Immer wieder haben mich Menschen nach der Friedlichen Revolution und Wiedervereinigung gefragt, wie war das so zu DDR-Zeiten, wenn du an der innerdeutschen Grenze warst. Im ersten Moment bin ich dann, auch heute noch, irritiert. Wie kommen Menschen darauf, dass ich dort hingegangen bin? Warum überhaupt sollte ich dort hingehen? Es war für mich eine Gefahrenzone, eine No-Go-Area. Man wusste, dass man schon weit vor der Grenze angesprochen werden würde. Was wollen Sie hier? Wohin wollen Sie? Zeigen Sie Ihre Papiere.

Dann überlege ich. Nein, nicht einmal in Berlin, wenn wir auf Klassenfahrt oder privat dort waren, bin ich auf die Idee gekommen, Richtung Grenze zu gehen. Am nächsten kam ich ihr vor dem Brandenburger Tor, denn die Straße Unter den Linden ging man natürlich immer entlang. Richtung Checkpoint Charlie bin ich nie gegangen.

Und das heutige »Grüne Band«, die innerdeutsche Grenze über Felder und Wälder? Niedersachsen war nicht weit. Aber ehrlicherweise wäre ich zu DDR-Zeiten gar nicht auf die Idee gekommen, mich der Grenze ohne Grund zu nähern. 5 km vor den Grenzanlagen – und diese waren ja auch breit – war eh Schluss. Mit dem Zug ging es schon eher. Man bekam ohne Passierschein oder Genehmigung gar keine Fahrkarte. Und wäre man sitzen geblieben, wäre man rausgefischt worden. Keine schöne Vorstellung, von Grenzkontrolleuren aus dem Zug geholt zu werden und zur Befragung verbracht zu werden. Diese Grenze, die heute das längste Naturschutzgebiet Deutschlands ist, sie war da, aber sie war kein Ziel von Spaziergängen.

Von westdeutscher Seite aus war das anders. Man konnte ja bis an die Mauer oder den Zaun heran.

Und trotzdem gab es auch für mich Berührungen. Mein Mann war für den Wehrdienst an die Grenze geschickt worden. Da war die Angst auch bei mir immer im Hinterkopf. Ich wusste, er würde nicht schießen wollen. Ich war mir sicher, er würde es auch nicht tun. Aber wir wussten auch beide, Nichtschießen hätte schlimme Konsequenzen für ihn persönlich gehabt. Geredet haben wir erst sehr viel später darüber. Für ihn war es ganz sicher eine der schwierigsten Zeiten in seinem Leben. Gut, dass er nie in die Situation gekommen ist, sich entscheiden zu müssen.

Und dann war da noch der Ernteeinsatz am Beginn meines Studiums. Der war verpflichtend für alle Studierenden. Schließlich sollten wir auch in der Praxis dem Sozialismus dienen. Wir waren zur Kartoffelernte eingesetzt. Unsere Unterkunft, die Felder und die Sortieranlagen lagen in der 5-km-Zone an der Grenze nach Niedersachsen. Das war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich einen Passierschein für dieses Gebiet bekam. Aber man konnte nicht einfach raus und rein. Man kam einmal rein und am Ende der Zeit einmal raus. Weil das Ferienlager, in dem ich im Sommer gearbeitet hatte, eine Auszeichnung bekam, durfte ich dann doch einmal zwischendurch nach Magdeburg und danach zurück zum Einsatz fahren. Ich kann mich immer noch an das eigenartige und ungute Gefühl erinnern, als ich kontrolliert wurde. Ich hatte den Schein ja, aber in einer Diktatur, in einem repressiven Staat, empfand man jede solcher Kontrollen als Bedrohung.

Pilze suchen war übrigens in diesem Sperrgebiet eine Freude. Das heutige Grüne Band war schon damals ein Naturreservat der besonderen Art. Und so verbinde ich dieses Wohnen und Arbeiten in Grenznähe auch mit dem Duft von geschmorten Pilzen auf dem kleinen Kohleofen in unserer Unterkunft. Ein trügerischer Duft von heiler Welt.

Durch meine Arbeit an den Gesetzen »Zur Rehabilitierung in der DDR aus politischen Gründen Verfolgter« kam mir das heutige Grüne Band dann sehr nahe. Als 1965 Geborene waren mir die 1950er und 1960er Jahre aus familiären Erzählungen bekannt. Aufgewachsen in einer katholischen Familie mit auch diesem Umfeld waren viele kritische Themen am Abendbrottisch oder bei Geburtstagen präsent. Aber da wir in der Familie nicht betroffen waren, auch nicht im Freundeskreis, war das Thema Zwangsumsiedlung nicht so sehr präsent. Das Leid, das die Aktion »Ungeziefer«, die Zwangsumsiedlung in der Nacht, ohne Ankündigung, der Verlust des Zuhauses und die Verleumdung dieser Menschen gebracht hat, kann nicht ungeschehen oder wiedergutgemacht werde. Aber dass uns bei der letzten Gesetzesnovelle eine Anerkennung dieses Leides gelungen ist, das ist gut und wichtig.

Diese innerdeutsche Grenze wurde nach und nach undurchdringlicher. Es war ein Prozess, der in einem Todesstreifen mit Tretminen und Selbstschussanlagen endete. Nahezu unüberwindbar und oft tödlich für die, die es trotzdem versuchten. Aber auch tödlich für junge Männer, die zum Dienst an dieser Grenze gezwungen wurden und den Druck nicht ertragen konnten.

Dass sie heute als Grünes Band, weiterexistiert, gesehen und bewandert werden kann in ihrem unglaublichen Ausmaß, ist gut. Sie ist gleichzeitig Zeitzeugin, Mahnerin und Zukunft von Natur. Es das ist das Beste, was wir tun können mit diesem Streifen, der Deutschland und die dort lebenden Menschen so lange teilte und jetzt wieder verbindet. An vielen Stellen wird man sich der ehemaligen Grenze gar nicht mehr bewusst, und auch das ist gut. Genauso wie die Stellen an denen man ganz bewusst die ehemalige Grenze sichtbar macht. Viele Jüngere sind in dem Glauben aufgewachsen, dass Grenzen etwas Vergangenes sind. Leider ist auch das ein trügerischer Glaube.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 3/2026