie durften auf nichts mehr stolz sein. Viele im Westen haben bis jetzt keine Ahnung, wie wir im Osten gelebt haben. Wir haben nicht jeden Tag gerufen: Hilfe, Hilfe!
Aber woher kommt es, dass es nicht nur bei Menschen, die die DDR noch erlebt haben, sondern auch bei ihren Kindern und Enkeln, die in Freiheit und Demokratie aufgewachsen sind, wieder einen so starken Wunsch gibt nach einem autoritären Staat?
Das wird durch die Generationen weitergereicht, dieser Frust und die Enttäuschung. Die Eltern geben das an ihre Kinder, und die tragen das weiter. Diese erste Generation zündet heute keine Asylbewerberheime mehr an wie in den 1990er Jahren in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen. Aber die Gedanken sind immer noch da.
Hätte es nach der Einheit eine allgemeine politische Schulung gebraucht, um zu lernen, dass Demokratie nicht einfach heißt, die Mehrheit entscheidet, sondern dass dazu Minderheitenrechte gehören. Und dass Demokratie unbequem ist und eigenes Engagement verlangt?
Das braucht es heute noch viel mehr. Auch wenn ich denke, dass bei vielen das sprichwörtliche Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hat gesagt: In einer Diktatur zu leben, ist bequem. Wenn man sich an die Spielregeln hält, muss man sich um nichts kümmern. Der Staat gibt alles vor. Viele sehnen sich danach zurück. Freiheit ist, wie Rosa Luxemburg einst sagte, immer auch die Freiheit der Andersdenkenden. Wir müssen allerdings aufpassen, dass wir in unseren Blasen nicht selbst sagen, nur unsere Meinung zählt. Ich weiß auch nicht immer, was richtig oder falsch ist.
Sehen Sie sich als Botschafter der Demokratie, auch als Musiker?
Ich mache mich für die Demokratie gerade und sage klar meine Meinung. Aber ich bin kein Aktivist. Meine neue Platte ist wieder ziemlich politisch geworden. Doch ich will niemandem vorschreiben, wie er zu leben hat. Ich will Denkanstöße geben und nicht danebenstehen und nichts machen in diesen wirren Zeiten.
Sind Sie manchmal frustriert, wenn Sie sehen, wie sich trotz Ihres Engagements und das von vielen anderen die Dinge in die falsche Richtung entwickeln und die AfD immer stärker wird?
Ich kriege oft um die Ohren gehauen, das bringt doch alles nichts. Ich halte das für einen Irrtum. Wenn es nicht Leute gäbe, die aktiv sind, wäre es noch viel schlimmer. Wir machen seit 1997 zum Beispiel eine Aktion »Leipzig zeigt Courage« gegen Neonazis. Wir müssen sowas noch viel mehr machen. Wir müssen die Demokratie vor ihren Feinden schützen. Mich schmerzt, dass Rassismus, Antisemitismus und Queerfeindlichkeit wieder so viel Oberwasser bekommen.
Woran liegt das?
Das hat auch damit zu tun, dass von der Politik viele Fehler gemacht worden sind. Zum Beispiel dass man alle Jugendclubs im Osten zugemacht hat, weil sie FDJ-Clubs waren. Die Jugendlichen verloren dadurch Orte, an denen sie zusammenkommen konnten. Die haben sich dann an der Tanke getroffen und sind auf dumme Ideen gekommen. Und es ist genauso ein großer Fehler, dass man nun an der Kultur spart. Kultur ist überlebenswichtig. Wenn wir auf Kultur verzichten, werden wir kulturlos. Dann geht man unkultiviert miteinander um. Und wenn dann auch noch so etwas passiert wie jetzt mit den Epstein-Akten, dass die gesamten Eliten am Pranger stehen, ist das alles Wasser auf die Mühlen derjenigen, die sagen: »die da oben«.
Würden Sie vor AfD-Anhängern auftreten, um sie mit Ihren Überzeugungen zu konfrontieren?
Ja, würde ich. Nicht vor den AfD-Kadern. Aber man muss mit den Leuten reden. Wir haben im vorigen Jahr vor den Landtagswahlen ein Minifestival gemacht in dem kleine Ort Themar in Thüringen. Da gab es jahrelang ein Rechts-Rock-Festival »gegen Überfremdung«. Wir haben versucht, dem etwas entgegenzusetzen. Abends saßen wir bei der Mutter des Veranstalters in ihrem Nest mit sechs Häusern auf dem Balkon, und sie sagte: »Der Nachbar da wählt AfD, der da hängt immer die Reichskriegsflagge raus. Wir sind hier umgeben von Rechtsextremisten. Aber wenn der Nachbar eine Bohrmaschine braucht, kriegt er sie geliehen. Doch wenn er sich ein Hakenkreuz an die Jacke macht, kriegt er eine Anzeige.« Diese Haltung, die Leute nicht zu verteufeln, das Gespräch zu suchen und offen zu sein, aber klare rote Linie zu ziehen – das halte ich für die genau richtige. Das ist jedenfalls auch meine.